Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Klimawandel vor der Haustür

Klimawandel vor der Haustür

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:39

2007 ist das Jahr des internationalen Klimawarnrufs. Insgesamt vier Mal in diesem Jahr will der Klimafolgenrat der Vereinten Nationen Berichte zum derzeitigen Stand des Klimawandels vorlegen. Jetzt wurde der zweite Teilbericht veröffentlicht, der sich mit den Folgen für Mensch und Welt beschäftigt. Diese werden reiche Länder genauso treffen wie arme, und sie machen sich bereits jetzt bemerkbar.

Verglichen mit dem Vorgängerbericht aus dem Jahr 2001 wählen die Klimaforscher diesmal vergleichsweise drastische Worte. Sie stützen ihre Diagnose Diagnose der bisherigen Entwicklung auf eine wesentlich breitere Datenbasis und trauen überdies ihren Computersimulationen stärker. Dennoch konnten die Klimawandel-Skeptiker, allen voran die USA und China, offenbar einige Passagen der jetzt veröffentlichten Zusammenfassung entschärfen. Viel Erfolg dürften sie damit nicht haben, denn parallel zum IPCC-Bericht werden immer mehr wissenschaftliche Arbeiten über den Klimawandel auf regionaler Ebene veröffentlicht, die also die Facetten liefern, die sich hinter den allgemeinen Aussagen des IPCC-Berichts verbergen.

Mitte der 30er Jahre tobten regelmäßige Staubstürme durch den Mittleren Westen der USA. Foto: NOAA

Unter den Industriestaaten werden insbesondere die Vereinigten Staaten mit dem Klimawandel rechnen müssen. Die US-Küste im Golf von Mexiko und im angrenzenden Atlantik wird mit einer erhöhten Zahl von Hurrikanen rechnen müssen, von denen auch immer mehr die Stärke der zerstörerischen Katrina erreichen oder sogar übertreffen werden. Gleichzeitig werden die Bundesstaaten im Südwesten immer heißer und trockener. In der aktuellen Ausgabe von "Science" warnen Klimaforscher davor, dass sich in Bundesstaaten wie Texas, New Mexico, Colorado, Arizona und Nevada, sowie im südlichen Kalifornien Bedingungen dauerhaft etablieren, wie sie im mittleren Westen während der berüchtigten "Staubschüssel" in den 30er Jahren herrschten. Trockenheit und Wüstenbildung, eine weitere Verknappung ohnehin schon schrumpfender Wasserreserven: das Bild für den amerikanischen Südwesten und den Norden Mexikos ist düster. Getroffen werden dabei genau die Staaten, die derzeit ohnehin ein starkes Bevölkerungswachstum verzeichnen und deren wachsende Städte ihren Wasserbedarf schon jetzt nur noch mit Hilfe weit entfernter Reservoire decken können.

Auch Europa wird vom Klimawandel nicht verschont bleiben, wobei es Gewinner im Norden und Verlierer im Süden geben wird. Heißeres und trockeneres Wetter wird im Mittelmeerraum die Wüsten und Halbwüsten nach Norden vorrücken lassen. In den Alpen werden die Gletscher verschwinden. Dagegen sagen die Klimaforscher für Nordeuropa sogar positive Effekte voraus. Mehr Niederschlag und wärmere Temperaturen sollen hier die Ernteerträge steigen lassen und das Leben angenehmer machen. Mitteleuropa liegt zwischen diesen beiden Polen und so werden sich die Folgen lokal und regional sehr unterschiedlich bemerkbar machen. In Deutschland sei, so Experten des Deutschen Netzwerks für ökologische Langzeitforschung kürzlich, die Ertragssicherheit bei vielen Kulturpflanzen nicht mehr gegeben, Waldränder und Fichtenforste durch eine Zunahme an Stürmen besonders gefährdet. Auch viele Moore und kleine Gewässer seien im Nordosten Deutschlands durch die sich anbahnende Spreizung des Wetters in kurze und heftige Regen- und längere Trockenperioden akut gefährdet.

Bovisten kommen in England inzwischen zweimal im Jahr. Foto: Alan Gange

Positives kommt dagegen aus England: Ökologen der Royal Holloway, University of London, haben die bis in die 50er Jahre zurückreichenden Aufzeichnungen eines Pilzsammlers aus Salisbury ausgewertet und dabei festgestellt, dass sich die Länge der Pilzsaison seit 1950 verdoppelt hat. "Heutzutage beginnt die Saison viel früher als damals", berichtet Alan Gange, Sohn des gewissenhaften Pilzsammlers und Arbeitsgruppenleiter am Royal Holloway, "und sie dauert bei einigen Pilzen bis in den Dezember." Manche der begehrten Sorten kommen sogar schon zweimal im Jahr und ziehen sich nur in den trockenen Sommermonaten in den Waldboden zurück. Gange: "Arten, die normalerweise im Oktober erscheinen, finden wir jetzt auch im April und Mai."

Was jeden Pilzsammler freut, kann aber zwiespältige Auswirkungen haben. Alan Gange: "Pilze leben davon, dass sie andere Pflanzen zersetzen. Wenn sie zweimal im Jahr Früchte tragen, zersetzen sie die Biomasse auch doppelt so schnell, denn sie brauchen ja Nährstoffe, um den oberirdischen Pilz auszutreiben. Heute zersetzen sie also die Biomasse doppelt so schnell wie noch vor 50 Jahren." Vorläufig stellen sie damit den Pflanzen mehr Nährstoffe zur Verfügung, so dass die besser und zahlreicher wachsen können. Doch ob dieses Schlaraffenland dauerhaft sein wird, ist zweifelhaft. "In 50 oder 100 Jahren, falls die Prozesse durch den Klimawandel immer weiter angetrieben werden, kann das auch kippen", befürchtet Gange.

Der Londoner Ökologe ist jedenfalls gespannt, ob auch aus anderen Ländern ähnliche Entwicklungen berichtet werden. Aus Puzzleteilen wie diesem wird sich nach und nach das Bild von der Entwicklung unseres Klimas ergeben, auch wenn bei eher politischen Anlässen wie den Berichten des IPCC weiterhin zäh um Worte gerungen wird.