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Gene stützen Steppen-Hypothese

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.03.2015 16:41

Paläogenetiker haben erneut Bewegung in einen jahrzehntealten Streit unter Anthropologen gebracht. Eine Untersuchung zu den genetischen Beziehungen der Europäer in der Jungsteinzeit stützt die sogenannte Steppen-Hypothese zum Ursprung der Indoeuropäischen Sprachfamilie. Die Studie in "Nature" zeigt eine massive Wanderung aus der ukrainischen Steppe nach Mitteleuropa. Die Autoren sehen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich mit dem Zug auch die Stammsprache indoeuropäischer Idiome verbreitet habe.

Ein Kurgan genannter Grabhügel in der ukrainisch-russischen Steppe. (Foto: Wikipedia)Paläogenetiker haben eine massive Invasion Mitteleuropas mit historischen Folgen dingfest gemacht. Vor rund 5000 Jahren brachen Menschen der Jamnaja-Kultur aus der ukrainischen Steppe zwischen Dnjestr, Südlichem Bug und Ural zu einer wahren Völkerwanderung Richtung Westen auf. Es muss sich um eine überwältigende Wanderungswelle gehandelt haben, die vielerorts die ursprünglich ansässigen jungsteinzeitlichen Ackerbauern auslöschte. Jamnaja-Gene steuern nämlich rund 75 Prozent zum Erbgut von Menschen der Schnurkeramik-Kultur bei, die im heutigen Sachsen-Anhalt gefunden wurden. Diese Kultur aus der späten Jungsteinzeit ist zwischen 2.800 und 2.200 vor Christus in weiten Teilen Nordmitteleuropas und Russlands nachgewiesen. Im Lauf der folgenden Jahrtausende ging der beherrschende Einfluss der Jamnaja-Gene dann wieder zurück. Unter heutigen Europäern sind sie nur noch bei Norwegern, Esten und Litauern dominant.

Diese in den Genen fassbare Völkerwanderung ist so etwas wie die materielle Untermauerung einer sehr alten und heftig umstrittenen Linguisten-Hypothese zum Ursprung der indo-europäischen Sprachen. Es ist die größte der bekannten Sprachfamilien mit geschätzt 444 lebenden Sprachen und mehr als drei Milliarden Sprechern. Sie leben heute wegen der europäischen Kolonisation auf allen Kontinenten, doch auch das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Sprachfamilie reicht von Indien bis Nordeuropa. Um den Ursprung der Indoeuropäischen Idiome tobt eine heftige Kontroverse zwischen zwei gravierend unterschiedlichen Auffassungen. Die eine Seite meint, die indoeuropäische Ursprache hätte sich vor über 9.000 Jahren mit den jungsteinzeitlichen Ackerbauern aus Anatolien nach Norden und Süden verbreitet. Die andere Seite meint dagegen, sie sei erst mit einer späteren Einwanderungswelle nach Europa und in Richtung Indien gelangt - eben jener Invasion aus der ukrainischen Steppe.

Lange sah es so aus, dass die Anatolien-Hypothese sich gegen die Steppen-Hypothese, die manchmal auch noch als Kurgan-Hypothese firmiert, durchsetzen werde, denn sie hatte mit der Ausbreitung der Landwirtschaft archäologisch-materielle Argumente zur Hand, während die Steppen-Hypothese weitgehend nur mit Wort-Stammbäumen argumentieren konnte. Archäologische Belege für großräumige Wanderungen der Jamnaja-Kultur fehlen weiterhin, allerdings hatte sie unbestreitbar die Mittel dazu, denn zu ihren Errungenschaften zählten domestizierte Pferde und das Rad. Die genetische Studie liefert jetzt etwas ähnliches wie archäologische Funde.

Dabei hatten die Wissenschaftler um David Reich von der Harvard Medical School und Wolfgang Haak vom Australischen Zentrum für alte DNA in Adelaide gar nicht vor, sich auf das verminte Gelände eines Jahrzehnte währenden Linguistenkrieges zu wagen. "Wir wollten die genetischen Beziehungen der Europäer untersuchen", sagte Wolfgang Haak gegenüber der australischen Zeitung "The Australian", "aber unser Ergebnis passte gut zur Steppen-Hypothese, weil eine derart massive Wanderung durchaus eine Sprache verbreiten kann." Haak und seine Kollegen werteten genetische Informationen von insgesamt 94 Menschen aus, die den gesamten Zeitraum von der Altsteinzeit vor 43.000 Jahren bis zur frühen Eisenzeit um 900 vor Christus und ganz Europa von Spanien bis Russland abdecken.

So groß dieses Gebiet ist, so unvollständig deckt es das Verbreitungsgebiet der indoeuropäischen Sprachfamilie ab. Der gesamte iranisch-indische Raum fehlt den Paläogenetikern - und damit das Gebiet, in dem die überwiegende Zahl der fraglichen Idiome gesprochen werden. Für die Anhänger der Anatolien-Hypothese ist daher die Entscheidung keineswegs gefallen, zumal die Jamnaja-Kultur ja durchaus ihre Sprache auch aus Anatolien importiert haben könnte. Paläogenetische Untersuchungen an Skeletten aus Iran oder gar Indien dürften allerdings schwierig werden: Die Erhaltungsbedingungen sind bei hohen Temperaturen und teilweise hoher Luftfeuchtigkeit sehr ungünstig.