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Hausgemachter Dunst

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:29

Der braune Dunst über Indien ist eine seit Jahrzehnten bekannte Erscheinung während des Wintermonsuns. Die Wolke bedeckt den gesamten Subkontinent, verändert anscheinend Windsystem und Regenintensität und wird darüber hinaus für Atemwegserkrankungen Kreislaufleiden und Lungenkrebs verantwortlich gemacht. Eine Messkampagne schwedischer und indischer Forscher hat jetzt ergeben, dass der Dunst im wahrsten Sinne hausgemacht ist. Zwei Drittel der Partikel stammen aus Hausbrand und Brandrodung, schreiben die Wissenschaftler in „Science“.

Indischer SonnenuntergangJedes Jahr hüllt sich der indische Subkontinent in braunen Dunst. Wenn der Wintermonsun zwischen Oktober und März nahezu jedes bisschen Feuchtigkeit aus der Atmosphäre bläst, steigen unzählige Staubteilchen auf und bilden eine gigantische Wolke von Pakistan bis zu den Malediven. „Es ist ein riesiger brauner Schleier, eine ,braune Wolke‘, wie wir ihn nennen. Er reicht vier, fünf Kilometer hoch in die Atmosphäre hinauf und entsteht durch Verbrennungsprozesse“, berichtet Örjan Gustafsson, Umweltwissenschaftler an der Universität von Stockholm.

Die Wolke besteht aus großen Mengen Rußteilchen. Für Forscher Gustafsson sind die Rußteilchen die großen Unbekannten in der Klimagleichung. Sie blockieren einerseits einen Teil des Sonnenlichts, was die Atmosphäre kühlt, andererseits absorbieren sie auch Sonnenenergie und heizen die Lufthülle auf. Niemand weiß genau, wie groß der eine oder der andere Effekt ist, und damit ist auch ihr Einfluss auf das Klima ungewiss. Sie beeinflussen die Kondensation von Regentropfen und damit die Wolkenbildung, doch auch deren Ausmaß kann niemand genau beziffern. Daneben wird die Wolke aber auch für Sinhagad Aerosol-SammelstationAtemwegserkrankungen, für Lungenkrebs und Kreislaufleiden verantwortlich gemacht, genaue Zahlen fehlen allerdings. Auf dem Subkontinent ist die braune Wolke jedenfalls deutlich spürbar: Sie gleicht die Temperatursteigerungen durch den wachsenden Treibhauseffekt mehr als aus, sie verändert aber auch Monsunrichtungen und Regenmuster. In der winterlichen Trockenzeit regnet es noch seltener als früher, wenn es aber regnet, dann um so intensiver.

„Die Wolke zu bekämpfen, wäre daher sehr wichtig“, so Gustafsson, „die Effekte für Klima und Luftqualität wären drastisch und stellten sich auch noch sehr schnell ein, denn die Partikel überdauern in der Luft nur eine oder zwei Wochen.“ Dafür aber müsste man wissen, woher der Ruß genau kommt. Und da haperte es bisher. Globale Satellitenmessungen und Berechnungen, die lokale Emissionsmessungen hochrechneten, widersprachen sich. Eine Messkampagne der Universität Stockholm mit Partnern aus Indien und von den Malediven hat jetzt mehr Klarheit gebracht: „Zwei Drittel der Rußpartikel stammen aus der Verbrennung von Biomasse“, berichtet Gustafsson. Also aus der Verbrennung von Holz, Dung oder Stroh entweder beim Brandroden oder in den Haushalten.

Sammelstation auf den MaledivenDie Wissenschaftler hatten auf der Malediveninsel Hanimadu und im 1300 Kilometer entfernten indischen Sinhagad, 120 Kilometer südöstlich von Bombay, Rußpartikel gesammelt und versucht, ihren Ursprung zu bestimmen. Die Teilchen haben natürlich keinen Absenderaufdruck, aber mit Hilfe der Radiokarbonmethode lässt sich sehr gut erkennen, ob sie aus Biomasse oder aus Kohle stammen. Der radioaktive Kohlenstoff hat eine Halbwertszeit von 5700 Jahren, nach diesem Zeitraum ist also die Hälfte der radioaktiven Kohlenstoffatome zerfallen. In der Millionen Jahre alten Kohle ist demnach keine Spur mehr von ihm zu finden, während er sich bei Holz oder Stroh noch gut nachweisen lässt. Und zumindest auf dem Subkontinent produzieren vor allem Hausbrand und Brandrodung den berüchtigten braunen Dunst.

Damit sind die Rußquellen in Indien wesentlich diffuser als etwa in Europa oder vermutlich auch in China. Dort sind große Kraftwerke noch vor dem Verkehr die Hauptquellen - was Gegenmaßnahmen relativ einfach macht. Bei den Millionen und Abermillionen Haushalten in Indien, deren einzige Energiequelle aus Biomasse besteht, dürfte es schwerer fallen. „Ich kenne einen großen Pilotversuch in Südindien, bei dem jetzt in Hunderten von Ortschaften erkundet wird, ob man Sonnenenergie nutzen kann“, berichtet Örjan Gustafsson. Solarenergie für die Heizung und vor allem für das Kochen, ergänzt um Biogasanlagen, wo es sich anbietet, so sieht das Konzept gegen die Braune Wolke über Indien aus. „Die Resultate sind vielversprechend“, so Gustafsson, „das könnte eine spezifisch indische grüne Technologie werden.“ Ungeklärt ist allerdings, woher das Schwellenland das Geld für eine flächendeckende Einführung dieser Technologie nehmen soll.

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