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Gefahr ist nicht gebannt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.10.2010 11:35

Am 12. Januar 2010 verwüstete ein Erdbeben der Magnitude 7,0 das Gebiet um die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince. Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen starben, die Schadenssumme betrug geschätzte acht Milliarden US-Dollar, was rund drei Viertel des jährlichen Bruttosozialprodukts entspricht. Jetzt berichten Geologen in einem Haiti-Schwerpunktheft von "Nature Geoscience", dass das Erdbebenrisiko weiterhin besteht.

Zerstörtes Wohnhaus, Port-au-Prince"Das Risiko ist immer noch weitgehend so hoch wie vor dem Erdbeben", erklärt Eric Calais, Geologie-Professor an der US-amerikanischen Purdue-Universität in West Lafayette, Indiana. Das liegt daran, dass das Januarbeben an einer bislang unentdeckten Störung stattgefunden hat, die unter der Erdoberfläche verborgen war. Die an der bekannten Enriquillo-Plantain-Garden-Störung aufgestaute Energie wurde bei dem Erdstoß nicht freigesetzt. "Daher bleibt die Gefahr erhalten, dass die Teile der Enriquillo-Plantain-Störung nahe Port-au-Prince Erdbeben erzeugen werden, die das vom 12. Januar noch übertreffen können", schreibt ein weiteres Geologen-Team um Carol Prentice vom Geologischen Dienst der USA.

Karibisches PlattenmosaikHaiti liegt im Spannungsfeld zwischen Nordamerikanischer und Karibischer Platte, die sich auf einer Ost-West-Linie von den Kleinen Antillen und Puerto Rico über die Insel Hispaniola, die sich Haiti mit der Dominikanischen Republik teilt, und Jamaica aneinander vorbeischieben. Die Plattengrenze ist komplex, denn zwischen den beiden Riesen sind Mikroplatten wie in einem Schraubstock eingezwängt und das ohnehin schon hakelige Aneinandervorbeischieben wird dadurch erschwert, dass die Nordamerikanische zum Teil unter der Karibischen Platte hindurchtaucht. Die Folge: Entlang der gesamten Plattengrenze sind schwere Erdbeben zwar nicht wirklich häufig, sie kommen aber vor. Port-au-Prince wurde zum Beispiel 1751 und 1770 von schweren Erdbeben stark zerstört, 1842 traf ein Beben der Stärke 8,0 den Norden des Staates und 1860 erschütterte ein schwächeres Beben die Spitze der südlichen Halbinsel Tiburon.  Zwischen 1946 und 1953 erschütterte dann eine Reihe von schweren Beben den Nordosten der Dominikanischen Republik.

Hotel Montana, Port-au-PrinceDie genaue Bestimmung der Störungen im Untergrund und die Zuordnung der Erdbeben zu den einzelnen Zweigen ist schwierig, da der bitterarme Staat ein dafür notwendiges seismisches Netzwerk nicht installiert hat. Überraschungen, wie sie Eric Calais und sein Team jetzt mit der verborgenen Störung erlebten, sind da zu erwarten. "Die Störung war in der Erde verborgen und zeigte keinerlei Spuren oder Aktivität an der Oberfläche", so der Geologe. Die nach der 25 Kilometer von Port-au-Prince entfernten Hafenstadt Léogȃne benannte Störung verläuft mehr oder weniger parallel zur bekannten Enriquillo-Plantain-Störung und konnte erst mit hochgenauen GPS-Messungen entdeckt werden, die nordamerikanische Geologen unmittelbar nach dem Beben begannen. "Die Störungen verlaufen teilweise übereinander, kreuzen sich, oft liegen sie bis zu zehn Kilometer auseinander", so Calais. Doch sei die Léogȃne-Störung eindeutig von der größeren zu unterscheiden.

Nach Calais' Meinung sind die beiden Störungen so getrennt voneinander, dass die Entladung an der Léogȃne-Störung die Enriquillo-Plantain-Verwerfung überhaupt nicht beeinflusste. "Unserer Meinung nach hat sich an ihr gar nichts bewegt", erklärt der Geologe, "Carol Prentice vom USGS glaubt hingegen, dass sie sich zumindest zu Beginn des Bebens ein wenig bewegt hat." Einig sind sich die Wissenschaftler allerdings darin, dass die Einwohner Haitis damit rechnen müssen, bald wieder ein schweres Beben zu erleben. "Im Grunde war das aber schon klar, bevor wir diese unbekannte Störung entdeckt haben", so Calais, "die Enriquillo-Plantain-Störung ist 300 Kilometern lang, und wir wussten, dass nur ein 30 Kilometer langes Stück gebrochen ist und die Spannungen gelöst hat. Der Rest ist weiterhin aufgeladen und kann jederzeit brechen."

Ex-Hotel d'Haiti, Port-au-PrinceAuf jeden Fall müsse jetzt dringend die geo-physikalische Erforschung des Untergrunds intensiviert werden, fordern die Wissenschaftler. "Das geht nur mit aufwendiger Feldforschung", schreiben Prentice und ihre Kollegen, "denn die oberirdischen Spuren der historischen Beben sind zu gering, um sie auf Satelliten- oder auch nur Luftbildern zu erkennen." Auch müsse Haiti viel Geld für erdbebengerechte Neubauten und die Schulung von Hilfsdiensten und Bevölkerung aufwenden. Das aber kostet Milliarden, die das nahezu bankrotte Land allerhöchstens mit ausländischer Hilfe aufbringen kann. Das sei zwar schwierig, aber notwendig, urteilt Eric Calais, denn "wir wissen zwar nicht, wann das nächste Beben kommt, aber es wird kommen". Möglicherweise schon zu einem Zeitpunkt, da Haiti noch an den gröbsten Folgen des jüngsten Bebens zu schlucken hat.

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