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Leichte Erhöhung des Risikos

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.03.2011 09:20

Das Tohoku-Beben vom Freitag, 11. März, hat offenbart, dass im komplexen Geflecht der Plattengrenzen vor Japan größere Energien aufgestaut waren, als die Wissenschaftler vermutet und erkannt haben. Jetzt versuchen Geophysiker in aller Welt zu berechnen, was das schwere Beben vor Nordhonshu für den Rest der japanischen Hauptinsel bedeutet. In einer Störung direkt vor Tokio scheint sich die Spannung erhöht zu haben.

Tektonik vor Honshu"Offenbar haben sich über Jahrzehnte Spannungen aufgebaut und ein großer Teil ist am 11. März in diesem Erdbeben abgebaut worden", erklärt Professor Frank Roth vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Auf 500 Kilometer haben sich die beiden Platten vor Nordhonshu um durchschnittlich zehn Meter gegeneinander verschoben. Die Geologen hielten ein solch starkes Beben in dieser Gegend nicht für möglich. Jetzt stellt sich die Frage, ob der Erdstoß ausstrahlt in die benachbarten Segmente. Dabei richtet sich der Blick vor allem auf die angrenzenden Störungen im Süden, denn anders als im dünnbesiedelten Norden bedrohen sie das Zentrum des Landes. In den Ballungsräumen zwischen Osaka im Süden und Tokio im Norden wohnt etwa die Hälfte der Japaner und mehr als die Hälfte des Bruttosozialprodukts wird hier erwirtschaftet.

Daher haben Seismologen rings um die Welt sehr schnell ihre Computer auf Touren gebracht, um zu berechnen, was sich durch das Beben vor der Küste Tohokus geändert hat. "In den Segmenten des Japan-Grabens südlich und nördlich des Bruches hat sich auf jeweils 100 Kilometer die Spannung so erhöht, dass wir erwarten würden, dass Folgebeben ausgelöst werden", erklärt Frank Roth. Diese Beben hat es in den zehn Tagen seit dem schweren Beben zuhauf gegeben, sogar mitten im Landesinneren von Honshu, rund 100 Kilometer von Sendai und 350 Kilometer vom Epizentrum entfernt.

Tokio bei NachtInteressant wird es jedoch jenseits dieser 100-Kilometer-Zone, wo nahezu im rechten Winkel eine neue Störung abzweigt und direkt in die Bucht von Tokio hineinläuft. Dieses sogenannte Sagami-Segment beginnt rund 200 Kilometer vor der japanischen Küste an der Stelle, an der drei Platten in einem sogenannten Tripelpunkt zusammentreffen. In der Suruga-Bucht, rund 130 Kilometer südwestlich von Tokio endet das Segment in einem weiteren Tripelpunkt. Es ist die Knautschzone zwischen der Philippinischen und der Pazifischen Ozeankrustenplatte und berüchtigt für die schweren Erdstöße, die es im Großraum Tokio auslöst. Das große Kanto-Beben von 1923 war das jüngste, es forderte über 100.000 Menschenleben und zerstörte Tokio.

Zusätzlich scheint es direkt unter Tokio noch ein kleines Plattenfragment zu geben, das auch eine Rolle bei der Entstehung von Erdbeben in der japanischen Hauptstadtregion spielen könnte. "Die Komplexität der Verwerfung dürfte die Schwere der Erdbeben begrenzen", erklärte Chris Goldfinger, Professor für Geophysik an der Universität von Oregon, gegenüber der BBC, "aber wegen der Nähe zu Tokio würden auch geringere Erdbeben großen Schaden anrichten." Geringer ist dabei ohnehin ein relativer Begriff: Man rechnet auf der Sagami-Störung mit Erschütterungen von 7.0 bis etwas über 8.0 auf der Magnituden-Skala. Das würde höchstens ein Dreißigstel der Energie freisetzen, die das Tohoku-Beben entfesselte, doch die potentiellen Schäden wären ungleich höher. Rechnet man für den Norden Honshus derzeit mit 200 bis 300 Milliarden Dollar, so betragen die Schätzungen für ein Tokio-Beben gut über 1 Billion Dollar.

"Auf dem Sagami-Segment gibt es durchaus eine moderate Erhöhung der Spannungen", erklärt der deutsche Geophysiker Frank Roth und wird darin von Kollegen des USGS bestätigt. Die Konsequenzen können die Fachleute allerdings nur schwer einschätzen. "Ich würde sagen, das Risiko hat sich dadurch entweder kaum verändert, oder sogar leicht erhöht", meint USGS-Forscher Ross Stein vorsichtig. Das Problem für die Geophysiker ist, dass sie keine genaueren Angaben über die veränderte Bebenwahrscheinlichkeit machen können. Ihnen fehlt dazu schlicht der genaue Einblick in die Konfliktzonen, die zwischen 10 und 40 Kilometer tief unter der Erdoberfläche liegen. "Wir kennen die Spannungen vorher nicht und auch die kritische Spannung, die dort zu einem Beben führt, ist unbekannt", so Roth.

Dass ein Beben in einem Abschnitt einer Störungszone die Spannungen in einem anderen beeinflusst, dass es schließlich dort sogar beben kann, wissen die Seismologen seit einigen Jahren. Ein prägnantes Beispiel dafür ist die nordanatolische Verwerfung in der Türkei, die seit 1939 Stück für Stück bricht. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele, wo ein Beben sich nicht weiter fortpflanzt. In welche Kategorie das Bruchzonengeflecht bei Japan gehört, wird man vielleicht nie klären können. Derweil begnügen sich die Experten damit, die Erschütterungen in der Erdkruste zu registrieren. Und deren Verteilung sieht eigentlich ganz positiv aus. Die intensive Nachbebentätigkeit seit dem 11. März macht gleichsam an einer Schranke 50 Kilometer nördlich der Sagami-Verwerfung halt. Der tektonische Stress auf diesem Segment könne daher vor dem aktuellen Beben nicht gefährlich hoch gewesen sein, so Roth. Ohne genaue Kenntnis des Mechanismus in den Tiefen der Erdkruste sind die Geophysiker jedoch vor Überraschungen nicht gefeit. Dass das Segment wieder brechen wird und dass das mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahrzehnten geschehen wird, steht dagegen fest. "Auf alle Fälle", so Frank Roth, "hat uns die Spannungsänderung einem nächsten Bruch näher gebracht."

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