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Grundlegender Wechsel

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.11.2010 14:52

Der Südwesten der USA hängt von einem großen Strom ab, dem Colorado. Mehr als 2000 Kilometer fließt der Fluss von Nordost nach Südwest, von seinen Quellen im gleichnamigen US-Bundesstaat bis zu seiner Mündung in der Cortez-See zwischen der Halbinsel Niederkalifornien und dem mexikanischen Festland. Zwischen Quelle und Mündung hat der Colorado im Laufe seiner Geschichte Schluchten gegraben, die zu den beeindruckendsten der Welt gehören. Dabei ist dieser Verlauf des Colorado nur wenig älter als 20 Millionen Jahre. In "Geology" listen Forscher aus den USA Indizien dafür auf, dass davor das gesamte Flusssystem in genau die entgegengesetzte Richtung floss.

Grand Canyon Idylle"Dieser Fluss hatte in etwa die gleichen Dimensionen wie das heutige Flusssystem des Colorado", erklärt Steven Davis, Geologe bei der Carnegie-Stiftung im kalifornischen Palo Alto. Davis und seine Kollegen haben den Fluss, der schätzungsweise im Zeitraum von vor 55 Millionen bis vor rund 35 Millionen Jahren existierte, California River genannt. Die Analogie zum Colorado-Fluss mit seinem Quellgebiet im gleichnamigen US-Bundesstaat ist Absicht, denn das Quellgebiet des California-Flusses liegt in der heute staubtrockenen Mojave-Wüste, die östlich von Los Angeles hinter den San Gabriel Mountains beginnt. Seine Mündung lag im Uinta-Becken im heutigen Utah, rund 200 Kilometer östlich von Salt Lake City.

Dort befand sich ein gewaltiger Binnensee, ein Überbleibsel des ausgedehnten, aber flachen Meeresarms, der sich seit etwa der mittleren Kreidezeit über große Gebiete des heutigen Mittleren Westens erstreckt hatte und mit Beginn des Paläogens verlandet war. In diesen Uinta-See ergoss sich der California und setzte gewaltige Mengen von Sediment ab. Und in diesem Sediment, das heute die sogenannte Colton-Formation im südlichen Uinta-Becken bildet, fanden Davis und seine Kollegen Indizien, dass der Fluss tatsächlich im 1000 Kilometer entfernten Kalifornien entsprungen war.

Mojave-WüsteEs sind winzige Zirkonkristalle, die selbst viel älter sein können als die Gesteine, in denen sie gefunden werden. Denn diese winzigen Körner sind nahezu unzerstörbar und machen daher problemlos mehrere Zyklen von Gebirgsbildung und -erosion mit. In den Gesteinen der Colton-Formation fanden sich vor allem Zirkone aus dem Erdmittelalter, die jünger als 275 Millionen Jahre sind. Ein ähnliches Zirkonprofil hatte die südwestliche Vergleichsprobe  aus dem McCoy-Becken im Dreiländereck von Arizona, Kalifornien und Mexiko. Geradezu einen Kontrast bildeten aber Vergleichsproben aus Colorado und anderen Gebieten östliche der Rocky Mountains, in denen viel ältere Zirkone aus dem Proterozoikum mit Altern zwischen 2500 und 542 Millionen Jahren die Mehrheit bildeten. "Das schließt einen Ursprung der Colton-Formation in Colorado oder östlich davon aus", schreiben die Wissenschaftler in Geology, "und stützt die Existenz eines ausgedehnten Flusssystems, das 1000 Kilometer vom Uinta-Becken entfernt in Kalifornien beginnt."

Die Gruppe um Steven Davis entwirft eine komplett neue Geographie für den nordamerikanischen Südwesten während des Paläogen. Derzufolge nahm der California-Fluss mehr oder weniger den gleichen Verlauf wenn auch in umgekehrter Richtung wie heutzutage der Colorado und entwässerte so das komplette Gebiet von Südkalifornien, Arizona und Südutah im Uinta-See. In die Senken im heutigen Utah ergoss sich neben dem Strom aus Süden auch noch ein weiterer aus Richtung Norden, der im heutigen Idaho begann. Dieser speiste den sogenannten Gosiute-See im südlichen Colorado, von dem aus ein dritter Strom in Richtung Uinta-See floss.

Das System bestand für vermutlich mindestens 20 Millionen Jahre für die gesamte Periode des Paläogens. Der Aufstieg des Colorado-Plateaus, der mit dem Mittleren Eozän vor rund 40 Millionen Jahren begann, markierte eine Zeit des Übergangs von der nordöstlichen zur südwestlichen Ausrichtung des Flusssystems. Wann genau sich die Fließrichtung der Ströme im amerikanischen Südwesten änderte, können die Forscher nur schätzen. Klar ist allerdings, dass der Colorado-Fluss vor 20 Millionen Jahren begann, den Grand Canyon einzukerben. Zukünftige Forschungen sollten, so die Hoffnung der Geologen um Steven Davis, diese Zeit des Wechsels besser erkunden.

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