Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Gewusst wo

Gewusst wo

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:07

Der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre steigt unaufhaltsam und mit ihm die globale Temperatur. Da es der Menschheit offensichtlich sehr schwer fällt, ihren eigenen CO2-Ausstoß zu drosseln, denkt sie über Ausgleichsmaßnahmen nach. Eine Möglichkeit wäre die Anpflanzung von Wäldern, die einen Teil des Klimagases wieder aus der Atmosphäre fischen und in ihrem Holz binden. Doch Geowissenschaftler mahnen, dass nicht jeder Wald für diesen Zweck geeignet ist.

Das Auslöffeln der selbst eingebrockten Klimasuppe wird dem Menschen wohl noch etwas schwerer fallen, als gemeinhin angenommen. Wälder sind offenbar nicht die erhoffte Hilfe im Kampf gegen den zunehmenden Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre - zumindest nicht überall. "Man muss genau prüfen, wo es denn klimatisch Sinn macht, Wälder anzupflanzen", verlangt Professor Volker Mosbrugger, Direktor des Forschungsinstituts Senckenberg in Frankfurt. Den Modellierungen des Geowissenschaftlers zufolge ist Wald nicht gleich Wald, sein klimatischer Wert ist sehr stark vom Standort abhängig. "Wälder beeinflussen das Klima auf verschiedene Art und Weise, sie verändern den Kohlenstoffhaushalt, sie verändern aber auch den Wasserkreislauf und den Strahlungshaushalt der Erde", erklärt der Wissenschaftler.

Zusätzliche Wälder in höheren Breiten, wie hier in den New England-Staaten der USA mindern nicht unbedingt die Klimaerwärmung. Foto: CIW

In der gegenwärtigen Klimawandel-Diskussion wird vor allem auf die erste Einflussmöglichkeit abgehoben und die Kohlenstoffsenke Wald betont. Dass Pflanzen CO2 binden, steht außer Frage, allerdings kann dieser positive Effekt durch gegenläufige Wirkungen mehr als ausgeglichen werden. "Das hängt damit zusammen, dass in den hohen Breiten durch die Wälder eine verstärkte Absorption der Sonneneinstrahlung stattfindet, so dass dadurch auch eine Erwärmung erfolgt", so Mosbrugger. Ursache ist die so genannte Albedo, das Rückstrahlvermögen der Erdoberfläche. Für die gegenwärtige globale Mitteltemperatur erhält die Erde im Grunde zuviel Strahlungsenergie von der Sonne. Nur weil ein erheblicher Teil der Sonnenenergie sofort wieder in den Weltraum zurückgeworfen wird, gerät unser Planet nicht ins Schwitzen. Die größten Rückstrahleffekte erzielen dabei die Wüsten und die weißen, weil schneebedeckten Gebiete in den höheren Breiten, die eisbedeckten Polargebiete und die Tundren Sibiriens und Kanadas.

Werden auf diesen Arealen Wälder angepflanzt, wirkt sich das auf das Klima aus. "Das ist reine Zeitverschwendung", warnt Ken Caldeira von der Carnegie Institution in Stanford. Der US-Wissenschaftler hat Klimasimulationen rechnen lassen, in denen angenommen wurde, das Festland der gesamten Nordhalbkugel nördlich des 20. Breitengrades sei bewaldet. Die Rechner spuckten für diesen Fall eine globale Temperaturerhöhung von rund vier Grad aus. Auf der Nordhalbkugel war der Temperatursprung sogar noch extremer. Zugegebenermaßen ist das ein Extremszenario, denn es beträfe den Löwenanteil der irdischen Festlandsmassen. Doch die Stoßrichtung stimmt, wenn Mosbruggers Modellierungen dazugenommen werden.

Wälder in tropischen Breiten können einen Beitrag zur Begrenzung des Temperaturanstiegs leisten. Foto: CIW

Der deutsche Geowissenschaftler hat zehn Millionen Jahre zurück in die Erdgeschichte geblickt, ins jüngere Miozän, als es wesentlich wärmer als heutzutage war. "Für diese Situation kennen wir den Kohlendioxidgehalt und die Waldverteilung sehr genau", erklärt er. Damals gab es gerade in den Wüsten und den höheren Breiten Wälder, die es heute nicht mehr gibt. Insgesamt nahmen sie damals rund ein Viertel mehr Fläche ein als heute. Mosbrugger passte die Klimamodellen, die derzeit von den Klimatologen eingesetzt werden, an diese Zeit an und ließ simulieren, was mit der Durchschnittstemperatur geschieht, wenn man die Ausdehnung der Wälder variiert. "Da kann man sehen, dass durch die damals um 25 Prozent größere Ausdehnung der Wälder eine Erwärmung der Nordhemisphäre um ein Grad erfolgte", so Mosbrugger.

Für die derzeit laufende Diskussion um die Bewertung von Waldanpflanzungen als Klimaschutzmaßnahme bedeuten die Ergebnisse von Caldeira und Mosbrugger vor allem eins: Man muss genauestens hinschauen, wo diese Wälder gepflanzt werden sollen, sonst erreicht man genau das Gegenteil des eigentlichen Ziels. Eine pauschale Finanzierung von Aufforstungsprojekten im Rahmen der weltweiten Kohlendioxidsenkungsstrategie ist jedenfalls nicht sinnvoll, "das", so Caldeira, "fördert nur das allgemeine Gefühl, etwas Gutes getan zu haben". Der US-Forscher vermutet, dass es nur in einem vergleichsweise schmalen Streifen in den Tropen tatsächlich sinnvoll ist. Wo genau die Wälder angepflanzt werden sollen, wollen jetzt Volker Mosbrugger und einige Kollegen mit so genannten Sensitivitätsstudien klären. Die dürften in ein paar Jahren beendet sein. Gerade rechtzeitig, um im allgemeinen Bewusstsein Widerhall zu finden. Momentan werden die Ergebnisse eher ignoriert. Doch davon lässt sich der Senckenberg-Direktor nicht entmutigen. "Ich bin ja nun schon länger im Geschäft und ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Wahrheit einfach durchsetzt", schmunzelt er gelassen, "das können Sie gar nicht aufhalten."