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Geschichtsträchtiges Windsystem

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.04.2010 15:55

Die Monsune in Asien sind die wichtigsten variablen Wettersysteme der Erde, das zeigt schon ein Blick auf die Verteilung der menschlichen Weltbevölkerung. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Ländern, die mehr oder weniger stark vom Monsun abhängen. Umso wichtiger wäre es, das Verhalten dieser feuchtigkeitsträchtigen Windsysteme genauer vorhersagen zu können. In der aktuellen "Science" wird jetzt ein auf Baumring-Informationen beruhender Monsun-Atlas für die vergangenen 700 Jahre vorgestellt.

Beprobung einer Himalaja-Hemlocktanne"Leider reichen die Datenreihen der instrumentellen Wetteraufzeichnungen nicht aus, um die Klimamodelle zuverlässig laufen zu lassen", berichtet Edward Cook vom Lamont-Doherty Erdobservatorium an der Columbia Universität in New York. In Indien reichen die Wetteraufzeichnungen immerhin bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. "Doch das ist die große Ausnahme", so Cook, denn in den anderen Gebieten setzen eigentlich erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts umfangreiche Messungen ein.

Angesichts des kommenden Klimawandels und der rasant wachsenden Bevölkerung in der Region gehören allerdings verlässliche Prognosen über die Monsunentwicklung zu den wichtigsten Zielen der Forschung über regionale Klimaentwicklung. Erste Datenreihen gibt es bereits, etwa von Tropfsteinen aus einer zentralchinesischen Höhle. Allerdings gelten deren Informationen nur für einen relativ beschränkten Teil des Monsunraumes. Ein wesentlich umfangreicheres Archiv, das nahezu das gesamte Monsuneinzugsgebiet umfasst, haben Edward Cook und seine Kollegen aus New York und Taipei erschlossen: Sie haben Baumringinformationen von Sumatra im Süden bis zum Baikalsee im Norden, von Kirgisistan im Westen bis Kamtschatka im Osten ausgewertet und einen Atlas der Monsune und der mit ihrem Ausbleiben korrespondierenden Dürreperioden erstellt. "Unser Atlas rekonstruiert die Schwankungen dieser Dürreperioden im größten Teil des asiatischen Monsungebiets über die vergangenen 700 Jahre hinweg", berichtete Cook.

MonsunNeben der dringend gebrauchten Datenbasis für prognostische Klimamodellierung liefert der Monsun-Atlas wichtige Informationen für die Geschichte des gesamten Raums vom Indischen Subkontinent bis nach Japan. Die drastischen Konsequenzen der Monsunschwankungen für die chinesische Geschichte sind bereits mehrfach dargestellt worden. In ihren Baumringarchiven konnten die Forscher neben der bekannten Dürre, die den Fall der Ming-Dynastie beschleunigte, noch vier weitere erkennen. Die jüngste von ihnen war auch gleichzeitig die schwerste und am weitesten verbreitete: Die große Dürre aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts plagte nahezu den gesamten Raum. In den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts traf es vor allem Ostindien und China. Und in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren vor allem Indochina und der Dekkan in Zentral und Südindien betroffen.

Vor allem die Dürren des 18. Jahrhunderts fallen in Zeiten  großer gesellschaftlicher Umbrüche. Die indische Geschichte wurde das gesamte Jahrhundert hindurch durch den Niedergang des Mogulreiches geprägt, der von zahlreichen internen und externen Konflikten begleitet wurde. Die Dürre in der Mitte des 18. Jahrhunderts ist in großer zeitlicher Nähe zu einer "merkwürdigen Parallele", die der Historiker Victor Lieberman von der Universität von Michigan 2003 in seinem genauso betitelten Standardwerk über die Geschichte Südostasiens diagnostizierte: "Zwischen 1752 und 1786 zerfielen die Königreiche in Burma, Siam und Vietnam sämtlich." Ein Zusammenhang mit Klimaveränderungen wurde immer vermutet, konnte aber nie nachgewiesen werden. Der Monsun-Atlas liefert jetzt zumindest Indizien für einen Zusammenhang.

Regenwald in VietnamCooks Kollege Brendan Buckley hatte bereits zuvor detaillierte Baumring-Studien in Nordvietnam durchgeführt, die anschließend durch vergleichbare Untersuchungen in Südvietnam ergänzt wurden. So konnten die Forscher eine besonders lang andauernde Dürre aufspüren, die die im 14. Jahrhundert begann und bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts anhielt. Sie traf vor allem Indochina, Ausläufer wurden aber auch in Indien und China nachgewiesen. "Es herrschte jahrzehntelang Trockenheit, wobei 1403 und 1405 die schlimmsten Jahre waren", erklärt Buckley, "dazwischen gab es einige katastrophale Fluten, die auch noch das Bewässerungssystem beschädigten." Die Monsunkapriolen fielen zusammen mit den wachsenden Schwierigkeiten des Khmer-Reiches, dessen Hauptstadt Angkor 1431 vom verfeindeten Thai-Königreich Ayutthaya erobert und danach aufgegeben wurde.

Der Blick in die Vergangenheit soll auch die Ursachenforschung befördern. "Wenn wir uns die Langzeitvariabilität anschauen, bestätigt sich die Annahme, dass das Ausbleiben des Monsuns eng mit El-Nino-Phänomen zusammenhängen", so Cook. Wie genau beide Phänomene miteinander zusammenhängen, wissen die Forscher nicht, und auch andere Faktoren wie die Schneekappen auf dem Himalaja spielen ebenfalls eine Rolle. Doch mit Datenreihen wie der jetzt vorgestellten steigt die Chance, die Mechanismen zu entschlüsseln, die das einflussreichste Wettersystem der Erde bestimmen.

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