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Keine Almwirtschaft zu Ötzis Zeiten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.07.2015 10:52

Der Fund der Gletschermumie "Ötzi" in den Ötztaler Alpen beflügelt die Forschung zur Jungsteinzeit im Alpenraum seit einem Vierteljahrhundert. Der rund 5200 Jahre alte Mann aus dem Südtiroler Vinschgau ist Anknüpfungspunkt für zahlreiche Untersuchungen zur Entwicklung der Menschen im Alpenraum. So haben Wissenschaftler der Universität Innsbruck mit aufwendigen Geländekampagnen untersucht, ob "Ötzi" möglicherweise auf dem Weg zu jungsteinzeitlichen Almen ums Leben kam.

Die Gletschermumie auf dem OP-Tisch. (Bild: Südtiroler Archäologiemuseum)Das Ende kam sehr schnell: Knapp unterhalb des Tisenjochs in den Ötztaler Alpen kam vor 5200 Jahren ein Pfeil aus dem Hinterhalt geflogen, der für Ötzi so unglücklich in den Rücken traf, dass er innerhalb weniger Minuten verblutete. Der Angreifer ließ den Sterbenden offenbar unangetastet liegen, Schnee und Eis des Similaungletschers bedeckten die Leiche und gaben sie erst in der Moderne wieder frei. Am 19. September 1991 entdeckten Tourengeher die Mumie, die seither zum bestuntersuchten Menschen der Jungsteinzeit avancierte. Doch während die Umstände seines Todes inzwischen weitgehend geklärt sind, spekulieren Wissenschaftler und Laien nach wie vor über Ötzis Beweggründe. "Man fragt sich auch heute noch, was motiviert so jemanden, sich in die Berge hinaufzuplagen", meint Klaus Oeggl, Professor für Archäobotanik an der Universität Innsbruck, der sich seit 25 Jahren mit dem Eismann beschäftigt.

Der Platz, an dem Ötzi starb, war in der ausgehenden Jungsteinzeit ähnlich karg wie heute: Auf 3200 Meter Höhe gelegen, knapp unterhalb des Tisenjochs, dem Übergang vom Schnalstal südlich des Alpenhauptkamms ins nördliche Ötztal, kommen eigentlich nur Bergwanderer oder Durchreisende hierhin. Oeggl hat daher nach Gründen gesucht, die einen Menschen der Jungsteinzeit ins Hochalpine hätten führen können. Einer der wichtigsten für moderne Menschen - der Bergurlaub - dürfte mit höchster Wahrscheinlichkeit damals ausgeschieden sein. Allerdings wurde seit Mitte der 90er Jahre die Ansicht vertreten, der Gletschermann könne sich auf dem Weg zu hochgelegenen Almen befunden haben, als er starb.

Warum ging Ötzi ins Gebirge?


Der Fundort von Ötzi am Tisenjoch. (Bild: Wikipedia)Das Tisenjoch ist nicht nur eine Verbindung zwischen Süd- und Nordtirol, sondern liegt auch auf sogenannten Transhumanz-Route, auf der Wanderhirten ihre Herden ins Gebirge treiben. "Direkt vor der Türe gelegen war diese Transhumanz-Route aus dem Schnalstal, wo man heute noch 3000 Schafe über das Gletscherjoch treibt", so Oeggl. Die Frage war nur, ob auch schon Ötzi und seine Zeitgenossen diese Route auch nutzten.

Eine vertrackte Frage, "weil, so Oeggl, "diese Almwirtschaft immer wenig materielle Reste zurücklässt, vor allem wenn sie nomadisch betrieben wird". Der gebürtige Tiroler und seine Kollegen von der Universität Innsbruck haben daher die traditionellen Auf- und Abtriebsrouten in den Ötztaler Alpen nach Spuren aus der Jungsteinzeit und den darauffolgenden Kulturstufen abgesucht. "Da zeigt sich, dass die frühesten Anzeichen, die wir finden können, aus der Bronzezeit sind", sagt der Forscher. Die Almwirtschaft wäre damit erst 1500 bis 2000 Jahre nach dem Gletschermann in den Ötztaler Alpen etabliert worden.
Oeggl und seine Kollegen gingen dabei zweigleisig vor. Die Archäologen suchten eingehend nach Überresten menschlicher Nutzung, während der Paläobotaniker in Mooren nach Pollen aus der fraglichen Zeit fahndete, um dann eine Beeinflussung durch menschliche Weidewirtschaft zu prüfen. Das war nicht ganz einfach, da Oeggl Arten finden musste, die lokale Veränderungen anzeigen. Die "üblichen Verdächtigen", die menschlichen Einfluss dokumentieren, durfte er nicht nehmen, denn sie sind so verschwenderisch mit ihren Pollen, dass sie sich über weite Gebiete verbreiten. Stattdessen setzte Klaus Oeggl auf typische Hochalpin-Pflanzen: die Glockenblume und den Enzian. "Das augenfälligste dabei ist das, dass sich die Glockenblume zum Beispiel sich als Ruderalart verhält, genauso der Enzian zum Beispiel", so Oeggl. Ruderalarten sind solche Organismen, die sich bei einer Störung des Ökosystems besonders gut behaupten. "Die konnten wir mit der Pollenanalyse aufspüren und einen Index daraus errechnen, der einen Hinweis auf Beweidung gibt."

