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Ignorierter Mitspieler

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.02.2010 09:12

Die Klimaforschung ist reich an Rätseln. So beschleunigt sich der Ausstoß an Treibhausgasen weiterhin - doch die als Menetekel immer an die Wand gemalte Folge, die Klimaerwärmung, bleibt seit Beginn des Jahrzehnts aus. Seit dem Jahr 2000 öffnet sich eine Schere zwischen beiden Kurven, und die Wissenschaftler wussten bislang keinen Reim darauf. Eine Arbeitsgruppe um die renommierte Atmosphärenchemikerin Susan Solomon von der US-Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA in Boulder, Colorado macht jetzt in "Science" auf einen bislang weitgehend ignorierten Faktor im Klimaspiel aufmerksam, der das Paradoxon erklären könnte. Gleichzeitig zeigt der Aufsatz, dass in der Klimaforschung vieles lange nicht so gut verstanden ist, wie es oft erscheint.

ErdeDie Forscher um Susan Salomon haben einen Mechanismus im Klimasystem näher erkundet, der von den derzeitigen Modellen nur unzureichend erfasst wird, gleichwohl aber bedeutenden Einfluß auf die Temperaturentwicklung zu haben scheint. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Rate des Wasserdampfes in der Stratosphäre um zehn Prozent verringert, erklären sie. "Das bewirkte, dass sich der Zuwachs der globalen Mitteltemperatur um rund 25 Prozent abschwächte", schreiben Solomon und Kollegen in dem Papier.

Die Stratosphäre ist das zweite Atmosphärenstockwerk, das über den Polen in acht und in Äquatornähe in 18 Kilometern Höhe beginnt und bis in rund 50 Kilometer Höhe reicht. Es wird zwar vom unteren Stockwerk, in dem sich unser Wetter abspielt, durch eine scharfe Grenze getrennt, dennoch beeinflusst es das Geschehen in Oberflächennähe stark. Von 1991 bis 2005 hat ein US-Erdbeobachtungssatellit den Wasserdampfgehalt der Stratosphäre erstmals nahezu flächendeckend vermessen. Aus dem Datenwust schälte sich für die Arbeitsgruppe heraus, dass der Wasserdampfgehalt in der Stratosphäre seit dem Jahr 2000 um zehn Prozent gesunken ist. Diese Beobachtung rechneten sie dann in Temperaturänderung um.

WolkenDie daraus resultierende Temperaturbremse könnte einen Befund zumindest zum Teil begründen, der die Klimaforscher bislang in Erklärungsnot brachte. Seit den späten 90er Jahren steigt die globale Mitteltemperatur kaum noch, obwohl der Mensch seinen Treibhausgasausstoß beschleunigt. Mechanismen, die wie dieser nur schlecht von den globalen Klimamodellen erfasst werden, könnten das erklären. Susan Solomon und ihre Kollegen gingen dann noch einen Schritt weiter und blickten in die letzten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts.

Dafür mussten sie allerdings auf Computermodelle zurückgreifen, denn statt einer flächendeckenden Datenbasis gibt es für diese Zeit nur punktuelle Messwerte. Diese deuten für diese Zeit einen Anstieg des stratosphärischen Wasserdampfes an, was sich in eine Verstärkung des Temperaturanstiegs umrechnen ließe. Die Modelle ergaben eine Verstärkung von 30 Prozent, wenn man die maximale Steigerungsrate beim stratosphärischen Wasserdampfgehalt einsetzte.

Worauf die flatterhafte Wasserdampfrate zurückzuführen ist, bleibt derweil rätselhaft. Möglicherweise ist es eine der zahlreichen Feedback-Schleifen im Klimasystem, die Simulationen und Prognosen so schwierig machen. Möglicherweise ist es aber auch eine der ebenso vielfältigen natürlichen Schwankungen. In jedem Fall ist es ein weiteres Beispiel dafür, dass die Ergebnisse von Klimamodelle nur mit Vorsicht zu geniessen sind.

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