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Korridore durch die Wüste

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.09.2013 09:18

Nordafrika hat sich für Anthropologen in jüngster Zeit von einem weitgehend vergessenen Flecken zu einem höchst interessanten Arbeitsgebiet gewandelt. Die Zahl der Fundstätten mit Zeugnissen früher Vertreter des modernen Menschen ist förmlich explodiert, so dass manche einflussreichen Forscher im Maghreb schon so etwas wie ein Sprungbrett für Homo sapiens auf dem Weg in alle Welt sehen. Es bleibt nur das gewaltige, acht Millionen Quadratkilometer große Sandmeer namens Sahara, das seit Menschengedenken den Verkehr vom Mittelmeer in den Sahel behindert. Neue Modellrechnungen haben jetzt gezeigt, dass es Korridore durch das Sandmeer gab, die die frühen Menschen wohl intensiv nutzten.

Endlose Wüsten, wie hier in der Sahara, werden sich über die irdischen Kontinente ausbreiten.Ein endloses Meer aus vielfarbigem Sand, hin und wieder durchzogen von schroffen Gebirgen, nur ganz vereinzelt getupft mit grünen Flecken, so zeigt sich die Sahara dem heutigen Flugreisenden. Dieses Bild hat sie wohl seit dem Bau der Pyramiden geboten, denn von den alten Ägyptern über Griechen und Römer bis zu den modernen Völkern gibt es nur einen Ausdruck für die acht Millionen Quadratkilometer in Afrikas Norden: Wüste. Doch offenbar erleben wir die Sahara in einer besonders lebensfeindlichen Phase, denn Archäologen haben aus vielen Teilen des Sandmeers zahllose Hinweise dafür gesammelt, dass die Wüste in früheren Zeiten durchaus grün war. Das gilt für das jüngste Klimaoptimum zu Beginn des Holozäns vor 11.000 bis ungefähr 8000 Jahren, aus dem zahlreiche Höhlenmalereien stammen und bezeugen, dass Menschen den Osten der heutigen Sahara bewohnten. Das gilt aber auch für die vorhergehende Eem-Wärmeperiode und die anschließende Frühphase der Würm- oder Weichselkaltzeit. Über ganz Nordafrika verteilt haben Archäologen zahlreiche Funde einer frühen Form des modernen Menschen im Alter zwischen 130.000 und 60.000 Jahren gefunden - auch dies ein Hinweis, dass im oberen Pleistozän die Wüste weniger Barriere als Drehscheibe war.

Die Zahl der Fundstellen ist inzwischen so groß, dass eine Reihe einflussreicher Archäologen den Nordwesten des Kontinents als ähnlich bedeutsam für den Exodus des modernen Menschen aus Afrika in alle Welt ansehen, wie den kenianisch-tansanischen Raum. Wie man sich das Nordafrika aus der Zeit von vor 130.000 bis 60.000 Jahren vorstellen muss, ist dabei relativ unklar. Es gibt Hinweise auf riesige Seen, aber ob man daraus auf eine lauschige Parklandschaft schließen kann, ist doch sehr zweifelhaft. Britische Forscher der Universität Hull haben jetzt mit einem aktuellen gekoppelten Modell von Atmo- und Hydrosphäre eine Rekonstruktion versucht.

Flüsse im Maghreb, wie sie eine Simulation für das obere Pleistozän ergab. (Bild: PLoS/Tom Coulthard, University of Hull)Danach hat der Monsun im Eem rund 700 Kilometer weiter nach Norden gereicht als es heute der Fall ist, so dass es noch Flusskorridore gab, die von Süd nach Nord durch die Sahara führten. Die trockenen und weitgehend von Dünen verschütteten Täler hat man mithilfe von Satellitenbildern inzwischen gefunden, die Frage war immer, ob die Flüsse tatsächlich genügend Wasser führten. Die Forscher um Geographieprofessor und Flussexperte Tom Coulthard von der Uni Hull haben ihre Aufmerksamkeit auf den östlichen Maghreb gerichtet, der die heutigen Staaten Libyen und Tunesien, sowie Teile Algeriens und Ägyptens umfasst. In diesem mehr als 3000 Kilometer breiten Streifen hat das Modell drei Flusssysteme ausgewiesen, die in Süd-Nordrichtung von der Sahara zum Mittelmeer verliefen. Die beiden östlichen Systeme führten vermutlich rund ums Jahr Wasser und waren zu Monsunzeiten mit 2500 Kubikmeter pro Sekunde etwa doppelt so stark wie der moderne Niger in guten Jahren. Die Ebenen an ihrem Unterlauf zur Großen Syrte hin hatten offenbar einiges von einer Seenplatte.

Das dritte westlich in der Höhe des heutigen Ostalgeriens verlaufende Irharhar-Flusssystem war wohl während drei Viertel des Jahres trocken. Und doch war es nach derzeitigen Informationen genau dieses, das von Menschen genutzt wurde: Die Zahl der archäologischen Fundstätten ist im Westen des Maghreb ungleich größer als im Osten, und die meisten Archäologen gehen davon aus, dass das nicht nur an intensiveren Grabungen liegt. Coulthard und seine Kollegen meine, der Irharhar habe einen großen Vorteil: Sein Quellgebiet liegt ebenso wie seine Mündung in einer relativ feuchten Region, so dass die Menschen die trockenen Sandmeere weitgehend vermeiden konnten, die sich mit dem Ende des Eem auszubreiten begannen. Mit der Modellierung von Coulthard und seinen Kollegen liegt jetzt erstmals ein genaueres Bild Nordafrikas in Eem- und Würmzeit vor, mit dem die Archäologen beginnen können, die Besiedlungsgeschichte des südlichen Mittelmeerrandes zu schreiben.