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Krokodilsterben als Vorbote

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.07.2009 16:55

In Südafrika sterben seit einigen Jahren die Krokodile in solchen Massen, dass die Experten der Nationalparkverwaltung bereits an einigen Stellen das komplette Aus für die riesigen Echsen befürchten. Während die Art der Krankheit und der Übertragungsweg relativ klar ist, bleiben die Ursachen für das plötzliche Massensterben im dunkeln. Umwelttoxikologen sind sich allerdings sicher, dass die starke Verschmutzung der südafrikanischen Gewässer durch Landwirtschaft, Industrie, Bergbau und Städte dahinter steckt.

Berge am Loskop DamUm 9:30 Uhr morgens ist es schon ziemlich warm am Nordufer des Stausees von Loskop Dam. Glücklicherweise liegt die Ranger-Station des Naturschutzgebietes am oberen Olifants Rivier in einem Wäldchen aus Dornbüschen und Akazien, denn dieser südafrikanische Spätfrühlingstag im September 2008 verspricht heiß zu werden. Auf dem Wasser wird es erträglich sein, versichert Jannie Coetzee, der zuständige Parkranger, denn wir sind mit Wissenschaftlern der Universität Pretoria und des nationalen Forschungsverbundes CSIR unterwegs auf den Spuren des rätselhaften Krokodilsterbens, das im Winter 2008 an vielen Stellen entlang des rund 800 Kilometer langen Flusses begann.

Kraftwerke am HorizontDer Olifants Rivier ist die Wasserader der südafrikanischen Provinzen Gauteng und Mpumalanga, er entspringt im Witwatersrand - der Goldlagerstätte Südafrikas. Am Tropf des Flusses hängen aber auch das angrenzende Moçambique und der südliche Teil des Krügerparks. Dort, in der wegen ihrer Krokodile berühmten Olifants-Schlucht, haben die Ranger zum ersten Mal bemerkt, dass mit der Echsenpopulation des Flusses etwas nicht stimmt. „Wir haben bisher 150 tote Krokodile gesichtet“, hatte uns Danie Pienaar, der Chefwissenschaftler der südafrikanischen Nationalparks am Tag vor unserem Ausflug zum Loskop Dam erzählt. Die Wissenschaftler befürchten, dass das Krokodilsterben nur ein Teil des viel größeren Problems Wasserverschmutzung ist. „Das größte Problem hier in Südafrika ist, dass die meisten unserer Seen überdüngt und vor allem mit ungeklärten Kommunalabwässern belastet sind“, diagnostizierte Paul Oberholster, Toxikologe beim CSIR am Freitag zuvor in seinem Büro in Pretoria. Nach dem Interview lud er uns ein, an seiner Kontrollexkursion am Loskop-Dam teilzunehmen.

Oberholster am UferOberholster warnt schon seit langem vor den Folgen zu laxen Umgangs mit den Umweltschutzbestimmungen. „Wir haben das beste Wasserschutzgesetz der Welt“, meint auch sein Kollege Jan Myburgh von der Universität Pretoria, „aber es wird nicht angewandt.“ Die Experten erwarten drastische Folgen für das Land am Kap. „Fast alle Süßwasserressourcen des Landes sind inzwischen vollkommen verplant“, schrieb Oberholster im März 2008 in einem Expertengutachten für das Nationalparlament in Pretoria, „und die Wasserqualität sinkt aufgrund steigender Verschmutzung beständig.“ Wenn es so weitergehe, warnt der Wissenschaftler eindringlich in seinem Bericht an die Politiker, würden Südafrikas Süßwasserreserven bis zum Jahr 2030 so strapaziert, dass der Bedarf nicht mehr gedeckt werden könne.

Loskop-Dam-StauseeOb die Krokodile im Krügerpark so lange durchhalten, ist mehr als fraglich. Zu den 2008 gesichteten 150 Leichen rechnen die Experten dieselbe Zahl an unentdeckten hinzu, denn Krokodilkadaver werden schnell von den übriggebliebenen Echsen verspeist. „Wenn Sie berücksichtigen, dass wir im gesamten Olifants-Letaba-System rund 1000 Tiere haben, von denen rund die Hälfte in der Olifants-Schlucht lebt“, betont Danie Pienaar von der südafrikanischen Nationalparkverwaltung, „dann ist das auf jeden Fall einen genaueren Blick auf die Ursachen wert.“

