07. Jun. 2017

Jean-Jacques Hublin beim Djebel Irhoud.

Ostafrika gilt als Garten Eden, von dem aus der anatomisch moderne Mensch die Welt besiedelte. Neue Funde im Westen Marokkos ziehen diese Sicht jetzt in Zweifel. In der Nähe von Marrakesch haben Paläoanthropologen Fossilien der frühesten Vertreter von homo sapiens gefunden, die auf ein Alter von rund 300.000 Jahren datiert werden. In der aktuellen "Nature" werden die Funde vorgestellt.

Die ältesten Angehörigen unserer eigenen Art kommen vom Djebel Irhoud in Marokko. In einem Hügel halben Wegs von Marrakesch zur marokkanischen Atlantikküste sind die Überreste von insgesamt fünf frühen Homo sapiens gefunden und jetzt auf das überraschende Alter von rund 300.000 Jahren datiert worden.

"Da konnten wir nur ,Wow‘ sagen", bekennt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Fundstätte seit den 80er-Jahren immer wieder besucht hat. 1961 waren dort die ersten menschlichen Fossilien gefunden worden, als ein ortsansässiges Bergbauunternehmen Teile des Hügels für den Barit-Abbau sprengen ließ.

Seit 2004 leitete der französische Paläoanthropologe eine systematische Grabung in den Resten, die rund 40 Jahre Bergbau übrig gelassen haben. Die Ergebnisse dieser Grabung und die aktuelle Datierung aller mittlerweile 22 menschlicher Fossilien werden in der aktuellen "Nature" vorgestellt. Die Überreste von drei Erwachsenen, einem Heranwachsenden und einem Kind sind rund 100.000 Jahre älter als die nächst jüngeren im südwest-äthiopischen Omo Kibbish und mehr als 5000 Kilometer von diesen entfernt.

Ausgrabungsstätte am Djebel Irhoud, Marokko. Hier wurden die mit 300.000 Jahren ältesten bislang gefundenen Fossilien von homo sapiens gefunden.
Bild: MPI EVA/S. McPherron
Flintwerkzeuge vom Djebel Irhoud, die zur Datierung der Funde genutzt wurden.
Bild: MPI EVA/M. Kamal
Die Rekonstruktion eines Schädels aus Funden vom Djebel Irhoud zeigt, wie diese frühen Homo-sapiens-Vertreter vor 300.000 Jahren aussahen.
Bild: MPI EVA/P. Gunz
Überraschend vollständiger Kiefer eines 300.000 Jahre alten homo sapiens, gefunden am Djebel Irhoud, Marokko.
Bild: MPI EVA/Jean-Jacques Hublin

Für das seit Jahren etablierte Bild von Ostafrika als Wiege des Menschen sind die Funde in Marokko ein schwerer Schlag, "aber", so Hublin auf einer Telefon-Pressekonferenz, "wir wollen die Wiege jetzt nicht in Marokko aufstellen". Tatsächlich gibt es einen auf rund 260.000 Jahre datierten Schädelfund aus der südafrikanischen Provinz Freestate und etliche vergleichbar datierte Funde von mittelsteinzeitlichen Werkzeugfunden, die über den Kontinent verteilt sind.

Dank der marokkanischen Funde, die menschliche Fossilien mit Steinwerkzeugen der Mittelsteinzeit kombinierten, könnten jetzt auch diese reinen Werkzeugfunde in Afrika in die Entwicklungsgeschichte des homo sapiens eingeordnet werden. "Wir denken, wenn ich das so sagen darf, an so etwas wie ein multiregionales Modell für Afrika", so Hublin. Statt eines Garten Edens in Ostafrika, von dem aus der moderne Mensch seinen Siegeszug begann, stelle der gesamte Kontinent diesen Ursprungsort des Menschen dar.

Der frühe homo sapiens mag sich demzufolge irgendwann vor 300.000 Jahren in Afrika entwickelt haben und breitete sich dann über den Kontinent aus, weil das Klima dafür günstig war. "Wahrscheinlich gab es in den verschiedenen Teilen Afrikas, die immer wieder durch Klimaveränderungen voneinander isoliert wurden, eine Evolution der verschiedenen Populationen", führt Hublin aus. Die Isolation der afrikanischen Regionen war nie von Dauer und die verschiedenen Homo-sapiens-Populationen kamen wieder in Kontakt miteinander, lernten technische und kulturelle Innovationen voneinander und paarten sich auch miteinander, so dass sich genetische Veränderungen über alle Populationen hinweg ausbreiten konnten.

Die Funde aus dem marokkanischen Djebel Irhoud sind ein Zeichen für die lange Entwicklung, die die frühen homo sapiens bis zu den anatomisch modernen Menschen zurücklegen mussten, die sich von uns Heutigen kaum unterscheiden. "Die Funde aus Marokko zeigen eine überraschende Kombination von sehr modernen und altertümlichen Merkmalen", berichtete Hublin. Ihr Gesicht ähnelte sehr stark dem unsrigen mit seinen gering ausgeprägten Kiefern und kaum sichtbaren Oberaugenwülsten. Die Hirnschale jedoch zeigt, dass es sich bei den Funden vom Djebel Irhoud um frühe Vertreter von homo sapiens handelt, denn sie ist wesentlich niedriger und dafür länger als unsere. Hublin interpretiert diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen als Zeichen für eine solche "komplexe Entwicklungsgeschichte" des homo sapiens in seinem Ursprungskontinent.