Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Hobbits mit langem Stammbaum

Hobbits mit langem Stammbaum

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.06.2016 14:35

2003 wurden auf der indonesischen Insel Flores menschliche Überreste gefunden. Inzwischen gehen Paläoanthropologen weitgehend übereinstimmend davon aus, dass es sich bei der Entdeckung um eine neue Menschenart handelt, die neben uns heutigen und den Neandertalern dritte, die bis ins Pleistozän überlebte. Wie dieser „Hobbit“ auf die Insel gelangte und wie er im Stammbaum des Menschen genau platziert ist, bleibt allerdings nach wie vor umstritten. In der aktuellen „Nature“ berichten Archäologen jetzt von 700.000 Jahre alten Fossilienfunden von Flores, die belegen, dass der Homo floresiensis, wie der Hobbit wissenschaftlich heißt, eine sehr alte Linie ist.

Stück eines menschlichen Unterkiefers aus der indonesischen Fundstelle Mata Menge. (Bild: Nature/Kinez Riza)

Stück eines 700.000 Jahre alten menschlichen Unterkiefers. (Bild: Nature/Kinez Riza)

„Einer der Nature-Gutachter hat uns geraten, die Funde homo floresiensis direkt zuzuschreiben, aber so weit wollten wir nicht gehen“, erklärte der Archäologe Adam Brumm von der Griffith-Universität in Queensland auf einer Pressekonferenz des Wissenschaftsmagazins. „Die große Ähnlichkeit unserer Funde mit den Überresten des homo floresiensis legen allerdings nahe, dass unsere Entdeckung ein Vorfahr des Hobbit war“, betonte der Paläoanthropologe Gerrit van den Bergh von der australischen Universität Wollongong.

Ausgrabungen im So'a-Becken auf Flores: Fundstelle der winzigen Menschenart. (Bild: Nature/Gerrit v.d. Bergh, Uni Wollongong)Beide Wissenschaftler gehören zum Kern eines großen Ausgrabungsteams, das seit Jahren systematisch auf Flores nach Hinweisen auf die Entwicklung der ausschließlich dort gefundenen Menschenart sucht. Auf der Pressekonferenz verkündeten sie den ersten Fund, der etwas Licht in die Geschichte des Hobbits bringt. „Es ist ein lange erwarteter Fund“, meint der japanische Paläoanthropologe Yousuke Kaifu vom Nationalen Museum für Natur und Wissenschaft in Tokio. Er gehört dem Ausgrabungsteam nicht an, hat allerdings den Fund untersucht und eingeordnet.

Blick in das So'a-Becken auf der Insel Flores. (Bild: Nature/Gerrit v.d. Bergh, Uni Wollongong)Diese Knochen sprechen dafür, dass die erst 2003 entdeckte Menschenart ein Nachfahre des homo erectus ist, jenes Frühmenschen also, aus dem sich auch die anatomisch modernen Menschen und die Neandertaler entwickelten. Die Funde zeigen auch, dass die Menschen auf der 15.000 Quadratkilometer großen Vulkaninsel rasant geschrumpft sein müssen, denn die ältesten Menschenspuren sind gerade einmal eine Million Jahre alt und stammen offenbar von normalgroßen Vertretern des homo erectus ab. Homo floresiensis ist dagegen etwa einen Meter groß, die jetzt gefundenen Knochen gehören zu Menschen, die höchstens seine Größe erreichten.

Ausgrabungsgrube von Mata Menge im So'a-Becken der indonesischen Insel. (Bild:  Nature/Gerrit v.d. Bergh, Uni Wollongong)Das Stück eines winzigen Unterkiefers sowie sechs ebenfalls sehr kleine Zähne, mehr haben die Ausgräber in Mata Menge im So‘a-Becken von Zentralflores bislang nicht entdeckt. „Der Unterkiefer von Mata Menge ist noch kleiner als die, die wir von homo floresiensis kennen, so dass ich erst dachte, wir haben es mit einem Kind zu tun“, teilte Kaifu mit. Detaillierte Computer-Tomogramme zeigten dann jedoch, dass der Kiefer und einige der Zähne von Erwachsenen stammt. Insgesamt sind die Überreste von mindestens drei Individuen. Die Funde stammen aus einer rund 30 Zentimeter dicken Sandsteinschicht rund zwei Meter unterhalb der heutigen Oberfläche und wurden mit vier von einander unabhängigen Datierungsmethoden auf ein Alter von rund 700.000 Jahre datiert. Damit sind die winzigen Fossilien rund 600.000 Jahre älter als die ältesten Hobbit-Funde in der Höhle von Liang Bua, die rund 160 Kilometer entfernt im Westen der Insel liegt, und nur 300.000 Jahre jünger als die ältesten bislang auf der Insel gefundenen Menschenspuren.

