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Gar nicht so flache Tiefseeebene

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 09:16

Die Meeresgeologen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover haben ihre erste Erkundungsfahrt in das deutsche Manganknollen-Lizenzgebiet im Pazifik beendet. Auf einem Workshop in Hannover berichteten sie über die Ergebnisse.

Lizenzgebiete im KnollengürtelÜberraschung auf dem Meeresgrund: Die Tiefseeebene, die man gemeinhin unter vier bis fünf Kilometern Wassersäule annimmt, ist keineswegs flach und eintönig. „Wenn man sie genau vermisst, stellt man fest, dass es Bereiche gibt, die geradezu gespickt sind mit kleinen untermeerischen Vulkanen“, berichtet Michael Wiedecke, Referatsleiter Meeresgeologie bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Die Erkenntnis ist ein Resultat der ersten deutschen Erkundungstour in den pazifischen Manganknollengürtel seit rund 30 Jahren. Mit einem hawaiianischen Forschungsschiff begannen die BGR-Forscher im vergangenen Herbst, das zwischen der mexikanischen Westküste und dem US-Archipel gelegene deutsche Lizenzgebiet zu vermessen. Für dieses 75.000 Quadratkilometer große Areal hat die BGR in deutschem Namen eine Erkundungslizenz erworben, um nachzusehen, ob sich dort Tiefseebergbau überhaupt lohnt.

Kastengreifer-BergungFür Wiedecke und seine Kollegen sind die dicht gesetzten Vulkankegel keine gute Nachricht, denn für Bergbauaktivitäten kann es dort unten gar nicht langweilig genug sein. Will man die Erzknollen jemals ernten, muss es bretteben sein, hügelige Landschaften und steile Abhänge von Vulkankegeln verhindern den Abbau. „Ich weiß von den Franzosen, die ja auch ein Lizenzgebiet haben, dass aus dem Blickwinkel der Topographie überhaupt nur etwa 30 Prozent der Gesamtfläche infrage kommt“, so Wiedecke. Die BGR-Wissenschaftler haben erst rund 60 Prozent der deutschen Flächen vermessen, doch Wiedecke glaubt, dass die französischen Abschätzungen auch für das deutsche Gebiet zutreffen.

Manganknollen, Zusammensetzung„Und das ist ja nur ein Kriterium“, fährt er fort, „die Flächen müssen auch mit einer ausreichend guten Knollenbelegung aufwarten können.“ Ausreichend für einen Abbau sind rund zehn Kilo Manganknollen pro Quadratmeter Meeresgrund. Doch von den 38 Proben, die der Meeresgeologe und seine Kollegen auf der vergangenen Fahrt vom Meeresboden emporbrachten, hat nur etwas mehr als die Hälfte die kritische Schwelle erreicht. Dennoch ist Wiedecke optimistisch, dass in den beiden Teilstücken des deutschen Lizenzgebiets genügend Flächen zu finden sind, die einen Abbau lohnend machen. Um die Erzmenge von rund 20 Millionen Tonnen zu erhalten, die einen Bergbau an Land rentabel macht, bräuchte man auf dem Meeresgrund eine Gesamtfläche von 2000 gut bestückten Quadratkilometern, die aber durchaus wie ein Flickenteppich über ein größeres Gebiet verteilt sein könnte. Das Bergbauschiff würde dann den Erntemaschinen am Meeresgrund von Knollengebiet zu Knollengebiet ziehen.

ManganknolleDiese Realisierung eines zukünftigen Tiefseebergbaus überlassen die BGR-Forscher allerdings der Privatwirtschaft. Sie legen nur die Grundlagen, dass man bei möglicher zukünftiger Rohstoffverknappung auch diese Vorkommen wird erschließen können. Denn die Manganknollen enthalten nicht nur große Mengen des namengebenden, aber wirtschaftlich uninteressanten Metalls, sondern auch durchschnittlich drei Gewichtsprozent an Kupfer, Kobalt und Nickel, dazu kommen noch zu bestimmende Spurengehalte von seltenen Metallen, die zum Beispiel für die Computerindustrie von großem Interesse sind.

In den geplanten weiteren zwei Fahrten im Herbst diesen und des kommenden Jahres werden die Forscher daher die Echoloterkundung des deutschen Lizenzgebiets abschließen. Damit können sie dann ein digitales Modell des Meeresbodens mit einer Auflösung von 100 mal 100 Metern erstellen. Parallel sollen besonders interessante Areale mit dicht über dem Meeresboden geschlepptem Sonar und mit Kameras erkundet werden, die eine Auflösung im Meter-Bereich versprechen. Auf der dritten Fahrt im Herbst 2010, die mit dem deutschen Forschungsschiff „Sonne“ stattfindet, wollen Michael Wiedecke und seine Kollegen dann auch Sedimentkerne stechen, um den Zusammenhang zwischen den Manganknollen an der Oberfläche und dem darunter liegenden Meeresboden besser zu verstehen. Denn aus dem Sediment kommt der Großteil der Metalle, die sich zu den Knollen zusammenballen.

Manganknollen-KollektorEine noch in diesem Jahr in Auftrag gegebene Studie soll zudem klären, wie ein eventueller Bergbau realisiert werden kann. Grundsätzlich wurde das bereits vor 30 Jahren demonstriert, indem man Erntefahrzeuge über den Meeresboden fahren ließ, die die Manganknollen einsammelten wie Roder die Kartoffeln auf dem Acker ernten. Doch das Verfahren kann bedenkliche Auswirkungen auf die Umwelt haben und zwar nicht nur auf die Oberfläche des Meeresbodens, die abgesaugt wird. „Als größtes Problem gilt nach heutigen Erkenntnissen die Trübung, die entsteht, wenn ein Fahrzeug über einen schlammigen Untergrund fährt“, so Wiedecke. Die Ernter könnten gewaltige Schlammwolken hinter sich herziehen, die sich wie die Staubfahnen oberirdischer Erntemaschinen ausbreiten können. Allerdings befürchten viele Experten, dass sich diese Wolken trüben Wassers wesentlich weiter verbreiten und länger halten als die Staubfahnen in der Atmosphäre. Wie diese Folgen minimiert werden können, muss daher vor Bergbaubeginn genauso geklärt werden wie die Frage, wohin die Bergbauschiffe an der Meeresoberfläche den uninteressanten Schlamm ablassen, nachdem sie die wertvollen Erzknollen aussortiert haben.

Die Forscher tun gut daran, derartige Fragen zügig zu klären, denn das Interesse an den Rohstoffen vom Meeresgrund könnte nach Abflauen der derzeitigen Weltwirtschaftskrise sehr schnell aufflammen. Lizenznehmer wie Indien sind überdies mit den Erkundungen wesentlich weiter als die Deutschen. „Die haben ihr Gebiet erkundet, vermessen und mit mehreren 100 Probenstationen beprobt“, so Michael Wiedecke. Damit glauben die Inder, genug Informationen über ihr Lizenzgebiet zu besitzen und für den tatsächlichen Bergbaubeginn vorbereitet zu sein. „Bis jetzt tun sich aber noch nicht“, betont Wiedecke, „denn ihnen fehlt noch die Technologie, um das zu tun.“ Wenn es daher tatsächlich an den Abbau geht, sollte man auch die Umwelteffekte zuverlässig einschätzen können.

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