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Gefährdete Pracht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 08:53

Bunt und farbenprächtig sind nicht alle, artenreich aber doch. Korallenriffe gehören zu den vielfältigsten Lebensräumen auf dieser Erde, das gilt sowohl für die farbenprächtigen tropischen Flachwasserriffe, wie auch für ihre weitaus unbekannteren und weniger auffälligen Vettern in tieferen Wasserzonen, die sogar vor Europa bis hoch in den Norden zu finden sind. Doch die Pracht ist in Gefahr. Die riffbildenden Korallenpolypen und die mit ihnen zusammenlebenden Algen werden von verschiedenen Seiten in die Zange genommen. Von ihnen könnte, das befürchtet eine Bestandsaufnahme von rund 704 Korallenarten in der aktuellen „Science“, rund ein Drittel in den kommenden Jahren aussterben.

Stark geschädigtes Riff vor AustralienGerade die oberflächennahen Flachwasserriffe, die unser Bild von  gehören zu den besonders gefährdeten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Lage geradezu dramatisch verschlechtert. Die Forscher, die die Bestandsaufnahme im Auftrag der internationalen Naturschutzunion IUCN durchführten, führen das auf den besonders starken El Nino von 1998 zurück, der damals zu massenhaftem Ausbleichen der tropischen Riffe führte. Vor diesem „schwarzen Korallenjahr“ gehörten gerade einmal fünf Prozent der betrachteten Arten in die Kategorie „bedroht“. „Die einzigen Korallenarten, die nicht als bedroht angesehen werden können“, schreibt das internationale Team, „sind diejenigen, die in größeren Tiefen und an flacheren Hängen leben und solche, die nicht auf Riffe als Lebensraum angewiesen sind.“

Die Flachwasserriffe leiden unter Klimawandel und Meeresverschmutzung, aber der Mensch fügt ihnen auch unmittelbar Schäden zu. So zerstören intensive Fischereimethoden mit Schleppnetzen die empfindlichen Kalkriffe, weil die zentnerschweren Gewichte, mit denen die Netze am Boden gehalten werden rücksichtslos über die Riffe rumpeln. Der Klimawandel allerdings trifft die Riffe mehr oder minder stark an fast jedem Ort der Welt und dann auch gleich doppelt: Korallen können nur in einem schmalen Temperaturbereich leben, durch den steigenden CO2-Gehalt der Atmosphäre stiegt aber nicht nur deren Temperatur, sondern mit Verzögerung auch die der Weltmeere. Wird es den Polypen aber zu warm, werfen sie die Algen aus den gemeinsam bewohnten Kalkriffen, das berüchtigte Bleichen setzt ein.

Dornenkronen im RiffMehr Kohlendioxid in der Luft lässt aber auch die Meere versauern, so dass das Wasser die Kalkskelette angreift, die die Korallenpolypen bewohnen. Allein wegen der Versauerung befürchten Experten, dass die Riffe dieses Jahrhundert nicht überstehen werden. Hinzu kommt noch die sonstige Verschmutzung der Meere. So werden viele Riffgemeinschaften wie etwa das Große Barriereriff vor der Nordostküste Australiens durch die Düngemittel und Sedimente bedroht, die die Flüsse von den Kontinenten ins Meer spülen. Düngemittel lässt Algen blühen, die die Kalkriffe überwuchern, und Sedimente decken die empfindlichen Ökosysteme zu, so dass sie ersticken.

Besonders dramatisch ist die Lage offenbar in der Karibik und im sogenannten Riffdreieck zwischen Indonesien, Malaysia und den Philippinen. In der Karibik, so berichtete der geologische Dienst der USA, USGS, in einem eigenen Bericht, seien drei Viertel der Korallenarten vom Aussterben bedroht. Hier kommt zu Klimawandel und Umweltverschmutzung noch ein weiterer Faktor hinzu: Die transatlantischen Winde bringen Staub aus Afrika heran und mit ihm Pestizide und Krankheitserreger heran, die die ohnehin unter Klimastress stehenden Korallen zusätzlich treffen. So stellten die US-Forscher 2005 ein umfassendes Korallensterben im Gebiet der Jungferninseln fest, bei dem 90 Prozent der Riffe ausbleichten. Rekordwassertemperaturen im Sommer und eine im Anschluss daran grassierende Krankheit, die vermutlich mit den Winden herangetragen wurde, dezimierten die Riffbewohner merklich. Insbesondere die Geweihkorallen, die in der Karibik das Bild prägen, scheinen in ihrem Bestand gefährdet zu sein.

Geschädigte GeweihkoralleEin Massensterben globalen Ausmaßes scheint vorprogrammiert, das die Erde um viele ihrer buntesten Ökosysteme bringen wird. Der Schlüssel dies zu verhindern, sei neben sanfteren Fischereimethoden wiederum eine Kontrolle der menschlichen Treibhausgasemissionen, betonen die Autoren der Bestandsaufnahme. Gelingt das nicht, stehen wir wohl vor dem größten Korallensterben seit dem Ende der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Damals traten vermutlich 45 Prozent der Korallen mit ab. Die Folgen eines solchen Massensterbens wäre allerdings nicht nur, dass die Meere weniger bunt wären. Riffe sind unverzichtbar als Kinderstube für zahllose Fischarten, sie bilden zudem natürliche Schutzgürtel vor den Küsten von Inseln und Kontinenten. Die Lücken, die die Korallen hinterlassen, sind vermutlich größer als wir denken.

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