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Flattern ohne Durchblick

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 11:49

Die zoologische Ordnung der Fledermäuse gehört zu den vielfältigsten Säugetierarten der Welt – und sie sind die einzigen, die fliegen können. Überdies haben viele Echolot entwickelt, mit dem sie ihre Beutetiere, in der Regel Insekten, selbst in schwärzester Nacht orten können. Die Preisfrage lautete bisher, was zuerst kam, Flugfähigkeit oder Ortungssystem. In der aktuellen „Nature“ fällt mit der Vorstellung eines neu entdeckten Fossils die Entscheidung.

Flatterten sie erst oder haben insektenfressende Fledermäuse ihre berühmte Echoortung schon entwickelt, als sie noch auf den Bäumen nach Beute jagten, oder kamen beide Fähigkeiten gar gleichzeitig? „Die Frage beschäftigt die Experten schon seit Jahrzehnten“, erklärt Fledermausexperte Dr. Jörg Habersetzer, Sektionsleiter beim Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. Ein besonders urtümliches Fledermausfossil aus dem frühen Eozän bringt jetzt wohl die Lösung des Streits. Onychonycteris finneyi, auf Deutsch Krallenfledermaus, aus der Green-River-Fundstätte in Wyoming ist die primitivste bisher bekannte Fledermaus und konnte eindeutig fliegen. „Aber  sie hatte unseren bisherigen Informationen zufolge“, so Habersetzer, „kein Echolot.“ Das Fossil wird im Royal Ontario Museum in Toronto aufbewahrt und wurde jetzt unter der Leitung von Nancy Simmons vom American Museum of Natural History in New York erstmals beschrieben.

 Fledermauskopf

Knapp 1,5 Zentimeter maß der Kopf von Onychonycteris finneyi. Foto: Forschungsinstitut Senckenberg

Green River ist der Überrest einer riesigen Seenplatte aus dem Eozän. „Der größte See war viele hundert Quadratkilometer groß und auch der See, an dem unser Fossil lebte, maß immerhin 100 Kilometer Länge“, erklärt Gregg Gunnell vom Paläontologie-Museum der Universität von Michigan in Ann Arbor. Bisher ist die Fundstätte vor allem für ihre große Zahl gut erhaltener Fische bekannt, doch hat man auch rund ein Dutzend Fledermausfossilien gefunden. Onychonycteris nutzte statt Echolot offenbar seine Augen, seine Nase und sein zweifellos schon scharfes Gehör, um Beutetiere zu entdecken und zu jagen. Ob es am Tag, nachts, oder in der Dämmerung aktiv war, kann man aus dem Fossil nicht ablesen.

Damit ist die Kontroverse zunächst einmal zugunsten der Erst-Flug-Dann-Echo-Hypothese beendet, zumal die Krallenfledermaus offenbar schon die ersten Schritte in Richtung Echolot gegangen ist. „Der Stylarfortsatz, mit dem Fledermäuse mit Echolot ihr Innenohr abschirmen, hat bereits ein verbreitertes Ende“, so Gunnell. Allerdings ist dieser Schirm bei Onychonycteris bei weitem nicht so ausgeprägt wie bei den heutigen Fledermäusen. Außerdem ist die Schnecke des Innenohrs, mit der Säugetiere Laute empfinden und an das Gehirn weiterleiten, nicht groß genug, um Ultraschallwellen registrieren zu können. „Ultraschallimpulse werden an der Basis der Schnecke registriert“, so Habersetzer, „und die der Krallenfledermaus war zu klein dafür.“ Es muss eine ziemlich rasante Entwicklung in Richtung Echolot gewesen sein, dann etwa zeitgleich mit Onychonycteris hat offenbar eine andere Fledermausart gelebt, von der man annimmt, dass sie bereits über Echolotfähigkeiten verfügte.

Habersetzer und seine Kollegen untersuchten das wertvolle Fossil, das im Royal Ontario Museum in Kanada aufbewahrt wird, mit den Mikroröntgen-Geräten des Senckenberg-Instituts. Damit können Details von 0,04 Millimeter aufgenommen werden. Am Frankfurter Forschungsinstitut hat die Arbeitsgruppe inzwischen 549 Fledermausskelette mit Röntgen- und teilweise auch mit Computertomographie durchleuchtet.  Darunter befinden sich auch viele der Fledermausfossilien, die man in der Grube Messel gefunden hat, die allerdings jünger als die Krallenfledermaus aus Wyoming sind. „Nur diese Datenbank gibt uns die Vergleichsmöglichkeiten, um anatomische Aussagen machen zu können“, erklärt Jörg Habersetzer. Aus dem Vergleich von heute lebenden Fledermäusen, die entweder Echolokation betreiben, oder wie die fruchtfressenden Flughunde ohne Echolot auskommen, können die Paläontologen auf die Fähigkeiten bereits ausgestorbener Arten schließen. Bei der Krallenfledermaus ging das, obwohl das Fossil durch die Sedimente, in die es eingebettet war, platt wie eine Flunder gedrückt wurde.

Als nächstes wollen die Paläontologen eine Fledermaus-Datenbank mit dreidimensionalen Röntgenaufnahmen und Computertomogrammen aufbauen. Besonders interessiert sind sie an einem hervorragend dreidimensional erhaltenen Fossil von Archaeonycteris, das im Museum der Universität Princeton aufbewahrt wird. Die Verhandlungen, das wertvolle Exponat nach Europa zu transportieren laufen derzeit.

Verweise
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