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Gut ausgestattet an der Spitze

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 23.06.2009 11:54

Festtag beim Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung: Die international renommierte Institution legt sich sowohl ein neues Forschungsflugzeug als auch eine neue Antarktisstation zu. Kostenpunkt für beide Instrumente: rund 44 Millionen Euro. Am Montag stellte das AWI beide der Öffentlichkeit vor, am Ende der Woche kann das Publikum zumindest einen Teil der Station näher begutachten.

Fast 30 Meter hoch, so hoch wie ein dreistöckiges Haus ragt das Gerippe aus massiven Stahlträgern auf dem Gelände des Anlagenbauers Kramer am Bremerhavener Fischereihafen in die Höhe. Die tonnenschwere Konstruktion ruht auf vier aufwendigen Füssen: Je zwei rot lackierte Hydraulikstempel lasten auf einem quietschblau gestrichenem zwölf Quadratmeter großen Fundament, zur Sicherheit gibt es noch einen dritten nicht-hydraulischen Sicherheitsfuß, der das Gewicht aufnimmt, wenn die Stempel versagen oder eingezogen werden. Ganz oben in luftiger Höhe sind zwei Standardwohncontainer montiert, sie werden auf einer Seite von massiven, schräg angebrachten Platten vor der steifen Brise geschützt, die von der Wesermündung und der Nordsee heranweht. Das merkwürdige Bauwerk ist ein Modul der neuen Antarktisstation Neumayer III. Die ist der ganze Stolz des Alfred-Wegener Instituts für Polar- und Meeresforschung, und wie stolze Eltern führten es Wissenschaftler und Ingenieure am Montag Bundesforschungsministerin Annette Schavan und der Presse vor.

„Mit der Station und dem Flugzeug wird Deutschland seine internationale Spitzenposition behalten und weiter ausbauen“, meinte die Forschungsministerin gut gelaunt auf der Pressekonferenz. Deutschland investiere bis 2017 insgesamt 700 Millionen Euro in solche Großgeräte und Projekte. Für beide Polarforschungsprojekte stellt das Bundesforschungsministerium 34 Millionen Euro zur Verfügung. Die „Polar 5“ kam mit den veranschlagten 8,1 Millionen Euro aus. Schon im Herbst soll sie die ersten Einsätze fliegen. „Seine Feuertaufe hat das Flugzeug mit der Überführung aus Kanada bereits hinter sich“, erklärte AWI-Projektmanager Dr. Andreas Herber am Montag. Auch die spezielle Ausrüstung für den wissenschaftlichen Einsatz in den Polargebieten ist inzwischen an Bord, jetzt fehlt nur noch die Flugzulassung in Europa.

Polar 5









Die "Polar 5" ist eine modifizierte DC-3 und das modernste Polarforschungsflugzeug Deutschlands. Foto: AWI

Das Flugzeug ist eine von der Firma Basler Turbo conversion LLC modifizierte DC-3. Diese Flugzeuge wurden bereits im 2. Weltkrieg eingesetzt und sind wegen ihrer Robustheit und Flugeigenschaften legendär. Heutzutage sind sie natürlich mit den modernsten Triebwerken ausgestattet und speziell die „Polar 5“ ist ein mit High-Tech vom allerfeinsten vollgestopftes Gefährt. Verglichen mit den bisherigen Forschungsflugzeugen hat das neue eine verdoppelte Reichweite, verdoppelte Nutzlast und ein verdoppeltes Volumen. Die Maschine kann sogar auf dem 3800 Meter hohen antarktischen Plateau starten und soll, so erwarten es die Forscher, wesentlich robuster als ihre Vorgänger sein.

Auch die Antarktisstation Neumayer III ist ein hochmodernes Instrument, doch sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen. „Zehn Millionen Euro mehr wären schon schön“, meinte AWI-Logistikchef Dr. Hartwig Gernandt am Montag. Der Kostenrahmen von 26 Millionen Euro war offenbar zu knapp, um Preissteigerungen bei Material und Transport aufzufangen. Auch die Verkürzung der Station von geplanten 82 auf jetzt 67 Meter Länge hat das Loch nicht schließen können. Allerdings scheint das BMBF das Forschungsinstitut nicht im Regen stehen zu lassen. „Wenn man auf etwas stolz ist, findet man auch Wege, um es bis zum Schlussstein zuende zu bauen“, sagte die sichtlich stolze Forschungsministerin. Und die AWI-Vertreter werteten das als „erstklassige Antwort“.