Kuh auf der Täschalpe im Schweizer Kanton Wallis. (Bild: Wikimedia/Michael Schmid)Für "Ötzis" Zeit, das Neopaläolithikum, war der Index jedoch negativ. Nur im vergleichsweise niedrig gelegenen Vinschgau westlich von Meran gab es deutliche Zeichen sowohl von Ackerbau als auch von Viehzucht, denn dort wurde bereits vor Jahren eine jungsteinzeitliche Siedlung entdeckt. Deren Bewohner blieben jedoch mit ihren Tieren offenbar im Tal, und das ist aus Oeggls Sicht auch sehr plausibel. "Im Neolithikum macht eine solche Transhumanz vom Energetischen her keinen Sinn: Zwei Bergketten praktisch zu überschreiten, dazu besteht keine Notwendigkeit, weil es völlig genügt in demselben Tal den Berg hinaufzugehen, weil nicht so eine starke Besiedelung vorhanden ist und wir auch nicht mit so großen Herden rechnen dürfen."

Erst mittlere Bronzezeit veränderte Alpenraum massiv


Mit dem Beginn der Bronzezeit ändert sich das Bild massiv. "Die Einführung der Metallurgie in diesem Raum führt zu gewaltigen Veränderungen, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann", erzählt Oeggl. Es ist der Beginn einer ausgefeilten Arbeitsteilung, denn neben den Bauern tauchen auf einmal Menschen auf, die Erze aus dem Boden holen, sie schmelzen und daraus Werkzeuge machen. Die sind zwar begehrt, aber nicht essbar, weshalb es zu intensiver Tauschwirtschaft in ein und demselben Tal gekommen sein muss. Zu Ötzis Zeiten muss das bereits begonnen haben, "der Eismann", so Oeggl, "war ja der erste, der Kupfer vorzeigen konnte". Kulturprägend war das zu dieser Zeit aber noch nicht, erst viele Jahrhunderte später veränderte sich das Leben der Menschen einschneidend.. Zur Mittelbronzezeit war der Wandel gerade in den Ötztaler Alpen massiv, denn zwischen Graubünden und der Obersteiermark lagen rund 80 Prozent der alpinen Kupfervorkommen. "Da wird dieser mittlere Alpenraum zum Ruhrpott", betont Klaus Oeggl.

Schaftrieb ins Schnalstal über das Hochjoch. (Bild: Wikimedia/Whgler)In dieser Zeit wird der Energieaufwand sinnvoll, die Tiere im Frühjahr in die Berge zu treiben und den verfügbaren Talboden für den Ackerbau zu nutzen. "Wir wissen, dass der Landkonsum in früherer Zeit bei weitem größer war einen Kopf satt zu kriegen als heute", sagt der Paläobotaniker. Die Weidewirtschaft wurde nicht aufgegeben, denn neben Milch und Fleisch wurden jetzt auch Leder, Knochen und Fett der Tiere für den Bergbau gebraucht. "In einem Gebiet wie dem Alpenraum werde ich den Talboden nicht mehr für Viehzucht verwenden", so Oeggl, "sondern ich versuche sozusagen hier diese Flächen optimal für die Landwirtschaft zu nutzen, und dann das Vieh praktisch in die Grasmatten ins Hochgebirge zu transferieren."

Gerade die Ötztaler Alpen erwiesen sich als besonders geeignet, denn die Hochweiden waren auf dem kristallinen Gestein wesentlich nahrhafter als in den Kalkalpen der benachbarten Dolomiten. "Dieses kristalline Gebiet wird ja auch heute noch in der Almwirtschaft bevorzugt, weil Sie aufgrund der besseren Weiden einen ungefähr um 30 Prozent höheren Ertrag haben." Diese Vorteile haben anscheinend sogar klimatische Ungunst aufgewogen, denn gerade in der mittleren Bronzezeit waren die Bedingungen alles andere als günstig für die Almwirtschaft. "Aber sie gingen trotzdem hinauf", so Oeggl.

Die Gletschermumie vom Tisenjoch. (Bild: EURAC/Marco Samadelli)Die Gletschermumie jedoch lebte noch vor dieser Entwicklung. Die vor allem Ende der 90er Jahre vertretene These, Ötzi sei auf dem Weg zu irgendwelchen Almen gewesen, ist nach jüngsten Ergebnissen nicht haltbar. Die alte Frage, was der Eismann in 3200 Meter Höhe eigentlich wollte, bleibt weiterhin offen, die Palette der Antworten ist allerdings merklich verengt worden. "Wir haben an der Fundstelle des Eismannes Holzfunde, die bei weitem älter sind als der Eismann bzw. auch jünger", erklärt Klaus Oeggl, "das heißt, diese Stelle dort droben wurde des Öfteren aufgesucht in dem Zusammenhang, und wir müssen davon auch ausgeben, dass hier sozusagen ein Wechsel über diesen Alpen Hauptkamm sehr wohl erfolgt ist."

 

Filme zum Thema bei planeterde TV:

Das Leben des Ötzi

Wie starb Ötzi?

Verweise
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