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Genug Zeit für Austausch

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.11.2011 10:51

Das Verhältnis zwischen dem anatomisch modernen Menschen - unseren Vorfahren - und den Neandertalern - europäischen Ureinwohnern, deren Abstammungslinie sich vor rund 700.000 Jahren von der unsrigen trennte - gilt als notorisch schwierig. Nicht allein, dass die Immigration der modernen Menschen mit dem Aussterben der Neandertaler einherging, auch der engere Kontakt zwischen den Arten, sei es kultureller oder auch sexueller Art, sorgte immer wieder für Streit unter den Wissenschaftlern. In den vergangenen Jahren allerdings schien sich alles darauf hinzubewegen, dass der Neandertaler kulturell fortschrittlicher war, als man ihm gemeinhin zugestand. Die sexuellen Kontakte standen nach entsprechenden genetischen Studien ohnehin außer Zweifel, auch wenn sich das Neandertaler-Erbe nicht besonders schwer im Genom der heutigen Europäer niederschlug. Zwei Studien in "Nature" könnten jetzt den Streit um das Verhältnis der beiden Menschenarten im eiszeitlichen Europa neu entflammen.

Die Grotta del Cavallo am Golf von Uluzzo in Apulien (© Annamaria Ronchitelli).Moderner Mensch und Neandertaler lebten nachweislich länger nebeneinander in Europa als der archäologische Befund es bisher zeigte. Eine Neubewertung zweier im süditalienischen Apulien gefundener Zähne und die Neudatierung eines im westenglischen Devon gefundenen Unterkiefers belegen, dass der moderne Mensch bereits vor 43.000, möglicherweise sogar vor 45.000 Jahren den Absatz des italienischen Stiefels und vor 41.000 den Westen Englands besiedelt hat. Die bislang ältesten Überreste des anatomisch modernen Menschen wurden im rumänischen Pestera cu Oase gefunden, weit im Südosten des Kontinents, und sie wurden auf rund 42.000 Jahre datiert. 

Drei etwa gleich alte Funde des modernen Menschen über nahezu den gesamten eisfreien Teil des damaligen Europas verteilt - das spricht für eine frühere Einwanderung, für die möglicherweise auch verschiedene Routen gewählt wurden. Das belegt aber auch eine Koexistenz beider Menschenarten über beinahe 15.000 Jahre hinweg, denn die letzten Neandertaler verschwinden erst vor etwa 30.000 Jahren, ihr letzter Rückzugsort war der Südwesten der iberischen Halbinsel. 

Digitales Modell eines der beiden in der Grotta del Cavallo gefundenen Zähne (© Stefano Benazzi).Zur Neubewertung der Fossilien aus der Grotta del Cavallo kam eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Stefano Benazzi, PostDoc am Institut für Archäologie der Universität Wien. Die Wissenschaftler verglichen dreidimensionale digitale Modelle der beiden Milchzähne mit solchen von anderen Neandertalern und von anatomisch modernen Menschen. Das Ergebnis ist nach Angaben der Gruppe klar. Katerina Harvati, Professorin an der Universität Tübingen: "Unsere Analyse zeigt eindeutig, dass die Zahn-Überreste von modernen Menschen stammen." Die beiden Milchzähne von offenbar unterschiedlichen Kindern waren seit ihrer Entdeckung in den 60er-Jahren den Neandertalern zugerechnet worden. Zusätzlich datierten die Forscher einige der Knochenfundstücke, die zusammen mit den Zähnen geborgen worden waren, die Zähne selbst sind dafür zu kostbar. "Diese neue Datierung zeigt ein Alter zwischen 43.000 und 45.000 Jahren", erklärt Leitautor Stefano Benazzi. "Es scheint", ergänzt Harvati, "dass sich der moderne Mensch als erstes entlang der mediterranen Küste ausbreitete."

Der Unterkiefer von Kent's Cavern, der jetzt auf ein Alter von 42.500 Jahre datiert wurde (© Chris Nollins, Natural History Museum, und Torquay Museum).Allerdings scheint er dann auch sehr schnell die Wege durch das Binnenland gefunden zu haben. Denn schon höchstens 4000 Jahre später taucht der moderne Mensch in Kent's Cavern im westenglischen Devon auf. Das Gebiet bot für ein kurzes, mildes Intermezzo Lebensbedingungen für große Säugetiere und auch den Menschen. "Es ist der früheste direkte Beweis für die Anwesenheit der anatomisch modernen Menschen in Nordwesteuropa", erklärt Professor Thomas Higham, stellvertretender Direktor des Radiokarbon-Labors an der Universität Oxford und Leitautor der zweiten Nature-Studie, "der Fundort markiert den alleräußersten Rand des damaligen Lebensraums unserer Art." Der Mensch in Kent's Cavern brachte aber auch Produkte mit, die eindeutig einer neuen Altsteinzeit-Kultur angehören, dem Aurignacien. "Damit ist klar, dass es die anatomisch modernen Neuankömmlinge waren, die diese Kultur verbreiteten", erklärte Erik Trinkaus, Altsteinzeitexperte von der Washington University in St. Louis, gegenüber der "New York Times". Zumindest an der Nordwestgrenze seines Territoriums musste sich dieser Kulturträger allerdings schnell wieder zurückziehen. Dem milden Intermezzo folgte schnell eine drastische Abkühlung und die Bewohner, ob tierisch oder menschlich, mussten die britischen Inseln verlassen oder starben. Die nächsten datierten menschlichen Überreste sind rund 33.000 Jahre alt. 

Eine Auswahl der Artefakte, die man in der Grotta del Cavallo in Apulien gefunden hat (© Annamaria Ronchitelli/Katerina Douka).Die Frage ist jetzt, was die neuen Erkenntnisse für unser aktuelles Bild vom Neandertaler bedeuten. Das hat sich in den vergangenen Jahren durch Indizien erheblich gewandelt, denen zufolge auch die urtümlichere europäische Menschenart höher entwickelte Knocheninstrumente und so etwas wie Schmuck hervorgebracht hat. Die Zähne aus der Grotta del Cavallo spielten in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, denn sie stellten die Verbindung zwischen Neandertalern und einer der großen Übergangskulturen zwischen Mittlerer und Jüngerer Altsteinzeit her, dem sogenannten Uluzzien.  Diese vornehmlich in Italien entdeckte Kultur war wesentlich fortschrittlicher als die jüngste eindeutig neandertalische, das Mousterien. Zum Uluzzien gehörten persönlicher Schmuck, der Gebrauch von Farben und die Herstellung von Werkzeugen aus Knochen, mithin alles, was zum weiter entwickelten Dasein der damaligen Menschen gehörte. "Die Uluzzien-Kultur muss jetzt aber dem modernen Menschen zugeordnet werden und nicht dem Neandertaler", fordert Katerina Harvati. Was also bleibt dann vom Neandertaler?

Die Fachwelt erwartet ein erneutes Aufflammen der Diskussion um dessen Entwicklungsstand und sein Verhältnis zu den anatomisch moderneren Neuankömmlingen. 15.000 Jahre paralleler Existenz in einem Lebensraum bieten selbst für sehr kleine Populationen mit niedriger Dichte genug Zeit für intensivere Kontakte, immerhin ist das länger als die Zeitspanne unserer gesamten Kultur. Genetische Hinweise auf solche intensiveren Kontakte gibt es ohnehin. Viel hängt jetzt von der exakten Datierung der bisherigen Funde ab, denn auf spektakuläre Neuentdeckungen darf man nicht setzen. Thomas Higham hat genau so eine Überprüfung der bisherigen Radiokarbon-Daten in Angriff genommen. 

 
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