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Indizien für mythische Flut in China gefunden

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.08.2016 14:42

Die Anfänge der Zivilisation verlieren sich in den meisten Kulturkreisen in Mythen und Sagen. Ein wesentlicher Antrieb für Archäologie und wissenschaftliche Geschichtsschreibung war daher von Anfang an, solche Ursprungsmythen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. In China haben jetzt Geologen und Archäologen Spuren einer großen Flut am Oberlauf des Gelben Flusses Hoang-Ho gefunden, die möglicherweise die mythische Flut gewesen sein könnte, die der sechste Urkaiser Yu bändigte und so den Grundstein für den chinesischen Staat legte. In „Science“ berichten die Wissenschaftler über ihre Funde.

Yu der Große, der sechste der mythischen Urkaiser Chinas. (Bild: Taipei Palastmuseum)Am Anfang des chinesischen Staates stand eine Flutkatastrophe, so berichtet es das Buch der Urkunden, ein 2000 Jahre alter Klassiker aus der Han-Dynastie. Zehn Jahre hatte der Gelbe Fluss Hoang-Ho Überschwemmung auf Überschwemmung produziert, sämtliche Dämme, natürliche ebenso wie von Menschen errichtete, weggeschwemmt, die Landwirtschaft der Menschen ruiniert und so Unruhen und Instabilität über das Reich gebracht. Dann hatte Kaiser Shun genug und beauftragte seinen Ersten Minister Yu, die Fluten einzuhegen. Weitere zehn Jahre dauerte es, bis das Ziel erreicht war - Yu bändigte mit einer Kombination aus Dämmen und Kanälen die Wasser des Hoang-Ho und legte die Grundlagen für erfolgreichen Ackerbau in der zentralchinesischen Ebene. Er selbst profitierte ebenfalls, denn aufgrund dieser Verdienste wurde er zum Kaiser ernannt. Als letzter der sechs mythischen Urkaiser legte Yu die Grundlage für den chinesischen Staat: zentral gesteuerte Verwaltung und dynastische Erbfolge. Yu übergab sein Amt an seinen Sohn und gründete damit die erste chinesische Kaiserdynastie der Xia. Seither regierte eine schier endlose Reihe von Kaisern das Reich der Mitte, bis die Monarchie 1912 endgültig stürzte.

Die Jishi-Schlucht mit dem Gelbe Fluss und grauen Seesedimenten, die von dem vor 3920 Jahren aufgestauten See stammen. (Bild: Science/Qinglong Wu)Wie viele Gründungsmythen der menschlichen Zivilisationen ist auch der Sintflut-Mythos um Kaiser Yu eine lange Zeit mündlich tradierte und erst Jahrhunderte später schriftlich fixierte Erzählung, für die es keine festen archäologischen Belege gibt. Selbst für die Existenz der Xia-Dynastie gibt es keine Belege, erst Jahrhunderte nach ihrem Ende taucht sie in Texten als Beginn der chinesischen Dynastienfolge auf. Eine Arbeitsgruppe aus chinesischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern hat jetzt allerdings Spuren einer Flut am Oberlauf des Hoang-Ho gefunden, die hervorragend zu Yu und der Sintflut passen könnte. „Die Geschichte ist zentral für die chinesische Identität, daher glaube ich, dass viele erfreut sein werden, wenn wir dieser Gründungssage so etwas wie wissenschaftliche Evidenz beigeben“, sagt David Cohen von der Nationalen Universität von Taiwan, einer der Autoren des „Science“-Berichts.

14 Skelette von Menschen, die in Laija bei einem Erdbeben vor 3920 Jahren ums Leben kamen. (Bild:  Science/Cai Linhai)Die Gruppe hat mitten in der Jishi-Schlucht in der westchinesischen Provinz Qinghai Überreste eines gigantischen Erdrutsches gefunden, der um das Jahr 1922 vor Christus herum den Hoang-Ho komplett blockierte und einen See von geschätzt 17 Kubikkilometern – rund eineinhalb Mal so viel Volumen wie der Vierwaldstättersee – aufstaute. Der natürliche Damm war zwischen 600 und 800 Meter lang, mehr als einen Kilometer breit und überragte den ursprünglichen Wasserspiegel des Flusses um 240 Meter. Sedimente des Sees fanden die Forscher um Qinglong Wu von der Nanjing Normal University bis zu 20 Kilometer stromaufwärts von der Erdrutschstelle, Spuren des Sturzflut bis zu 30 Kilometer stromabwärts. Holzkohlereste und vor allem drei Kinderskelette aus der steinzeitlichen Fundstelle Laija rund 25 Kilometer stromabwärts machten die Radiokarbondatierung möglich. Die Kinder waren bei dem Erdbeben ums Leben gekommen, das auch den Erdrutsch in der Jishi-Schlucht ausgelöst hatte. 

