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Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 03.09.2007 12:59

Bislang schien der Mensch ein besonderes Lebewesen zu sein. Zwar haben wir schon lange die Krone der Schöpfung abgelegt, aber einen Hang zur Exklusivität hatten wir dennoch - das schien schon die Ahnenreihe zu belegen. Während sich alle anderen Lebewesen mit einem wilden Gestrüpp von Verwandtschaftslinien, von lebenden und ausgestorbenen Seitenästen zu entwickeln schienen, gab es bei uns eine direkte Linie vom frühesten Vormenschen zu uns modernen Vertretern der Art homo sapiens. Doch auch diese Exklusivität des Menschen wird Schritt für Schritt demontiert, zuletzt in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature". Dort berichten Paläoanthropologen, dass zwei Arten, von denen man bislang dachte, die eine habe sich aus der anderen herausentwickelt, über Hunderttausende von Jahren gleichzeitig das gleiche Gebiet bewohnten.

Ein wunderbar erhaltener Schädel und ein unansehnlicher Unterkiefer - das ist der Stoff, aus paläontologische Sensationen gemacht werden. Oder? "Sie werfen sicherlich nicht alles über den Haufen, was wir über die menschliche Evolution wissen", wehrt Fred Spoor, Anatomie-Professor am University College in London und einer der Autoren der "Nature"-Veröffentlichung, ab, "aber sie verändern doch unsere Sicht auf die frühe Phase der menschlichen Entwicklung." Der Schädel stammt von einem 1,55 Millionen Jahre alten Homo erectus. Der Unterkiefer dagegen ist von einem 1,44 Millionen Jahre alten Homo habilis und ist damit das jüngste Homo habilis-Fossil, das bis jetzt gefunden wurde. Beide wurden an ein- und demselben Fundort im berühmten Turkana-Becken im Norden Kenias gefunden. Die Pointe: Sie sollten eigentlich nacheinander gelebt haben - so sagt es zumindest die derzeitige Auffassung. Spoor: "Die Lehrmeinung besagt, dass Homo habilis vor etwa zwei Millionen Jahren entstand. Aus ihm soll sich ganz allmählich Homo erectus entwickelt haben. Zwischen beiden Arten bestünde also eine Art Mutter-Tochter-Beziehung."

Das Fundgebiet der neuen Fossilien, östlich des Turkana-Sees. Foto: KFRP/Fred Spoor

Diese Meinung gehört vielleicht in die Abstellkammer der Paläoanthropologie - nicht nur aufgrund der beiden Funde aus Kenia. Die Forscher um Spoor und die Leiterin des Ausgrabungsprojektes in der Turkana-Region Meave Leakey forschten nach den verfügbaren Resten von Homo erectus und Homo habilis. Diese aufwendige Analyse ergab weitere Indizien für eine zeitliche Überlappung beider Arten. "Wir sprechen von rund einer halben Million Jahre, die beide nebeneinander gelebt haben, zumindest in ihrem Ursprungsgebiet in Afrika", so Spoor. Beide seien nach den Recherchen seiner Arbeitsgruppe vor etwa 1,9 Millionen Jahren entstanden und vor 1,4 Millionen Jahren wieder verschwunden.

Statt Mutter und Tochter sind habilis und erectus für Spoor folglich Geschwister. entstanden aus einer gemeinsamen Elternart, die vor rund zwei bis drei Millionen Jahren gelebt haben muss. "Unglücklicherweise wissen wir nicht, wer dieser Vorfahr gewesen sein könnte", so Spoor, "denn aus dieser Zeit gibt es nur sehr wenige Fossilien." Ganz so weit in der Uminterpretierung der frühen Menschheitsgeschichte will der renommierte Anthropologe Professor Chris Stringer vom Naturkundemuseum in London freilich nicht gehen. "Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass es doch eine Entwicklung von habilis zu erectus gab", erklärt er auf Anfrage, "aber dieser Übergang von einem zum anderen muss viel früher stattgefunden haben. Auch danach müssen Gruppen von Homo habilis neben ihren Nachfolgern Homo erectus für Jahrhunderttausende gelebt haben."