Unbestritten erstklassig dürfte die neue Station im Kreis der 37 permanent bemannten Forschungsstationen sein, die die Menschheit in der Antarktis unterhält. Geht alles nach Plan, wird Neumayer III 2009, pünktlich zum Abschluß des Internationalen Polarjahrs auf dem zum Atlantischen Ozean zugewandten Ekström-Schelfeis in Dienst gestellt. Seit 1981 unterhält die Bundesrepublik dort Forschungsstationen, in diesen 26 Jahren hat es bereits zwei gegeben. Beide sind als Röhren gebaut, die langsam aber sicher im antarktischen Schnee versinken. Da jedes Jahr zwischen 80 und 120 Zentimeter dazu kommen und auch liegen bleiben, ist die erste Station inzwischen mehr als 20 Meter tief ins Eis versunken. Sie wurde 1993 aufgegeben, als ihre Nachfolgerin in Betrieb genommen wurde. Die ist inzwischen auch schon über zwölf Meter tief eingesunken.

Voraussichtlich 2009 wird für sie das Ende kommen, wenn die neue und dritte Neumayer-Station bezogen wird. Sie wird eine hypermoderne Hightech-Anlage sein und erstmals über der Eisoberfläche emporragen. Von den 29 Metern Gesamthöhe werden rund 20 oberirdisch aufragen, dank der besonderen Stelzenkonstruktion kann die Station immer wieder angehoben werden. Daher rechnet das Polarforschunginstitut mit einer wesentlich längeren Lebensdauer als bei den beiden älteren Stationen: Rund 30 Jahre soll Neumayer III durchhalten.

Ein Gang durch die zur Probe aufgebauten Container der neuen Station zeigt, wie großzügig die neue Station sein wird. Breite Gänge geräumige Labors und nicht zuletzt Fenster in jedem Raum, heben sie von den Vorgängerinnen ab. Gerade Fenster haben viele Forscher in den alten Stationen vermisst. An einem Kopfende ist sogar ein Aufenthaltsraum mit Panoramafenstern vorgesehen, von dem aus man über das Schelfeis blicken kann. Ein intelligentes Energiemanagementsystem soll dafür sorgen, dass die neue Station möglichst umweltschonend arbeitet. Es optimiert Verbrauch und Produktion von Strom und Wärme, denn die Präsenz des Menschen in der Antarktis soll so geringe Umweltbelastungen wie möglich mit sich bringen. „Unser Ziel ist es, den Verbrauch der Station auf dem Niveau der alten Neumayer-II-Station zu halten, obwohl die neue Station viel größer ist und 30 Prozent mehr Energie benötigt“, berichtete Hartwig Gernandt bei der Präsentation.

Ganz ohne Abgase geht es allerdings nicht, denn das Rückgrat jeder Energieversorgung am Südpol sind Dieselgeneratoren. Drei dieselgefeuerte Blockheizkraftwerke von je 160 Kilowatt elektrischer und 190 Kilowatt thermischer Leistung werden Neumayer III mit Strom und Wärme versorgen. Eine Einheit läuft das ganze Jahr über, eine zweite wird in den Monaten des antarktischen Sommers dazugeschaltet, wenn bis zu 50 Menschen an der Neumayer-Station arbeiten. Die dritte Einheit ist zur Reserve. „Wir produzieren täglich die Menge Abgase, die in fünf Minuten im Hamburger Elbtunnel entstehen“, erklärte Gernandt. Hinzu kommen Windräder, die erneuerbare und emissionsfreie Energie beisteuern. Zunächst wird ein 30-kW-Windrad errichtet, doch die Pläne sehen bis zu fünf vor. Die Dieselmotoren der Energiezentrale sind so ausgelegt, dass sie bis auf ein Viertel ihrer Leistung gedrosselt werden können, ohne es übel zunehmen. Damit kann die Station theoretisch bis zu drei Viertel ihrer Energie aus regenerativen Quellen decken.

Anfang November sollen Module und Ausrüstung der Station auf ein Transportschiff verladen und in die Antarktis verschifft werden. Mitte Dezember beginnt dort die erste Phase des Aufbaus. Bis zum März des kommenden Jahres sollen die Station komplett errichtet und alle Container eingebaut sein, so dass in der darauffolgenden Saison der Innenausbau erfolgen kann. Wer sich vor dem Abtransport noch ein Bild von der neuen Antarktisstation machen will, kann dies am kommenden Samstag tun. Dann findet auf dem Gelände der Firma J.H.Kramer im Fischereihafen ein Tag der offenen Tür statt.

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