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Fokus Rohstoffe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.10.2012 13:34

Die Bundesrepublik ist auf Rohstoffimporte angewiesen. Nicht nur Energieträger wie Erdöl und Erdgas, sondern fast jedes für die hiesige Industrieproduktion notwendige Material muss eingeführt werden. Russlands Umgang mit Gaslieferungen in zurückliegenden Wintern und Chinas Verhalten auf dem Markt für seltene Erden haben die prekäre Lage Deutschlands sichtbar gemacht. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften in Hannover waren daher Rohstoffe das zentrale Thema.

Schiefergasbohrung in Pennsylvania. (Bild: Statoil)"Die Situation für deutsche Unternehmen hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert", meinte Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, bei der Eröffnung der GeoHannover 2012. Die Zurückhaltung war wohl seinem Amt als Chef einer Bundesoberbehörde geschuldet, denn die Lage der deutschen Unternehmen hat sich dramatisch zu ihrem Nachteil geändert. Die seit rund drei Jahrzehnten geübte Praxis, ohne eigene Exploration auf dem Weltmarkt einzukaufen, hat in jüngster Zeit ihre Nachteile offenbart. Bei den meisten Rohstoffen hat der Aufstieg der Schwellenländer wie Indien, Brasilien und vor allem China die Preise explodieren lassen, die Anbieter bestimmen die Spielregeln und deutsche Konzerne gehören durch die Bank auf die Nachfrageseite. Von den 140 Milliarden Euro, die die deutsche Wirtschaft für Rohstoffe aufwendet, gehen 110 Milliarden in Importe. Den Löwenanteil machen dabei mit 70 Milliarden die Energieträger wie Öl und Gas aus, doch auch der Betrag von 40 Milliarden für mineralische Rohstoffe ist beträchtlich.

Geradezu brandaktuell war daher der Schwerpunkt, den die Deutsche Gesellschaft für Geowissenschaften für ihre Jahrestagung in Hannover gewählt hatte: Georohstoffe für das 21. Jahrhundert. Dabei stand nicht nur die Lage im Ausland im Fokus, sondern auch die weitere Entwicklung des Rohstoffstandorts Deutschland selbst. Die Bundesrepublik hat, so kritisieren Experten schon seit Jahren, die Exploration im Inland lange Jahre vernachlässigt - ähnlich wie der Rest Westeuropas. "Die Rohstoffproduktion in Europa ist in den jüngsten Dekaden zurückgegangen, aber nicht etwa, weil die Vorkommen erschöpft sind", erklärte etwa Patrick Redmond, Explorationschef für Europa und Afrika beim kanadischen Rohstoffgiganten Teck Resources Ltd., schon 2011 auf der Jahrestagung der Europäischen Union für Geowissenschaften in Wien, "vielmehr investieren die Unternehmen nur zögernd, weil sie den Eindruck haben, in Europa sei alles schwieriger." Die Exploration sei komplizierter wegen der dichten Besiedlung, Genehmigungen würden seltener erteilt, Erschließung und Abbau seinen teurer und nicht zuletzt gäbe es nahezu vorprogrammiert vielerorts lokale Opposition gegen Bergbau.

Schematische Darstellung konventioneller und nicht-konventioneller Erdöl- und Erdgas-Vorkommen. (Grafik: BGR)Dabei hat sogar das oft als "rohstoffarm" apostrophierte Deutschland zahlreiche Bodenschätze. Die einheimische Rohstoffproduktion erwirtschaftet nach BGR-Angaben rund 18 Milliarden Euro, das Gros davon mit Kohle, Kali und Kies. Einer der jüngsten und auf der "GeoHannover 2012" Schwerpunkt des Eröffnungstages ist Erdgas in so genannten unkonventionellen Lagerstätten, fein verteilt in Schiefer oder Tongesteinen. Die jüngste BGR-Abschätzung vom Juni 2012 wurde im Rahmen des Niko-Projektes erstellt und sie ergab, dass in drei norddeutschen Gesteinsformationen insgesamt 13 Billionen Kubikmeter Erdgas schlummern. Mit rund acht Billionen Kubikmetern findet sich der Löwenanteil in Tongesteinen des Unterkarbons, die sich über ganz Nordwestdeutschland zwischen der Elbe und dem Rhein erstrecken. Das größte Potential steckt allerdings in einem vergleichsweise kleinen Gebiet östlich von Hannover.