Toter TilapiaWelcher Krankheit die Echsen zum Opfer fallen, ist weitgehend klar: „Wir haben Pansteatitis diagnostiziert, eine Entzündung des Fettgewebes. Sie entsteht, weil der Körper seinen Vorrat an Antioxidantien wie Vitamin A und E aufgebraucht hat und sich selbst angreift. Das Körperfett verhärtet und wird gelb, die Tiere sterben“, berichtet der leitende Tiermediziner der südafrikanischen Nationalparks, Markus Hofmeyr. Die Echsen ziehen sich die Krankheit zu, wenn sie große Mengen an verdorbenem Fisch fressen, oder ihre bereits an Pansteatitis verendeten Artgenossen. Die Krokodile in der Olifantsschlucht scheinen sich an Fischen im Moçambiquanischen Massingir-Stausee zu vergiften. Der liegt etwas flussabwärts und scheint alle Schadstoffe des Olifants zu sammeln. Mehr als Vermutungen haben die Forscher bislang noch nicht, denn das Grenzgebiet zu Moçambique ist extrem unzugänglich. Deshalb benutzt man den leicht zugänglichen Loskop Dam Stausee am Oberlauf des Olifants als Testgebiet. Dort hat es tatsächlich ein großes Fischsterben gegeben, bevor das Krokodilsterben einsetzte.

Probennahme im WasserAm Rangerstützpunkt des Stausees wartet Paul Oberholster schon auf uns. „Wir starten um 9 Uhr, bitte seid pünktlich“, hatte er noch am Vortag aus Pretoria gemailt. Das ist gar nicht so einfach, denn wir befinden uns in Skukuza, dem Verwaltungszentrum des Krügerparks. Das ist mehr als 400 Kilometer von Jannie Coetzees Rangerstation am Loskop Dam entfernt - und der Park öffnet seine Tore erst um sechs Uhr. Glücklicherweise kommen wir mit einer Sondererlaubnis bereits um 4:30 Uhr hinaus und können uns abends bis zum Sonnenuntergang Zeit lassen - aber auch so wird es eine hektische Fahrt immer am Tempolimit. Am Ende sind wir 30 Minuten zu spät, aber auch für Oberholster, seine Assistentin Judy Lee und Jan Myburgh hat die Fahrt von Pretoria länger als geplant gedauert.

Mit dem Schlauchboot geht es dann den Stausee stromaufwärts zur Einmündung des Olifants Rivier in den See. Von Krokodilen ist weit und breit nichts zu sehen und Jannie Coetzee dämpft die Hoffnungen: „Von den ursprünglich 75 Tieren sind hier im Park vielleicht noch sechs geblieben, und die sind so jung, dass der Bestand vermutlich komplett zusammenbrechen wird.“

Blick vom Krügerpark auf HüttenwerkSüdafrikas relativer Wohlstand beruht auf seinem Rohstoffreichtum, und in der Provinz Gauteng und den angrenzenden Bezirken von Mpumalanga konzentrieren sich Bergbau- und Hüttenindustrie sowie Kohlekraftwerke. Deren Abwässer nimmt der Fluss zusätzlich zu denen von Landwirtschaft und Siedlungen auf. Am Loskop Dam ist von all dem nichts zu sehen, steil abfallende Berge begrenzen den Blick in dem ins Highveld eingeschnittene Tal, in dem Naturschutzgebiet und Stausee liegen. Doch bei der Fahrt hierher über die Autobahn N4 und durch Middelburg konnten wir sehen, wovon die Wissenschaftler sprechen: Kohlekraftwerke, Minen und Hüttenwerke säumen den Weg, selbst vom Zentrum des Krügerparks aus sind die Industrieanlagen am Horizont zu sehen.

Probennahme am UferUmweltschutzauflagen hat die Industrie kaum zu fürchten. So haben die Kohlekraftwerke noch nicht einmal Schwefel-Filter und machen daher Sauren Regen immer noch zu einem Problem für Südafrikas Landwirtschaft und Natur. Vergleichbares gilt auch für den Gewässerschutz. „Die Bergbaubetriebe dürfen in Südafrika ihre Drainagewässer in die Flüsse verklappen, meist mit dem ersten Regen - ein Gewitter, und schon öffnen alle ihre übervollen Rückhaltebecken. Dann rauscht hier saures und mit Schwermetallen belastetes Wassers an", berichtet der Tierarzt Jan Myburgh. Ob diese Belastung die letztendliche Ursache des Fisch- und später dann Krokodilsterbens ist, wollen Myburgh, Lee und Oberholster am Loskop-Dam klären.

An der Mündung des Olifants Rivier in den Loskop-Stausee angekommen, springt Paul Oberholster aus dem Schlauchboot, greift sich eine durchsichtige Plexiglasröhre und stößt sie mit Wucht in den schlammigen Seeboden. Die Sedimente sollen später auf ihre Schwermetall- und Schadstoffgehalte untersucht werden. „Wir vermuten, dass die Buntbarsche, die hier leben, sich an dem giftigen Schlamm vergiften“, erklärt Myburgh. Den Fischen wird ihre Paarungsverhalten zum Verhängnis: die Männchen graben Kuhlen in den Seeboden, in die die Weibchen ihre Eier ablegen. Bei diesem Wühlen kommen die Tiere natürlich in direkten Kontakt mit dem Sediment, je größer und dominanter das Männchen ist, um so stärker. Und tatsächlich hatte das jüngste Fischsterben vor allem die großen Tiere getroffen.

