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Hahnenkampf mit wissenschaftlichem Nutzen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.08.2007 14:47

Seit kurzem ist der schwedische Eisbrecher "Oden" mit einer weitgehend dänischen Wissenschaftler-Crew an Bord unterwegs ins arktische Packeis. Sein Ziel ist der Lomonossow-Rücken, ein untermeerischer Gebirgszug, der sich von der sibirischen Laptewsee bis zum grönländisch-kanadischen Grenzgebiet quer durch das Nordpolarmeer zieht und diesen fünftgrößten Ozean der Welt in zwei Becken teilt. Der entlegene Gebirgszug ist eines der interessantesten Ziele, die sich die Polarforscher im Arktischen Ozean aussuchen können - und er ist auch der Dreh- und Angelpunkt einer politischen Kontroverse zwischen den Arktisanrainerstaaten Kanada, Dänemark und Russland.

Die Arktisanrainerstaaten versuchen schon seit längerem, ihre Ansprüche auf beträchtliche Gebiete des fünftgrößten Ozeans der Welt zu untermauern. Der Grund ist simpel: die Bodenschätze, die in seinem Untergrund vermutet werden, sind gewaltig. Und mit der globalen Klimaerwärmung wird ihre Ausbeutung tatsächlich denkbar. Bislang lief das Wettrennen quasi unter Ausschluß der Öffentlichkeit, denn die Ansprüche müssen mit geowissenschaftlichen Daten belegt werden. Und so hat Dänemark beispielsweise im März 2006 eine geophysikalische Expedition an die Nahtstelle von Lomonossow-Rücken und kanadisch-grönländischem Festlandssockel geschickt, ohne dass dies größeres Aufsehen erregte. Erst die Installation einer russischen Flagge aus Titan auf dem Meeresboden über dem geographischen Nordpol hat die Aufmerksamkeit der Welt erregt. Der Anspruch Russlands auf einen beträchtlichen Teil des Arktischen Ozeans konnte damit allerdings nicht gestärkt werden.

Von oben nach unten verläuft in der Mitte dieser Karte der Lomonossow-Rücken. Abbildung: NOAA/IBCAO

Der 1800 Kilometer lange und bis zu 3700 Meter hohe Lomonossow-Rücken ist der Schlüssel zu der Auseinandersetzung, weil er durch den gesamten Ozean verläuft. Wird er von der zuständigen UN-Kommission irgendeinem Staat tatsächlich zugesprochen, kann dieser einen Streifen von bis zu 350 Seemeilen, das sind fast 650 Kilometer, beiderseits des Gebirgszuges ausbeuten. Doch dafür muss der Rücken geologisch mit dem Festlandssockel des jeweiligen Staates verbunden sein, so verlangt es die entsprechende UN-Hochseekonvention. Und diese Verbindung kann eben nur mit geowissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden.

Die entsprechenden Bestrebungen der Staaten werden von Polarwissenschaftlern durchaus mit Interesse gesehen, denn der Arktische Ozean ist noch wesentlich unbekannter als der Rest der Tiefsee. Das Eis, das selbst im Sommer noch weite Teile des Meeres bedeckt, macht wissenschaftliche Expeditionen ins Nordpolarmeer zu äußerst aufwendigen und nicht ungefährlichen Unterfangen. Hilfe, die nicht nur aus wissenschaftlichen Motiven gespeist wird, ist da hochwillkommen. "Dadurch fließt Geld in Forschungen, die vor Jahren noch kurz gehalten wurden", meint etwa Wilfried Jokat vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven.

So sind auch die dänischen Expeditionen zum Lomonossow-Rücken von großem wissenschaftlichem Wert. Denn nach wie vor ist unklar, wie der Gebirgszug entstanden ist und wie sich der Meeresboden unter dem Arktischen Ozean verhält. Klar ist dagegen, dass der Lomonossow-Rücken wirkliche kontinentale Kruste ist. Er war also tatsächlich irgendwann einmal ein Gebirge, das mit einem der umliegenden Kontinente verbunden war und dann im Ozean unterging. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn viele der untermeerischen Gebirgszüge, die unsere Ozeane durchziehen, sind wie etwa der mittelatlantische Rücken eine Aufwölbung der ozeanischen Kruste, die eine Bruchzone zwischen tektonischen Platten entlangläuft. Eine solche Aufwölbung ist im Polarozean der Gakkelrücken, der parallel zum Lomonossowrücken verläuft, aber etliche hundert Kilometer näher an den Nordküsten Europas und Asiens liegt.

Die Frage ist jetzt natürlich, gibt es die Verbindung immer noch, die unbezweifelbar in der Vergangenheit bestand? Und wenn es sie gibt, mit welchem Festlandssockel ist der Lomonossow-Rücken verbunden? Daran hängen alle Ansprüche, die Dänemark und Grönland auf der einen und Russland auf der anderen Seite erheben können. Da es kaum geologische Daten über den Meeresboden des Nordpolarmeers gibt, kann man darüber trefflich streiten. Die Wissenschaftler tun es seit der Entdeckung des Rückens vor 40 Jahren, doch dieser Streit hat jetzt politische und wirtschaftliche Aspekte gewonnen. So gibt es neben der russischen und der dänischen Sicht auch die Ansicht, der Rücken habe keine Verbindung mit den Festlandssockeln mehr. Die sei im Zuge der plattentektonischen Bewegungen abgerissen wie ein überdehntes Gummiband. Nach dieser Auffassung wird der Lomonossow-Rücken vom vorrückenden Meeresboden in seiner gesamten Länge vorangeschoben. Unter dieser Vorstellung könnte natürlich keiner der Kontrahenten den Rücken für sich beanspruchen und müsste sich mit dem maximal 370 Kilometer breiten Streifen vor der eigenen Küste begnügen.

Mehr Licht ins Dunkel können da nur groß angelegte geophysikalische und geologische Studien bringen. Die dänische Expedition Lorita-1 unternahm dazu einen ersten Versuch an der Nahtstelle zwischen kanadisch-grönländischem Festlandssockel und dem Lomonossowrücken. Sie sollte geophysikalische Hinweise dafür erbringen, dass der Gebirgszug und der Festlandssockel ähnliche seismische Charakteristika haben und deshalb zusammengehören. Ergänzt werden diese Untersuchungen jetzt durch die aktuelle Expedition , die tief in das Packeis über dem Rücken führt. Ergebnisse sind noch nicht verfügbar, doch der dänische Wissenschaftsminister verbreitet bereits Optimismus, dass die Sache im Sinne seines Landes ausgehe. Russland müsste seine Ansprüche jetzt durch ebenso ausgefeilte Untersuchungen an seinem Ende des Rückens untermauern, doch entsprechende Projekte sind noch nicht bekannt. Ganz gleich, wie der Streit der Regierungen ausgeht, die Wissenschaft gehört zu den Gewinnern. Zumindest so lange, wie Daten und Ergebnisse der Untersuchungen schließlich auch mit der Forschergemeinde geteilt werden.