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Frühester Borreliose-Fall dokumentiert

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.02.2012 12:48

Ötzis nächste Verwandte unter den heutigen Europäern wohnen auf Sardinien und Korsika, außerdem hatte der Steinzeitmann mit größter Wahrscheinlichkeit Lyme-Borreliose. Das ergab die nahezu komplette Entschlüsselung des Eismann-Erbguts, die jetzt eine große Forschergruppe um den Chef des Mumienforschungsinstituts in Bozen, Albert Zink, und den Tübinger Humangenetiker Carsten Pusch in "Nature Communications" veröffentlicht hat. Demnach liegt das im Zellkern steckende Haupt-Genom des Mannes aus der Jungsteinzeit zu 96 Prozent vor.

Ötzi in der Klimakammer des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen (© EURAC/Marco Samadelli).Pusch und seine Kollegen haben das Erbgut des vor 5300 Jahren am Tisenjoch in Südtirol erschossenen Mannes mit dem Genom von heutigen Europäern verglichen, wie es inzwischen in Datenbanken gespeichert ist. Das Eismann-Genom weist dabei die größte Ähnlichkeit mit Menschen aus Nordsardinien und Südkorsika auf. "Jetzt stellt sich die Frage, wie interpretiert man das", gesteht der deutsche Genetiker offen ein, denn Ötzi war nie auch nur in der Nähe der beiden rund 600 Kilometer entfernten Inseln. Isotopen-Untersuchungen an seinen Zähnen ergaben, dass er im Alpenraum geboren wurde und ihn auch nie verlassen hat.

Eine Lösung haben Pusch und seine Kollegen derzeit nicht parat, zumal der Genom-Vergleich auch ein bisschen "hinkt". Es werden schließlich Erbgut-Sequenzen verglichen, zwischen denen mehr als 5000 Jahre genetische Entwicklung und vor allem Bevölkerungsgeschichte liegen. "Ötzi lebte im Neolithikum, einer Periode mit massiven Wanderungen, als die Menschen sich von mobilen Jägern und Sammlern zu sesshaften Ackerbauern und Viehzüchtern entwickelten", sagt Pusch. Gut möglich, dass diese sogenannte Neolithische Revolution den Schlüssel zu den überraschenden Verbindungen zwischen dem oberen Etsch-Tal und den Inseln im Tyrrhenischen Meer bietet. Genaueres könnte allerdings erst ein Vergleich von Ötzis Genom mit dem von seinen Zeitgenossen ergeben. Eine solche groß angelegte Sequenzierung von Steinzeit-Genomen steht derzeit allerdings eher auf den Wunschzetteln der Wissenschaftler als in den Arbeitsplänen der Sequenzierzentren. "Das ist ein aufwendiges und sehr teures Unterfangen", meint Carsten Pusch in realistischer Bescheidenheit.

Aktuelle Rekonstruktion von Ötzi (© Südtiroler Archäologiemuseum).Doch die Genetiker können auch ohne groß angelegtes Forschungsprojekt noch einiges über den Eismann sagen. So war er laktoseintolerant, konnte also mit großer Wahrscheinlichkeit Milch- und Milchprodukte nicht gut verdauen. Das gilt heutzutage immer noch für die Mehrheit der Weltbevölkerung, soweit sie nicht europäischen Ursprungs ist. In Europa, Nordamerika und Australien liegt die Laktoseintoleranz in der Bevölkerung bei Werten zwischen nahe Null und 40 Prozent. Eine Ausnahme in Europa stellen die iberische Halbinsel, Mittel- und Süditalien sowie Griechenland, Bulgarien, Mazedonien und Albanien dar: Hier liegt der Anteil der Laktoseintoleranz bei 40 bis 60 Prozent. Evolutionsgeschichtlich ist die Intoleranz der Ursprungsfall, erst eine Mutation befähigt die Bevölkerung Europas, auch als Erwachsene Milch zu verdauen. Diese Mutation hat sich erst im Neolithikum ausgebreitet, weil erst da Haustiere aufkamen, die regelmäßig Milch lieferten. Ötzi gehörte zu der damals sicherlich großen Gruppe von Menschen, die noch ohne entsprechende Mutation waren.

Das Tisenjoch nahe der Fundstelle von Ötzi (© Südtiroler Archäologiemuseum).Die Forschergruppe um Pusch und Albert Zink vom Bozener Mumienforschungsinstitut hat zudem einen fiesen, kleinen Begleiter des Steinzeitmannes identifiziert, das Bakterium Borrelia burgdorferi. "Wir konnten 60 Prozent seines Genoms abdecken", erklärt Pusch, "und damit ist klar, dass er tatsächlich an Lyme-Borreliose erkrankt sein musste." Lyme-Borreliose ist heutzutage vor allem in Zeckengebieten auf dem Vormarsch, denn das Bakterium wird von den saugenden Spinnentieren übertragen. Ötzi wäre der früheste dokumentierte Fall, und es ist davon auszugehen, dass er unter ähnlichen Symptomen litt wie seine heutigen Leidensgenossen: Fieberanfälle, Gelenkschmerzen bis hin zu rheumaähnlichen Erscheinungen, vielleicht auch Probleme mit inneren Organen. Lyme-Borreliose ist notorisch vielfältig, weil die Erreger praktisch jedes Gewebe befallen können. 


Eduard Egarter-Vigl, Pathologe in Bozen, und Albert Zink, Chef des Mumienforschungsinstituts, entnehmen eine Probe (© EURAC/Marco Samadelli).Bei Ötzi könnte sie erklären, warum der Gletschermann so stark unter Arterienverkalkung litt, denn "eigentlich", so Pusch, "war er ein richtig robuster Kerl, der viel gelaufen ist, wenig Fastfood gegessen und auch nicht geraucht hat." Und trotzdem hatte der Gletschermann Kalkablagerungen in seinen Adern, die Experten staunen lassen. Borreliose steht im Verdacht, diese Ablagerungen zu fördern, und außerdem fanden die Wissenschaftler etliche Risikogene für Herz-Kreislauferkrankungen: "In Ötzis Erbgut finden wir tatsächlich viele, die beim heutigen Patientenpool hochgradig mit diesen Leiden assoziiert sind", berichtet Pusch.

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