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"Kein schönes Bild"

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.02.2013 10:42

Das Zweistromland von Euphrat und Tigris zählt zu den Wiegen der menschlichen Zivilisation. Seit mehr als 5000 Jahren siedeln Menschen dort und kultivieren das Land mit ausgefeilten Bewässerungssystemen. Probleme mit zu großer Trockenheit und voranschreitenden Wüsten gab es immer wieder und mehr als ein großes Reich ging daran zugrunde. Jetzt steuert der Norden Mesopotamiens offenbar erneut auf eine solche Krise zu. Die Schwerefeldsatelliten der europäisch-amerikanischen Grace-Mission haben einen beunruhigenden Schwund der Wasserreserven protokolliert.

Wasserbestandsaufnahme Irak 2008. Ableitung des Wasserschwundes aus den Grace-Messungen im Juli 2008. (Bild: Nasa/JPL)"Wir haben eine Periode von sieben Jahren analysiert, in der die Region über 144 Kubikkilometer Wasser verlor", erklärt Jay Famiglietti, Geowissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Irvine bei Los Angeles, "das ergibt kein schönes Bild." Das Volumen entspricht etwa dem des ebenfalls dramatisch schwindenden Toten Meeres und geht zu 60 Prozent auf das Konto von Tiefenbrunnen, die die Aquifere im Untergrund anzapfen.

Das Schwerefeldsatelliten-Duo Grace. (Bild: Nasa/JPL)Das Satelliten-Duo Grace umkreist seit 2002 in 500 Kilometern Höhe die Erde und misst mit großer Präzision das Schwerefeld des Planeten, das nicht homogen ist. Wissenschaftler des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam haben aus den Datenreihen der Grace-Mission und des von 2000 bis 2010 fliegenden deutschen Champ-Satelliten die so genannte Potsdamer Schwerefeld-Kartoffel errechnet, die die Gravitationsfluktuationen veranschaulicht. Im Mittleren Osten fanden die Forscher um Famiglietti im Vergleich der Grace-Jahrgänge Hinweise auf den dramatischen Wasserschwund. "Vieles davon ereignete sich im Gefolge der Dürre von 2006, das Wasser wurde vermutlich für die Bewässerungssysteme gebraucht", so Famiglietti.

Tiefenbrunnen im Irak: Tiefenbrunnen sind oft die einzige Wasserquelle. (Bild: USAID)Für die Zukunft der Region verheißt das nichts Gutes: "Der derzeitige Stand von Wissenschaft und Forschung zeigt, dass die ariden und semiariden Regionen der Erde immer trockener werden", so Famiglietti, "im Mittleren Osten werden die Dürren daher länger werden, so dass sich die Grundwasservorkommen nicht regenerieren können, nicht zu unseren Lebzeiten und wohl auch nicht während der kommenden Generationen." Die Aussichten auf Wasserkriege in der ohnehin schon unruhigen Region dürften sich durch die Prognosen der Geowissenschaftler noch mehr verdüstern. Kooperation zwischen den Anrainerstaaten Türkei, Irak, Syrien und Iran könnte die Wassernot eventuell mildern, weil dann das Flusswasser in Dürrezeiten geregelt abgegeben werden und so den Druck auf die Grundwasservorkommen lindern könnte.

 

Der Atatürk-Staudamm ist der größte, mit dem die Türkei den Oberlauf des Euphrats nutzt. (Bild: USDA)Tatsächlich plant die Türkei eine ganze Anzahl großer Staudämme an den Oberläufen von Euphrat und Tigris - allerdings ist bislang nicht die Rede davon, dass sie das Wasser mit den Anrainern am Unterlauf teilen will. Vergleichbare Querelen deuten sich am Jordan an, wo Israel seinen arabischen Nachbarn gegenübersteht. Die US-Wissenschaftler hoffen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse einen Lernprozess der Politiker in Gang setzen. Kate Voss, Politikwissenschaftlerin von der Georgetown Universität in Washington, wünscht sich genau das: "Man sollte erst einmal ermitteln, wie viel Grundwasser zur Verfügung steht, denn das weiß man gar nicht genau. Diese Daten könnten die Türkei, Syrien und der Irak dann in einem zweiten Schritt miteinander teilen und einen nachhaltigen Wasser-Bewirtschaftungsplan für die Region aufsetzen."

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