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Flink an Land

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.01.2010 09:44

Paläontologen aus Polen und Schweden haben in einem Steinbruch des südpolnischen Heiligkreuzgebirges Fußspuren von überraschend alten Vierbeinern gefunden und in "Nature" veröffentlicht. Die Spuren übertreffen die ältesten bislang bekannten Vierbeiner um 18 Millionen, die ältesten Übergangsformen zwischen Fischen und Landwirbeltieren um 10 Millionen Jahre. Damit stellen die Funde das bislang gezeichnete Bild vom Landgang der Wirbeltiere in Teilen in Frage.

Laserscan vom HinterfußDie Paläontologie wäre so eine schöne, ordentliche Wissenschaft von der Entwicklung des Lebens auf der Erde, wenn da nicht immer wieder Fossilüberraschungen auftauchten, die das schöne Gedankengebäude gründlich ins Wanken brächten. So ist es jetzt auch wieder geschehen, und zwar an einer entscheidenden Stelle der Evolution: beim Landgang der Wirbeltiere. Der Ablauf dieser Übergangsphase zwischen wassergebundenen Fischen und landgängigen Amphibien war bislang zumindest in groben Zügen skizziert: Zum Ende des mittleren Devons entwickelten verschiedene Fischarten unter anderem kräftige Flossen und Ansätze zu Lungen, so dass sie an Land und dort am Strand herumrobben konnten. Im oberen Devon tauchten dann ihre Nachfolger, die ersten echten Vierbeiner, auf und die Eroberung des Festlandes begann.

Fußspuren im SteinFußspuren aus dem polnischen Heiligkreuzgebirge, ungefähr 100 Kilometer nordöstlich von Krakau, rütteln jetzt an dieser schönen Vorstellung. Dort haben polnische Forscher zusammen mit Kollegen der schwedischen Universität Uppsala die Tritte von eindeutig vierbeinigen Lebewesen gefunden, doch die Spuren sind ebenso eindeutig 395 Millionen Jahre alt. "Damit sind sie 18 Millionen Jahre älter als die ältesten Vierbeiner-Fossilien", betont Per Erik Ahlberg, "aber auch zehn Millionen Jahre älter als die ältesten Elpistostegiden." Elpistostegiden sind die Fische mit den kräftigen Flossen. Eine klare Entwicklungslinie von Fischen über diese Elpistostegiden zu den Vierbeinern lässt sich so nicht mehr herstellen. Viel spricht stattdessen dafür, dass diese Fische an den Strand robbten, während parallel bereits Landwirbeltiere herumliefen.

Der Steinbruch, in dem Ahlberg und seine Kollegen fündig geworden sind, war im Mitteldevon ein sehr flaches, äquatornahes Meeresgebiet. Es lag an der Südküste des damaligen Nordkontinentes Euramerika, auch Laurussia genannt, war vielleicht eine Lagune oder eine ausgedehnte Gezeitenzone. Auf den Nachfolgekontinenten von Euramerika sind bislang die meisten Fossilien, die für den Landgang der Wirbeltiere interessant sind, gefunden worden, so dass man gemeinhin davon ausgeht, dass diese Errungenschaft der Evolution auf Euramerika begann. Das Wasser der mitteldevonischen Lagune, die jetzt ein polnischer Steinbruch ist, war so seicht, dass die größeren Tiere den Meeresboden mit den Füßen berühren konnten, in den Fossilien finden sich einige dieser Einzelfußabdrücke.

FußabdrückeEinzelne Tiere scheinen auch geschwommen zu sein und sich nur mit den Hinterbeinen vom Grund abgestoßen zu haben, so interpretieren die Paläontologen jedenfalls Fußspuren, die keine Schritte zeigen, sondern nur die parallelen Abdrücke eines Fußpaars. Die Größe der verewigten Individuen schwankt stark, die Forscher schätzen die Einzelexemplare auf Größen von unter 40 Zentimetern bis über 2,5 Metern. Möglicherweise lassen sich nach einer genaueren Untersuchung sogar morphologische Unterschiede feststellen, was dann für unterschiedliche Arten an ein und derselben Stelle sprechen könnte.

Laserscan eines HinterfußesDas überraschende Alter der polnischen Vierfüßer aus dem Mitteldevon legt mehrere Schlussfolgerungen nahe: Einerseits ist der Landgang der Wirbeltiere offenbar früher erfolgt als bislang vermutet. Andererseits aber sind die Fische mit den kräftigen Vorderflossen, den Lungenansätzen und anderen anatomischen Voraussetzungen für gelegentliche Landausflüge offenbar doch keine schlichten Übergangsformen zwischen Wasser- und Landbewohnern, sondern Tiere mit einer ganz eigenen Lebensweise, die für mindestens zehn Millionen Jahre neben den reinen Vierfüßern herlebten, ohne auch nur im geringsten aussterben zu wollen. Zum Vergleich: Vor zehn Millionen Jahren war selbst vom allerfrühesten Vertreter der primitivsten bislang bekannten Vormenschen noch lange nicht die Rede, ganz zu schweigen von irgendwelchen Vertretern unserer Gattung homo. "Die Elpistostegiden besetzen eine stabile evolutionäre Position aus eigenem Recht", schreiben die Forscher daher in ihrem Aufsatz und vergleichen die Verhältnisse im Mitteldevon etwa mit denen im Jura, als sich die ersten Vögel entwickelten, gleichzeitig aber auch ausgesprochene Dinosaurier sich mit Federn schmückten, ohne fliegen zu können.

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