Großer Backenzahn eines homo floresiensis. (Bild: Nature/Kinez Riza)Einer der gefundenen Zähne ist ein großer Backenzahn. Diese Zähne sind besonders charakteristisch geformt und haben mehrere Wurzeln. Ihn verwendete Yousuke Kaifu für einen morphologischen Vergleich mit den großen Backenzähnen anderer Menschen- und sogar Vormenschenarten. „Er fand, dass die Form des Zahnes große Ähnlichkeit mit homo erectus hat, dass es dagegen einen kleinen Unterschied zum homo floresiensis gibt“, berichtete van den Bergh. Gleichzeitig ist der Zahn von Mata Menge so klein, dass er nur zu einem Lebewesen gehören kann, das etwa halb so groß wie homo erectus war. „Wir waren wirklich überrascht, denn das heißt ja, dass es nur 300.000 Jahre brauchte, um von der Größe eines homo erectus auf die Größe eines Hobbits zu kommen“, betonte Gerrit van der Bergh.

Homo floresiensis-Rekonstruktion. (Bild: Nature/Kinez Riza/Atelier Daynes)Die Schrumpfung der Inselmenschen von Flores wäre damit ein besonders rasanter Fall von sogenannter Inselverzwergung. Von etlichen Großsäugern sind Miniaturausgaben auf verschiedenen Inseln bekannt, die - so die Vermutung der Biologen - so klein ausfielen, weil das Nahrungsangebot zu knapp war. Auf Flores hat es beispielsweise eine Entwicklungslinie von Elefanten gegeben, die innerhalb von rund 600.000 Jahren von 1700 Kilo Lebendgewicht auf 500 Kilo „abspeckten“. Doch selbst diese Verzwergung hätte rund doppelt so lange gedauert wie die Schrumpfung des homo erectus zu den Menschen von Mata Menge.

Derzeit gibt es nur Zähne und Kieferknochen dieser Menschen, daher können die Forscher nur spekulieren, wie die 700.000 Jahre alten Wesen tatsächlich aussahen. Doch Adam Brumm und seine Kollegen vermuten, dass auch sie schon das auf die Hälfte reduzierte Gehirnvolumen hatten, das man beim Hobbit von Liang-Bua findet. Das würde erklären, warum die Steinwerkzeuge auf Flores alle Anzeichen eines kuriosen technologischen Rückschritts zeigen. Die ältesten, rund eine Million Jahre alten Werkzeuge sind noch sorgfältig behauene Picks, Steininstrumente mit einer von beiden Seiten geschärften Spitze. „Es sind große und robuste Instrumente, die Arbeitsplanung und Vorstellungsvermögen erforderten“, erklärt Adam Brumm. In Mata Menge und erst recht in Liang-Bua gibt es diese Form der Steinwerkzeuge nicht mehr. Statt dessen begnügten sich die Menschen dort offenbar damit, aufgelesene Steine so lange zu behauen, bis so etwas wie eine scharfe Kante entstanden war. „Man kann jetzt spekulieren“, so Brumm, „dass es die Verringerung an Körpergröße und möglicherweise auch Gehirnvolumen war, die zu diesem Rückschritt führte.“

Wie nun genau die Menschen von Mata Menge aussahen, ob sie vor allem die charakteristischen anatomischen Kennzeichen der Hobbits von Liang-Bua aufwiesen, können nur weitere Funde zeigen. In Mata Menge haben die Forscher die Schicht, in der sie menschliche Fossilien gefunden haben, gerade einmal angekratzt und auch an anderen Stellen der Insel laufen systematische Erkundungen. „Wir suchen dringend nach den ältesten Fundstellen für Menschenspuren“, so Adam Brumm, „weil wir wissen wollen, wie die allerersten Menschen aussahen, die nach Flores kamen.“