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Flüsse in einem Meer von Sand

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.11.2015 14:46

So wüstenhaft und trocken wie heutzutage war die Sahara nicht immer. Nach dem Ende der jüngsten Eiszeit glich Nordafrika wohl eher einer üppig begrünten Savanne mit ausgedehnten Seen und großen Flüssen, die Wüste setzte sich erst vor rund 5000 Jahren durch. Wissenschaftler des französischen Meeresforschungsinstituts Ifremer und der Universitäten von Lille und Bordeaux haben jetzt einen der großen Ströme gefunden, die die grüne Sahara von früher durchzogen.

Endlose Wüsten, wie hier in der Sahara, werden sich über die irdischen Kontinente ausbreiten. (Bild: Science)"Wir haben mit Radarbildern des japanischen Palsar-Systems einen in Westafrika bislang unbekannten Fluss gefunden, der mit einem Canyon auf dem mauretanischen Kontinentalschelf und dessen Verlängerung in der Tiefsee verbunden ist", erklärt Philippe Paillou von der Universität Bordeaux. Palsar flog zwischen 2006 und 2011 an Bord des japanischen Erdbeobachtungssatelliten ALOS in knapp 700 Kilometer Höhe um die Erde. Das System ist ein bodeneindringendes Radar, das in Trockengebieten mehrere Meter tief in den Untergrund blicken kann.

In Westafrika konnten die Wissenschaftler auf den Palsar-Bildern über 500 Kilometer hinweg die geomorphologischen Spuren des früheren Stromes verfolgen. Ihre Funde deckten sich ziemlich gut mit dem Unterlauf des Tamanrasetts, eines hypothetischen Flusssystems in Westafrika, das heutzutage von Dünen zugedeckt ist. Geomorphologen hatten es aufgrund der Geländestruktur in der westlichen Sahara als Entwässerungskanal für das gesamte Gebiet südlich des Atlas, westlich des Hoggar und nördlich der Wasserscheide der heute noch existierenden Flüsse Niger und Senegal modelliert. Der übrige Verlauf des Tamanrasett, den die Modellrechnung ergab, lässt sich mit Hilfe des Palsar-Radars nicht ermitteln, weil er unter zu dicken Sanddünen begraben ist.

Die Flusssysteme im Westen und Süden der Sahara. (Foto: Nature Communications)Radarbilder des ALOS-Satelliten hatten bereits 2009 zur Entdeckung eines weiteren Paläoflusses im Grenzgebiet zwischen Libyen und Ägypten geführt. Dieser entwässerte eine gewaltige 400.000 Quadratkilometer große Region zwischen den Gebirgen Gilf Kebir im Osten und Tibesti im Westen. Nimmt man noch die Modellrechnungen britischer Forscher aus dem Jahr 2013 hinzu, die auf dem Gebiet der heutigen Staaten Algerien, Tunesien und Libyen drei weitere Flusssysteme zeigten, die zum Teil so groß waren wie der Niger heute, war das komplette Gebiet der heutigen Sahara durchzogen von teils ganzjährigen, teils nur saisonalen Flüssen und Strömen.

Gesicherte Verläufe des Paläoflusses Tamanrasett in Mauretanien und am westafrik. Kontinentalhang. (Foto: Nature Communications)Der Tamanrasett in Westafrika war wohl eines der größten Flusssysteme auf dem Gebiet der heutigen Wüste. "Würde er heute noch Wasser führen", so Paillou, gehörte er in eine Kategorie mit dem Niger oder dem Jangtsekiang." Mit solchen Dimensionen schaffte der Strom natürlich auch entsprechende Mengen an Sanden und Tonen ins Meer. In der Tiefsee vor der mauretanischen Küste finden sich die Überreste dieses Sedimentfächers. 2005 hatte das deutsche Forschungsschiff "Meteor" Bohrkerne aus der Tiefsee geborgen, die für Saharastürme viel zu feine Sedimente enthielten und daher von einem Fluss abgelagert sein müssen. Datierungen haben gezeigt, dass diese Sedimente vom Beginn des Holozäns und aus dem Eem, der letzten Warmzeit zuvor, stammen.

In diesen beiden Zeiträumen muss der Fluss aktiv gewesen sein. Die französischen Forscher vermuten sogar, dass der Tamanrasett in mindestens neun Feuchtperioden in den vergangenen 245.000 Jahren floss. In Bohrkernen aus dem Sedimentfächer des Nils hat man jedenfalls diese neun Feuchtperioden identifiziert, und die beiden jüngsten davon sind genau synchron mit den Feinsedimenten vor Westafrika. Vor allem die Eem-Zeit, die vor 126.000 Jahren begann und 11.000 Jahre dauerte, hat saharaweit geradezu paradiesische Zustände hervorgebracht: ein üppiges Grasland mit vielen Bäumen erstreckte sich damals über den gesamten Norden Afrikas und bot zahllosen Tieren und vielen Menschen ideale Lebensbedingungen. Heute sind dort nur noch Meere von Sand und hin und wieder ein einsamer See, Zeuge der ehemals so angenehmen Bedingungen.