Als technisch ausbeutbar betrachten die BGR-Experten rund zehn Prozent der Vorkommens oder 1,3 Billionen Kubikmeter. Zum Vergleich: 2010 betrug der deutsche Jahresverbrauch knapp 96 Milliarden Kubikmeter, die konventionellen Ressourcen in Deutschland werden auf 150 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Verglichen mit den in Nordamerika vermuteten technisch erschließbaren Ressourcen von 24 Billionen Kubikmetern oder sogar denen im Nachbarland Polen, die auf fünf Billionen geschätzt werden, ist das deutsche Potential gleichwohl bescheiden. "Es wird wohl nicht das Spiel so umkrempeln wie in den USA", schätzte Stefan Ladage, Chef des Niko-Projektes, in seiner Präsentation. Überdies stoßen die ersten Erkundungsbemühungen auf Widerstand in der Bevölkerung vor Ort.

Die Erfahrungen der Schiefergas-Industrie in den USA und Kanada legte daher auch Karlis Muehlenbachs, Professor an der Universität von Alberta in Edmonton, seinen deutschen Kollegen ans Herz. "Sie müssen auf sorgfältige Forschung im Vorfeld der Bohrungen bestehen", betonte Muehlenbachs in seinem Vortrag über Lecks in der kanadischen Schiefergas-Förderung. In Kanada gäbe es "Worst Case"-Abschätzungen, denen zufolge nur 40 Prozent der Bohrungen keine Lecks aufwiesen. Für Augenmaß bei Erschließung und vor allem Quantifizierung der hiesigen Ressourcen plädierte auch Donald Gautier vom Geologischen Dienst der USA USGS. Er zeigte in seinem Vortrag die Entwicklung des Schiefergas-Potentials der USA, wie sie der USGS regelmäßig herausgibt. Die jüngste Ausgabe datiert vom Jahr 2010 und gibt auch eine Prognose für die mittlere Zukunft wieder. "Rechts der Linie von 2010", so Gautier mit Blick auf diese Prognosen, "sehen Sie vor allem Enthusiasmus, weniger Wissenschaft."

Schiefergasvorkommen in den USA. (Bild: DOE)USGS und BGR gehen bei ihren Potentialberechnungen grundsätzlich unterschiedlich vor. Die Amerikaner erfassen die Produktion jedes einzelnen Bohrlochs und extrapolieren sie in die Zukunft. Diese Methode ist sehr aufwendig und beruht immer auf der aktuellen Fördertechnologie des Tages, ist daher konservativ. Die Deutschen hingegen versuchen, das Rohstoffpotential eines Wirtsgesteins zu ermitteln und schätzen dann ab, wie viel von diesem Potential technisch und wirtschaftlich zu fördern wäre. Die Schwäche dieser Methode liegt darin, das Förderpotential verlässlich einschätzen zu können. Mit einem gemeinsamen Projekt wollen die Dienste erkunden, ob sich beide Methoden zum gegenseitigen Nutzen kombinieren lassen.

Drei Vorkommen in den USA, das Woodford-Feld in Oklahoma, das Fayetteville-Feld in Arkansas und die National Petroleum Reserve im Norden Alaskas, wurden für die Vergleichsstudie ausgewählt. Auf deutscher Seite sind es die drei Hauptvorkommen, die Wealden-Sandsteine im Hannoverschen Bergland, die Posidonien-Schiefer im niedersächsischen Becken und die unterkarbonischen Tonsteine östlich von Hannover. An allen sechs Vorkommen wollen die Experten dies- und jenseits des Atlantik ihre Verfahren erproben und vergleichen. Erste Ergebnisse sollen vielleicht schon auf der Frühjahrstagung der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle im April 2013 in Celle präsentiert werden.