Nach noch nicht einmal einem Jahr hatte sich das Wasser so hoch aufgestaut, dass es erst über den Damm schwappte und ihn schließlich einriss. Das Ergebnis war eine katastrophale Flut, die sich vermutlich viele Hundert Kilometer weit den Gelben Fluss hinab und über die angrenzende Ebene wälzte. Die Wissenschaftler berechneten, dass sich in jeder Sekunde 300.000 bis 500.000 Kubikmeter Wasser durch die Bresche ergossen. „Das ist etwa so viel, wie die stärkste Flut auf dem Amazonas betragen würde“, erläutert der Geologe Darryl Granger von der Purdue University in den USA, „500 Mal mehr als wir am Gelben Fluss nach einem massiven Starkregen erwarten würden.“ Granger stuft die mythische Große Flut daher als eine der stärksten in den vergangenen 10.000 Jahren ein.

Das Guanting-Becken in der Nähe der Fundstätte Laija in der chinesischen Provinz Qinghai. (Bild: Science/Qinglong Wu)Ob der mythische Yu tatsächlich gelebt hat und bei dieser Flut sein Organisationstalent beweisen konnte, können die Forscher allerdings nicht sagen. Yu und die von ihm begründete Xia-Dynastie sind weiterhin historisch unbelegte Geschichten einer erst 1500 Jahre nach Lebzeiten des mythischen Kaisers schriftlich fixierten Überlieferung. Doch die Funde von Wus Arbeitsgruppe geben der Überlieferung zumindest einen Ankerpunkt. „Archäologie ist in China auf die Historiographie ausgerichtet“, erklärt Arbeitsgruppenmitglied David Cohen. Ähnlich wie die biblische Archäologie Evidenz für die Geschichtlichkeit der Bibel finden wollte, suchen chinesische Wissenschaftler nach Belegen für die jahrtausendealte historiographische Überlieferung ihrer Zivilisation. Doch bei Yu stößt die Methode an ihre Grenzen. „Wir haben keine Texte aus der Zeit selbst, daher ist es schwierig festzustellen, wie sich archäologische Funde zu den überlieferten Texten einer viel späteren Periode verhalten“, sagt etwa Sarah Allen, Professor für Sinologie am Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire.

Für Allan sind Yu und die von ihm gegründete Xia-Dynastie vor allem Teil eines chinesischen Gründungsmythos aus der Zhou-Dynastie. Diese dritte der überlieferten chinesischen Kaiserdynastien begann ihre Herrschaft rund 800 Jahre nach Yu, aus ihrer Zeit stammen auch die ersten historiographischen Zeugnisse. Allerdings passt die Flut in der Jishi-Schlucht zeitlich sehr gut zu einer in der materiellen Überlieferung überdeutlich sichtbaren Epoche der chinesischen Geschichte, dem Wechsel von der Stein- zur Bronzezeit. Obwohl die Forscher auch nicht sagen können, wie eine durch eine katastrophale Flut schwer getroffene Gesellschaft einen solchen Technologiewechsel meistern kann, fällt der zeitliche Zusammenhang beider Ereignisse ins Auge. „Die Geschichte von Yu, der die Fluten bändigt, ist die Geschichte einer neuen politischen Ordnung, die aus dem Chaos erwächst“, sagt David Cohen. Möglicherweise boten die Verheerungen der Flut den Auslöser einer organisatorischen Weiterentwicklung im frühen China, die neben der Bronzetechnologie auch umwallte Siedlungszentren bis dahin ungeahnter Größe und entsprechende staatliche Strukturen hervorbrachte. Und möglicherweise gehörte auch die Einführung der dynastischen Erbfolge zu diesen Auswirkungen der Großen Flut.