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Gipfel in Grau

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.08.2007 17:26

Der Klimawandel macht sich auch in den Alpen bemerkbar. Züricher Glaziologen haben modelliert, dass bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich 80 Prozent der Alpengletscher verschwunden sein werden, möglicherweise sogar alle. Die Berge werden durch den Schwund von Eis und Frost instabil, Felsstürze dadurch wahrscheinlicher.

Der Felssturz am Gotthard, der jüngst ein deutsches Urlauber-Ehepaar das Leben kostete, war nur ein ganz normaler Steinhagel aufgrund von Frostbrüchen im vorangegangenen Winter, der unglücklicherweise an einer neuralgischen Stelle niederging. Doch wenn sich so gewaltige Massen wie jetzt am Eiger in Bewegung setzen, spricht einiges für einen tieferen Grund. Hier hat sich der Untere Grindelwaldgletscher inzwischen so weit zurückgezogen, dass das Eis das Gestein des Bergriesen an dieser Stelle nicht mehr stützen. In das entlastete Gestein dringt Wasser ein, es entsteht geradezu eine Wassersäule im Fels, die mit vielen 1000 Tonnen nach außen drückt und schließlich Teile des Berges absprengt.

Das Matterhorn besteht zwar aus wesentlich festerem Fels als der Eiger, dennoch gibt es auch hier zahllose Risse und Spalten im Fels, durch die Wasser eindringen kann. Normalerweise ist das kein Problem, denn in diesen Höhen bleibt das Wasser permanent gefroren. Die Hitze des Sommers 2003 ließ diesen Permafrost jedoch tagsüber auftauen, das Wasser lief tiefer in den Fels hinein. Nachts gefror es wieder und setzte so das Gestein des Matterhorns an manchen Stellen so unter Druck, dass es barst. Vergleichbares geschah im selben Sommer am Großen Sankt Bernhard.

Gletscher geraten drastisch unter Druck

Es ändert sich offenbar tatsächlich etwas in den Bergen - und das dürfte mit den steigenden Temperaturen infolge des Klimawandels zu tun haben. Die Gletscher in den Alpen werden drastisch unter Druck geraten. Michael Zemp und seine Kollegen von der Gruppe Glaziologie und Geomorphodynamik haben mit den Temperaturprognosen des Internationalen Rates für den Klimawandel (IPCC) die Entwicklung der Alpengletscher in diesem Jahrhundert modelliert.

Das UN-Expertengremium erwartet für dieses Jahrhundert einen Anstieg der Jahresmitteltemperatur um ein bis fünf Grad. Für die Gletscher ist dabei die Sommertemperatur entscheidend, denn die bestimmt, wieviel vom "ewigen" Eis abtaut. Die Züricher Glaziologen haben daher die IPCC-Werte in Sommertemperaturen umgesetzt und mit den seit dem 19. Jahrhundert gemessenen Werten verbunden. "Zwischen 1850 und 1970 ist die Sommertemperatur zwischen einem und 1,5 Grad gestiegen und die Fläche der Alpengletscher gleichzeitig um rund 50 Prozent geschrumpft", erklärt Michael Zemp. Das zeigt, was die erwartete Temperatursteigerung bringen wird. Bei einem mittleren Temperaturanstieg von drei Grad wären 80 Prozent der alpinen Gletscher verschwunden. Nur im Westen des Alpenbogens haben die größten wie der Aletschgletscher im Wallis oder das Mer de Glace am Montblanc eine Chance. Die gesamten Ostalpen in Österreich und Deutschland werden eisfrei sein. Beim Extremwert fünf Grad wäre es auch um die mageren Gletscherreste geschehen.

Auch dem Alpentourismus stehen einschneidende Änderungen bevor. "Die Leute kommen in die Berge, um im Sommer schneebedeckte Gipfel zu sehen, doch dann gibt es nur noch graue Spitzen", meint Zemp. Selbst für den Wintersport werden harte Zeiten anbrechen, denn die Skiorte werden auf Gedeih und Verderb auf Schneefall angewiesen sein, wenn sie in der Hauptskisaison von Weihnachten bis Anfang Januar Wintersportler anlocken wollen. Nicht zuletzt die Hydrologie im Alpenraum wird sich drastisch ändern. Zurzeit sorgen die Gletscher dafür, dass auch im schönen Hochsommer genug Wasser zu Tale fließt und die zahlreichen Bäche und Flüsse speist. Fehlt das frostige Wasserreservoir jedoch, ändert sich die Situation drastisch. Trockenheit und Wasserknappheit im Sommer werden in vielen jetzt noch verwöhnten Tälern auf der Tagesordnung stehen.

Weiterführende Information: Pressemitteilung der Universität Zürich