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Globales Problem wird lokal

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.11.2013 12:57

Die Menschheit fabriziert mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Klimawandel, der sie und den Planeten die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte beschäftigen wird. Das hat zuletzt der Internationale Rat für Klimawandelforschung IPCC in seinem fünften Sachstandsbericht festgehalten. Auch wenn dieser Befund nicht unumstritten ist, geht doch die Mehrheit der Klimaforscher davon aus, dass die derzeit gut sieben und 2050 zehn Milliarden Menschen sich auf tiefgreifende Änderungen vorbereiten sollten. Mehrere Studien schlüsseln diese allgemeinen Befunde weiter auf.

Maas-Hochwasser bei Roermond, Januar 2011. (Bild: Grundig/Wikimedia Commons) Eine Simulationsstudie unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung warnt in den "Environmental Research Letters", dass schon bei einem globalen Temperaturanstieg von nur zwei Grad verschiedene Flusssysteme unter bislang unbekanntem oder drastisch steigendem Wassermangel leiden werden. Betroffen sind vor allem Flüsse im Nahen und Mittleren Osten, wie der Kizilirmak in Anatolien oder der Indus in Pakistan. Doch auch die Maas mitsamt ihren Nebenflüssen gerät in Gefahr, an Wassermangel zu leiden. In weiten Teilen Mittel- und vor allem Südost- und Südeuropas werden die Flüsse weniger Wasser führen, allerdings wird noch kein Mangel herrschen. Sollten die Temperaturen stärker steigen - und damit rechnen Experten derzeit - wird sich die Situation verschärfen. Dann wird das verfügbare Wasser in einem breiten Band des Nahen und Mittleren Ostens von Pakistan bis Anatolien zurückgehen, Wassermangel wird auch an der marokkanischen und algerischen Mittelmeerküste und in Andalusien spürbar werden, ebenso wie im südlichen Afrika, im US-Südwesten und in Australien.

Aktuelle Studien der Universität Hawaii in "Nature" und "PLoS" lenken überdies den Blick auf die Tropen. Studenten des Biogeographen Camilo Mora haben den Zeitpunkt bestimmt, an dem das Klima den bislang bekannten Schwankungskorridor definitiv verlassen hat. Dann sind selbst die niedrigsten Temperaturen höher als die bislang gemessenen Höchstwerte. Dafür haben die Biogeographen Temperaturkurven ausgewertet, die 39 Klimamodelle für die Zeit bis 2100 vorhersagen und die normalerweise globalen Temperaturangaben auf insgesamt mehr als 50.000 lokale Werte heruntergebrochen. An der Nordküste des indonesischen Bundesstaats Papua Bharat wird der Zeitpunkt bereits 2020 oder 2025 gekommen sein, je nachdem wie stark die Menschheit ihre Kohlendioxidemissionen in den Griff bekommt. Die Werte geben den Zeitpunkt für einen ungebremsten Treibhausgasausstoss und für ein mittleres Szenario an. In Chennai und Mumbai, früher als Madras und Bombay bekannt, ist es demnach 2034 oder 2052 soweit, in Singapur 2028 oder 2037. Die gemäßigten Breiten haben dagegen mehr Zeit: So ist es im Schwarzwald erst 2049 oder sogar erst 2099 soweit, an der deutsch-dänischen Nordseeküste erst 2060 oder im nächsten Jahrhundert und in Berlin 2061 oder 2090.

Gefährdet: Das fragile Ökosystem des trop. Regenwaldes. (Bild: Wikimedia/Worldwide Happy Media)Die Klimamodelle berechneten zwei Szenarien: Ein Maximalszenario, in dem die Menschheit ihren CO2-Ausstoß nicht in den Griff bekommt. Hier hat die Atmosphäre am Ende des Jahrhunderts fast das Dreifache des vorindustriellen Kohlendioxidgehalts, was zu einer Temperatursteigerung von im Mittel fast sechs Grad führt. Daneben wurde ein mittleres Szenario mit erheblichen Sparmaßnahmen berechnet. Doch auch hier landet die Erde im Jahr 2100 bei rund 585 ppm CO2 - fast dem Doppelten des Referenzwertes - und bei Temperatursteigerungen von im Mittel 2,7 Grad. Für die Regionen der Welt bedeutet das, dass beim Maximalszenario schon zur Mitte des Jahrhunderts fast überall das Klima drastisch verändert sein wird. Camilo Mora und seine Studenten haben ermittelt, dass dieser Umbruch im Durchschnitt im im Jahr 2047 zu beobachten sein wird, wobei die Werte regional variiere - in den Tropen wird es bereits 2039 soweit sein, in den gemäßigte Breiten mit 2053 etwas später.

"Wir waren schockiert von diesen Ergebnissen", erklärt der 38jährige Biogeograph in einer Presseerklärung, "innerhalb meiner Generation wird das Klima, wie wir es kennen, Vergangenheit sein." Für die Tropen könnte es besonders einschneidend werden, da dort die Ökosysteme nur geringe Temperaturschwankungen kennen. Die Lebewesen haben oft nur ein sehr enges Temperaturfenster, in dem sie sich wohlfühlen - und gerade ihnen bleibt jetzt besonders wenig Zeit für die Anpassung. "Die Arbeit zeigt, dass wir die Ökosysteme der Welt komplett neuen Bedingungen aussetzen, mit denen sie möglicherweise nicht klarkommen", kommentiert der Geowissenschaftler Ken Caldeira von der Carnegie-Stiftung.