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Frühes Gelage

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 13.08.2010 16:10

Im Laufe der Entwicklung von Vor- über Frühmenschen zu den heutigen Vertretern der Gattung homo hat es eine Reihe von einschneidenden Verhaltensänderungen gegeben, mit denen eine nächste Entwicklungsstufe erklommen wurde. Als eine dieser Verhaltensänderungen wird der Gebrauch von Werkzeugen und der Fleischkonsum angesehen. Bislang schienen beide in der menschlichen Entwicklungslinie den Angehörigen der Gattung homo vorbehalten zu sein. Funde aus der äthiopischen Provinz Afar zeigen jetzt, dass schon die Vormenschen der Gattung Australopithecus beides praktizierten. In der jüngsten "Nature" berichten die Forscher des Dikika-Projektes über ihre aktuellen Funde.

Kratzer an RippeMit dem Messer umgehen konnten offenbar schon Lucy und ihre Verwandten vor 3,4 Millionen Jahren. Zwei Huftier-Knochen, die im Rahmen des Dikika-Projektes in der äthiopischen Provinz Afar ausgegraben wurden, zeigen nach Expertenansicht unverkennbare Werkzeugspuren, "die", so Curtis Marean, Paläoanthropologe an der Arizona State University, "mit viel Kraft und Aufwand angebracht wurden". Die Forscher des Dikika-Projektes stießen eher zufällig auf die Rippe eines Rindes und den Oberschenkelknochen einer Ziege. Ihr Grabungsgebiet liegt mitten in der an Homininen-Fossilien reichen Zone der äthiopischen Afar-Provinz und hat bereits 2006 das als "Lucys Baby" bezeichnete älteste und vollständigste Skelett eines Australopithecus afarensis preisgegeben.

Gegend des Dikika-ProjektesDie unscheinbaren Knochenfossilien markieren ihren Entdeckern zufolge ein einschneidendes Ereignis in der Entwicklung der Menschenartigen. "Dieser Fund verschiebt den Zeitrahmen für eine zentrale Verhaltensänderung unserer Vorfahren dramatisch", betont Projektleiter Zeresenay Alemseged von der kalifornischen Akademie der Wissenschaften in einer verbreiteten Stellungnahme. Werkzeuggebrauch und Fleischkonsum wären damit 800.000 früher als bislang üblich gewesen, und dazu noch bei einer Vormenschenart. "Dieser neue Verhaltenstypus wies unseren Vorfahren den Weg, der später zu zwei Eigenschaften führte, die unsere Gattung definieren", ergänzt Shannon McPherron, Archäologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Alemseged bei der AusgrabungUnter Fachkollegen werden diese weitreichenden Schlussfolgerungen nicht mit einhelliger Zustimmung kommentiert. "Die Schlussfolgerungen gehen weit über die tatsächlichen Funde hinaus", erklärte etwa Tim White, Universität von Kalifornien in Berkeley und der Leiter des benachbarten Middle-Awash-Projektes, gegenüber der "New York Times" knapp, "wir graben seit 40 Jahren in der Gegend und haben nicht ein einziges derart altes Steinwerkzeug gefunden." Auch der Entdecker des bislang ältesten Steinwerkzeugs, Sileshi Semaw von der Indiana University, ist skeptisch: "Ich bin nicht überzeugt", teilte er per E-Mail mit, Kratzer auf Knochen könnten leicht später durch Tiere entstehen. "Es wird eine Unzahl an Zweifeln und Kontroversen geben", meint dagegen Lucy-Entdecker Donald Johanson von der Arizona State University, "aber ich denke, dass das Team den Werkzeuggebrauch zu Lucys Zeiten überzeugend nachgewiesen hat."

Werkzeugkratzer an KnochenDie bislang ersten und von Semaw in der äthiopischen Gona-Region entdeckten Werkzeuge stammen aus der Zeit vor rund 2,6 Millionen Jahren und werden einem der ersten Vertreter der Gattung Homo zugeordnet. Allerdings handelt es sich bei den Funden um tatsächliche Werkzeuge, nicht nur um Kratzer auf Knochen. Das Dikika-Projekt hat bislang keine Werkzeuge gefunden, allerdings sind die Forscher ziemlich sicher, dass diejenigen, die sich vor 3,4 Millionen Jahren an den Knochen zu schaffen machten, die dazu notwendigen Steine mitbrachten. "In diesem wenig turbulenten Sedimentationsgebiet des Paläo-Awash-Flusses gab es keine für die Werkzeugproduktion geeigneten Vorkommen", schreibt das Team in "Nature". Die Werkzeuge werden dem Australopithecus afarensis zugeschrieben, weil er die einzige Art aus dem fraglichen Zeitraum ist, deren Überreste man in der näheren Umgebung gefunden hat.

FundstelleDie Schrammen an den Knochen zeigen, dass mindestens zwei Werkzeuge zum Einsatz kamen. Von der Rinderrippe wurde das Fleisch sorgfältig mit einem kantigen Stein abgeschabt, der Oberschenkelknochen der Ziege wurde dagegen mit einem stumpfen Stein aufgeschlagen, um an das fettreiche Mark zu gelangen. Die Forscher des Dikika-Projektes halten es für ausgeschlossen, dass die Australopithecinen selbst jagten. Viel wahrscheinlicher erscheint es, dass die nur rund 1,50 Meter großen Lebewesen sich über die Reste einer Löwenmahlzeit hermachten. Die Vormenschen gingen damit kein geringes Risiko ein, denn sowohl für Löwen und andere Jäger als auch für so kräftige Aasfresser wie Hyänen waren sie eine verlockende, weil einfach zu erlegende Beute. Die Anziehungskraft von Fleisch und Knochenmark muss daher gewaltig gewesen sein.

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