02. Mai. 2017

Aufnahme des Risses im Eisschelf Larsen-C.

Im Osten der Antarktischen Halbinsel gerät das Schelfeis erneut in Bewegung. Zwei kleinere Teile des auf dem Meer schwimmenden Larsen-Schelfs haben sich dort in den vergangenen 25 Jahren bereits aufgelöst, jetzt scheint die größte Einheit, das mehr als 200 Kilometer weit ins Weddellmeer reichende Larsen-C, an der Reihe zu sein.

In der Eisfläche von der Größe Niedersachsens breitet sich ein Riss auf dem Larsen-Schelf aus. Reisst das Schelf komplett durch, könnte sich der gewaltigste Eisberg auf den Weg machen, der bislang im Südozean gesichtet wurde. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien berichteten Polarforscher von den jüngsten Beobachtungen.

"Den Riss gibt es bereits seit Jahrzehnten, aber bislang wurde er von einer Zone weichen Eises im Schelf aufgehalten. Die hat er jetzt durchbrochen", erklärte Bernd Kulessa, Professor für Geographie im südwalisischen Swansea, auf der EGU-Jahrestagung in Wien. Das weiche Eis verbindet die starren Partien der riesigen Eisplatte miteinander und dämpft so die Kräfte des Ozeans, die an ihr zerren und den Riss vorantreiben. Auf seinem Weg zur Eiskante liegen zwar noch weitere solcher Bremszonen, doch die Forscher fürchten, dass ihre Wirkung nicht mehr so stark sein wird wie in der Vergangenheit. "Sobald also der Riss komplett durchgebrochen ist, wird sich der Eisberg lösen", prophezeite Kulessa.

Dieser Koloss wird die Größe des Saarlandes haben und in den atlantischen Sektor des Südozeans hinaustreiben. Eine mögliche Gefährdung des Schiffsverkehrs treibt die Polarforscher dabei weniger um, als die Konsequenzen für das Larsen-C-Schelf selbst. "Ist der Eisberg losgebrochen, ist die Integrität des gesamten Schelfs bedroht, es wird sehr wahrscheinlich genauso zerbröseln wie Larsen-B", sagt Kulessa. An diesem Schelf hatte sich 1986 ein Eisberg gelöst, 16 Jahre später war die ursprünglich 7500 Quadratkilometer große Eisfläche völlig zersplittert und trieb ins Weddellmeer hinaus. Mittlerweile sind nur noch Reste der früheren Eisfläche übrig. Wie lange das sieben Mal größere Larsen-C durchhalten wird, wagen die Experten nicht zu vorherzusagen. Die Situation an der Antarktischen Halbinsel ist im Fluss. "Noch ist es am Larsen-C-Schelf ziemlich kalt", so Kulessa, "aber mit der Klimaerwärmung werden die Temperaturen langsam steigen."

Entwicklung des Larsen-C-Risses: Ansicht im Zeitraffer.
Bild: ESA
Löst sich auf: Eisschelf Larsen-B vor der Ostküste der Antarktischen Halbinsel.
Bild: NASA/Modis

Dabei setzen nicht nur die steigenden Temperaturen in Atmosphäre und Ozean den Eisflächen zu. Vom Gebirge, das die Antarktische Halbinsel der Länge nach durchzieht, wehen an rund 200 Tagen im Jahr Föhnwinde bis weit auf das Schelfeis hinaus. Die warmen und trockenen Winde treiben dabei die Temperaturen um bis zu 20 Grad nach oben. "Im Winter ist selbst das kein Problem, weil die Temperaturen statt -30 Grad -10 Grad betragen, aber im Sommer können sie deutlich über den Nullpunkt steigen", erklärte Jenny Turton in Wien. Die Doktorandin der Universität Leeds hat sich für den British Antarctic Survey mit dem Föhn beschäftigt. An der argentinischen Station Esperanza auf der Nordspitze der Halbinsel wurden bereits Temperaturen von 17 Grad gemessen. Diese liegt zwar gut 400 Kilometer nördlich von Larsen-C, doch in Frühjahr und Sommer steigen auch im weiter südlich gelegenen Schelf die Temperaturen häufig über Null, so dass sich Schmelzwasserseen auf der Schelfoberfläche bilden. "Wir haben an einer Stelle 40 Millimeter zusätzliches Schmelzwasser gemessen", so Turton, "das entspricht einer Verlängerung der Tauperiode um acht Tage."

Die Schmelzwasserseen sind dabei nicht nur ein Stresssymptom des Schelfeises, sie spielen offenbar auch eine zentrale Rolle, wenn das Eis langsam zerbröselt. "Es dringt in die Risse ein, die sich im Eis bilden, und verhindert, dass sie wieder zufrieren", sagte Jenny Turton. Damit wird der Selbstheilungsprozess des Eises unterbrochen, mit dem die Schäden behoben werden, die durch die Bewegungen des Meeres unterhalb entstehen. Je mehr Schmelzwasserseen auf dem Schelf erscheinen, umso schwächer wird es. Daher durchsuchen die Polarforscher die Satellitenaufnahmen von Larsen-C besonders gründlich nach den deutlich erkennbaren Seen.

Deren Zahl ist noch überschaubar. "Im Moment gibt es bei weitem nicht so viele wie auf Larsen-B, bevor es zerbrach", erklärte Bernd Kulessa, "wir rechnen also damit, dass es eine lange Zeit dauert, bis nach dem Abbruch des Eisbergs auch der Rest des Schelfs zusammenbricht." Dennoch glaubt der in Swansea lehrende Deutsche nicht mehr daran, dass das viertgrößte Eisschelf der Antarktis bei der sich abzeichnenden Temperaturerhöhung dauerhaft überleben wird. "Wir können derzeit nur nicht sagen, wie viel Jahre ihm noch bleiben." Es ist zu erwarten, dass dann die Gletscherströme auf dem Festland der Antarktis schneller fließen, die derzeit vom Larsen-C-Schelf gebremst werden. Die Folgen werden rund um die Welt zu messen sein. Anders als Schelfeis, das ja bereits im Meer schwimmt, vermehrt das Eis der Festlandsgletscher das Wasservolumen der Ozeane und lässt so die Meeresspiegel steigen.

Alles Weitere zum Kollaps des Larsen-C-Schelf im Artikel Kein freudiges Ereignis.