Olifants am Loskop DamWährend Oberholster in Richtung Seeufer watet, sticht er zwei weitere Proben aus dem Untergrund. Am Ufer steigt der Rest von uns ebenfalls aus dem Boot, gemeinsam gehen wir ein Stück flussaufwärts. Die drei Wissenschaftler nehmen in regelmäßigen Abständen Proben, Ranger Jannie Coetzee sucht auf dem weichen Sand nach Tierspuren und beobachtet vor allem die Seeoberfläche aufmerksam. Früher wimmelte dieser Teil des Stausees von Krokodilen und Flusspferden - und beide sind äußerst unangenehm, wenn man ihnen unvermittelt begegnet. Doch heute sehen wir gerade einmal die Spur eines jungen Krokodils und die eines Leoparden im Sand. Nach einer Viertelstunde besteigen wir wieder unser Boot und fahren weiter.

Nilpferde im Loskop-Dam-StauseeUnser nächster Halt liegt in einer weiten Bucht. Hier ist einer der Messpunkte, die die CSIR-Toxikologen regelmäßig kontrollieren, diesmal allerdings nicht auf Giftstoffe im Sediment, sondern auf Algenblüten. Den Messpunkt selbst können wir heute nicht anfahren, denn er ist von einer Gruppe mißtrauisch blickender Flusspferde belegt. „Mit denen ist nicht zu spaßen“, knurrt Coetzee, „die sind imstande und greifen unser Boot an.“ In einem weiten Bogen und mit gedrosseltem Motor fährt er deshalb um die Tiere herum und hält in sicherer Entfernung an. Das Wasser ist auf einmal nicht mehr dunkel und klar, sondern gallertig rotbraun mit kleinen grünen Flecken, fast sieht es aus wie eine dicke Suppe.

"Diese Alge gehört zu einer Familie, die auch im Meer giftige Algenblüten verursacht“, erklärt Paul Oberholster und fischt eine Probe aus dem See, „hier sind so viele von ihnen, dass sie Flocken bilden.“ Die Überdüngung mit Phosphaten aus der Landwirtschaft und dem Bergbau schafft den Algen in vielen Gewässern ideale Lebensbedingungen. Besonders unangenehm sind die grünen Flecken auf der Oberfläche der Suppe. „Das sind Cyanobakterien der Gattung Microcystis. Manche von ihnen produzieren Gifte, die bei Säugetieren die Leber angreifen, die Nieren oder das Nervensystem, und die Tiere sterben innerhalb weniger Stunden." Für Aufsehen sorgte jüngst eine Algenblüte in einem Wasserloch des Krügerparks, dem Nashörner, Zebras, Büffel, Geparden und andere Ikonen des Nationalparks zum Opfer fielen.

Ranger mit KrokodilDoch die eigentliche Gefahr ist eine schleichende, und sie lauert in immer mehr südafrikanischen Gewässern. „Giftige Cyanobakterien gedeihen überall, auch in Trinkwasserspeichern, Flüssen und Seen, aus denen die Menschen auf dem Land ihr Wasser direkt schöpfen“, erklärt der CSIR-Toxikologe, „sie sind diesen Giften ständig ausgesetzt, was unter anderem zu Leberkrebs führen kann." In einem Bericht an das nationale Parlament in Pretoria schrieb die für die Wasserversorgung zuständige Ministerin im vergangenen Jahr, dass elf Prozent der südafrikanischen Trinkwasserstauseen bereits von regelmäßigen Blüten dieser Cyanobakterien geplagt werden, bei weiteren 58 Prozent deutet es sich an. Nur mit speziellen Reinigungsanlagen können die Cyanobakterien und ihr Gift aus dem Trinkwasser entfernt werden, doch solche Anlagen gibt es nicht überall in Südafrika.

Es ist Nachmittag, als wir mit mehr als einem Dutzend Boden- und zahlreichen Wasserproben, die gut verstaut in Kühlkisten lagern, wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren. Auf der Rückfahrt wurden wir aufmerksam von Nilpferden im Wasser und Giraffen an Land beobachtet, aber Jannie Coetzee hat es eilig und braust an der afrikanischen Idylle vorbei. Auch wir haben es eilig, denn auf uns wartet eine Fünf-Stunden-Fahrt zurück in den Krügerpark.

Nachtrag: Rund ein Jahr ist seit unserem Besuch in Südafrika vergangen. Der Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung, Fisch- und Krokodilsterben hat sich erhärtet. Doch auch in dieser Saison hat das Sterben wieder begonnen. Bis dato sind in diesem Jahr schon 13 tote Krokodile in der Olifantsschlucht gefunden worden. Zählungen kamen auf eine Population von insgesamt nur noch 385. „Wenn es so weitergeht, wird es im unteren Olifants und Letaba Rivier 2010 nur noch ganz wenige Krokodile geben“, warnt Danie Pienaar, Chefwissenschaftler der südafrikanischen Nationalparks.

Verweise
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