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Herrscherliste bestätigt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2010 15:38

Die Ägyptischen Königslisten sind einzigartig im Altertum. Fast lückenlos reiht sich Herrscher an Herrscher, und das kontinuierlich mehr als 2000 Jahre lang. Doch es war schon immer problematisch, diese Pharaonenreihe mit dem allgemeinen Maßstab unserer Zeitrechnung zu vereinbaren. Mit Radiokarbonmethoden ist das einer internationalen Forschergruppe jetzt gelungen. In "Science" ist das Ergebnis nachzulesen.

Lahun PapyrusDas Ägypten der Pharaonen war eine der frühesten Hochkulturen der Erde und eine der am besten organisierten. Kein Wunder, denn das Land am Nil musste sowohl mit Wasser als auch mit Ackerboden umsichtig wirtschaften, um die notwendigen Ernten einfahren zu können. Zur perfekten Organisation des pharaonischen Reiches gehört auch die bemerkenswert vollständige Herrscherliste, die von den Tagen der ersten Könige bis zur Eroberung des Landes durch die Perser reicht und 31 Dynastien umfasst. Diese Chronologie ist in weiten Teilen vollständig, unklar wird es vor allem in den Zwischenzeiten zwischen den drei großen als Reiche bezeichneten Epochen, als sich die politischen Verhältnisse am Nil überschlugen.

Eines allerdings war bei den ägyptischen Königslisten stets ein Problem: Wie kann diese relative Abfolge eingehängt werden in den absoluten Maßstab unserer Zeitrechnung? "Bislang geschah das mit Hilfe einer kleinen Zahl astronomischer Phänomene, die zur damaligen Zeit beobachtet wurden", berichten Christopher Bronk Ramsey von der Universität Oxford und seine Kollegen in der aktuellen "Science". Insbesondere der Aufgang des Sirius am Morgenhimmel hat hier große Bedeutung, denn daran orientierten die Ägypter ihre Jahreszählung. Da dieser sogenannte Sothis-Zyklus aber nicht konstant ist, schleichen sich schnell Abweichungen ein. Auch die Synchronisierung mit den Zeitrechnungen der anderen Großreiche des Altertums, allesamt Nachbarn und Konkurrenten der Pharaonen, funktionierte bislang mehr schlecht als recht und sorgte immer wieder für heftige Diskussionen.

Radiokarbon-BeschleunigerDie Studie, die Forscher aus Großbritannien, Frankreich, Israel und Österreich jetzt in "Science" präsentieren, verankert die ägyptische Königsliste mit großem Aufwand in der absoluten Chronologie. Insgesamt 211 Proben, die einzelnen Pharaonen zugeordnet werden konnten, wurden während des drei Jahre laufenden Projektes mithilfe der Radiokarbon-Methode genau datiert. "Glücklicherweise brauchten wir nur Proben, die kaum größer als ein Weizenkorn waren", betonte Projektleiter Christopher Bronk Ramsey, Direktor des Forschungslabors für Archäologie an der Universität Oxford. Die Proben erhielten sie von ägyptologischen Museen rund um die Welt, vom Nil selbst jedoch nicht, da die Ausfuhr archäologischer Güter dort verboten ist. Verwendet wurden ausschließlich kurzlebige Pflanzen, wie etwa Papyrus von alten Listen, Weizen oder Bast von Vorratskörben. So wollten die Datierungsexperten vermeiden, dass langlebiges und wegen seiner Knappheit oft wiederverwertetes Material wie Holz die Ergebnisse verfälschte. In den Radiokarbon-Labors der Universitäten Oxford und Wien sowie in der Einrichtung des französischen Commissariat à l'Énergie Atomique in Saclay bei Paris wurden die Proben schließlich datiert.

Stufenpyramide von SaqqaraDa Radiokarbon-Daten immer nur ein Zeitintervall, nicht jedoch ein präzises Datum liefern, verband das Team sie dann mit den überlieferten Informationen über Herrscherfolge und Regierungszeit und erhielt so eine an zahlreichen Stellen mit der absoluten Chronologie verknüpfte Königsliste. Die bestätigte im wesentlichen die derzeit gültige Sicht der Archäologen, und konnte an einigen Stellen Kontroversen zwischen verschiedenen Schulen entscheiden. So trat Djoser, der Pharao aus der dritten Dynastie, der die erste Pyramide in Saqqara erbauen ließ, seine Herrschaft irgendwann im Zeitraum von 2691 bis 2625 vor Christus an. Das deckt sich mit der vorherrschenden Sicht unter Ägyptologen, die seinen Herrschaftsbeginn auf 2667 datieren, schließt aber eine jüngere Konkurrenzsicht aus, die Djosers Herrschaft erst im Jahr 2592 beginnen läßt.

Der Beginn des Neuen Reiches dürfte aufgrund der Radiokarbon-Daten noch etwas früher angesetzt werden, als von der vorherrschenden Ägyptologenrichtung gedacht. Der Regierungsantritt von Ahmose, mit dem das Neue Reich beginnt, wurde bislang ins Jahr 1550 vor Christus datiert. Die naturwissenschaftliche Datierung ergab ein Zeitintervall von 1570 bis 1544, das sich gerade noch mit dieser Angabe deckt, aber doch eher dafür spricht, dass Ahmose ein Jahrzehnt früher die Herrschaft antrat. "Diese Ergebnisse werden sicher zur Klärung der bisher bestehenden Meinungsunterschiede über die zeitliche Fixierung der ägyptischen Chronologie beitragen", erklärt die Chefin des Wiener Radiokarbon-Programms und Koautorin der Science-Studie Eva Maria Wild.

Altägyptische SamenWenig beitragen kann die neue Chronologie dagegen zum Streit um die Bedeutung des Vulkanausbruchs von Thera für die Geschichte des Altertums. Die Explosion, die die Insel Santorin zerriss, soll für die drastische Schwächung der kretischen Minoer verantwortlich sein und auch für die Großreiche des Nahen Ostens drastische Folgen gehabt haben. Diversen Radiokarbondatierungen zufolge hat sich der Ausbruch zwischen 1627 und 1600 vor Christus ereignet, er läge damit vor dem Beginn des Neuen Reiches mitten in den Wirren der zweiten Zwischenzeit. Trotzdem sei es, so die Archäologin Kate Spence von der Universität Cambridge, "ein extrem wichtiges Stück Forschung, das gut zeige, dass historische und naturwissenschaftliche Datierungsmethoden für die Chronologie des Alten Ägyptens nützlich seien".

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