Auf jeden Fall haben beide Arten unterschiedliche Nischen im damaligen Lebensraum besetzt. "Ich glaube, die beste heutige Analogie ist die von Schimpansen und Gorillas, die in vielen Gegenden Westafrikas nebeneinander vorkommen", erklärt Spoor, "aber es gibt nur ganz wenige Zeugnisse, dass sie sich dort oft begegnen. Sie scheinen sich eher gegenseitig zu meiden." Das wird dadurch erleichtert, dass beide Arten unterschiedliche Nahrung bevorzugen und sich daher auch in Notzeiten nicht in die Quere kommen. Bei Homo habilis und Homo erectus könnte das ähnlich gewesen sein. Der wesentlich kleinere Homo habilis hatte sich wohl wie die heutigen Gorillas ganz auf Pflanzennahrung spezialisiert und konnte mit seinen stärkeren Zähnen auch zähe und harte Sprossen oder Fasern zermahlen, die der größere Homo erectus mit seinem zierlicheren Gebiss verschmähte. Dafür hatte dieser wie Schimpansen auch Insekten und auch Fleisch auf dem Speiseplan.

Der Schädel von Homo erectus, den Spoor und seine Kollegen östlich des Turkana-Sees fanden, verändert aber auch unser Bild von diesem frühen Vorfahr. Er ist nämlich der kleinste Schädel, den man bisher gefunden hat und zerstört damit das hergebrachte Erectus-Bild. "Wir wissen jetzt", so Spoor, "dass ein Fossil von erectus und trotzdem klein sein kann. Dieses bislang als eindeutig eingeschätzte Unterscheidungsmerkmal zwischen Fossilien von Homo erectus und denen von Homo habilis ist damit aus dem Fenster geflogen und nicht länger sinnvoll." Um hinter das Geheimnis des kleinen Schädels zu kommen, haben sich die Forscher viele andere Fragmente in Sammlungen angesehen. Das Ergebnis: Die Größenunterschiede beruhen möglicherweise darauf, dass bei Homo erectus die Männchen sehr viel größer waren als die Weibchen: "Es gab offenbar wesentlich größere Unterschiede zwischen den Geschlechtern als bei uns heutigen Menschen".

Gruppenverhalten wie Gorillas

Der so genannte Geschlechtsdimorphismus der Homines erecti glich offenbar eher dem der Gorillas als dem der heutigen Menschen. Mit einem Blick auf die Verhältnisse bei anderen Primatenarten zieht Spoor aus diesem Befund gleich auch noch Schlüsse auf das Sozialleben: "Mehr oder weniger waren die Gesellschaften von Homo erectus und den viel älteren Australopithecinen organisiert wie die Gruppen bei Gorillas, wo man ein dominantes Männchen mit einem Harem von Weibchen und vielleicht ein paar untergeordneten Männchen findet, die auf ihre Chance warten." Denn so sieht überall dort aus, wo es starke Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

Auch für das jüngste Mitglied der Gattung Mensch, den nach wie vor umstrittenen Homo floresiensis von der indonesischen Insel Flores, hat der Fund aus Ostafrika nach Spoors Ansicht Folgen: "Ich bin mir sicher, dass viele Leute jetzt Beziehungen zwischen unserem Fund und dem Homo floresiensis knüpfen werden. Unser Fund wird die Ansicht stützen, floresiensis sei eine Inselvariante von Homo erectus." Was die Funde und Schlüsse von Spoor und Kollegen weiterhin in der Paläoanthropologie auslösen, bleibt abzuwarten. "Wir präsentieren das jetzt der Wissenschaftlergemeinde und werden sehen, wie man reagiert", schmunzelt der Anatom in seinem ostafrikanischen Camp. Allerdings erwartet er Folgen für die Zusammenstellung der Gattung Mensch, speziell für deren frühesten Vertreter, den Homo habilis. "Möglicherweise werden manche ihn jetzt aus der Gattung ausschließen wollen", so Spoor, "ich persönlich neige zu der Ansicht, wenn er nicht die modernen Proportionen besitzt wie eben Homo erectus oder der moderne Mensch, dann sollte man tatsächlich zwischen ihm und Homo erectus die Grenze ziehen."