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Komplizierte Ahnenreihe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.11.2011 10:40

Die anatomisch modernen Menschen haben sich auf ihrem Weg von Afrika in alle Welt offenbar doch intensiver mit den bereits ansässigen urtümlicheren Menschenarten vermischt, als man bisher annahm. Zumindest legen das Erbgutvergleiche nahe, die zwei schwedische Genetiker mit den Genomen von heutigen Menschen, von Neandertalern und von den rätselhaften Denisova-Menschen aus dem sibirischen Altai durchführten und in den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichten.

Der Neandertaler, wie man ihn sich heute vorstellt."Es wird zunehmend schwierig, das komplexe Muster von archaischen Spuren im menschlichen Genom ohne ein gewisses Maß an Vermischung zu erklären", resümieren Pontus Skoglund und Matthias Jakobsson von der Universität Uppsala in ihrem Beitrag.  Neben der inzwischen offenbar unstrittigen Vermischung zwischen Neandertalern und modernen Menschen, die im östlichen Mittelmeerraum stattgefunden hat, fanden die beiden Biologen Anzeichen, dass solche Paarungen offenbar auch zwischen den anatomisch modernen Vorfahren der heute in Südostasien wohnenden Menschen und den Denisova-Menschen stattgefunden haben. Schon vor einiger Zeit hatten andere Forscher von vergleichbaren Indizien bei den Denisova-Menschen und den Melanesiern berichtet. Der sexuelle Kontakt zwischen unseren Vorfahren und der ansässigen Bevölkerung, seien es Neandertaler oder eben die Denisova-Menschen, ist ein heftig umstrittenes Thema in der Paläanthropologie, denn bislang gibt es für die These, dass es diese Kontakte in nicht unbedeutendem Umfang gab, keinerlei archäologischen Beweis. Selbst ein Zusammenleben von etwa Neandertalern und modernen Menschen konnte nicht belegt werden. Die einzige Stütze findet sich in unserem Erbgut, wenn man es mit dem der ausgestorbenen Menschenarten vergleicht. Und da finden die Genetiker nur sehr geringe Spuren: Rund 2,5 Prozent des Genoms der modernen Europäer kommt von den Neandertalern, bei den Melanesiern spricht man von vier bis sechs Prozent Denisova-Anteil und für die Bewohner Südostasiens nehmen Skoglund und Jakobsson nur einen Anteil von einem Prozent an.

Denisova-HöhleDie Verpaarung mit anderen Menschenarten war also nicht unbedingt an der Tagesordnung, kam aber doch häufig genug vor, dass man auch 30.000 Jahre später Spuren davon im Erbgut findet. Allerdings sorgen derart geringe Anteile auch immer wieder für Zweifel. So meint denn auch Johannes Krause, Paläogenetiker von der Universität Tübingen gegenüber dem "National Geographic", dass ein Prozent ziemlich nahe an der Grenze zur statistischen Bedeutungslosigkeit liege. Und auch widersprüchliche Resultate sind nicht zu vermeiden. So hat eine US-amerikanische Gruppe vor nicht allzu langer Zeit eine genetische Verbindung der Denisova-Menschen zu den Ureinwohnern Australiens und Ozeaniens festgestellt und gerade bei den Asiaten keinerlei Hinweise dafür gefunden. 

Dabei steht zumindest bei den Neandertalern außer Frage, dass sie sehr weitläufige Verwandtschaft repräsentierten. Ihr letzter gemeinsamer Vorfahre mit den anatomisch modernen Menschen wird auf ein Alter von rund 700.000 Jahren berechnet. Dennoch herrscht weiterhin keine Einigkeit darüber, ob die Neandertaler eine andere Art darstellen oder nicht. Die offenbar erfolgreiche Fortpflanzung mit anatomisch modernen Menschen hilft nicht wirklich weiter, weil dieses Abgrenzungskriterium für Arten zunehmend ins Wanken gerät. Über die Denisova-Menschen weiß man wesentlich weniger als über die Neandertaler, die ersten Spuren dieser rätselhaften Sibirien-Bewohner wurden erst 2008 entdeckt und viel mehr als ein paar Knochen kennt man bisher nicht.

 
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