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Lucy und ihre Verwandten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.05.2015 10:26

Keine 35 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Lucy, der berühmteste Vormensch aller Zeiten, gefunden wurde, sind neue Vormenschen-Fossilien entdeckt worden. Sie stammen ebenfalls aus dem mittleren Pliozän. Yohannes Haile-Selassie, Kurator für physische Anthropologie am Naturkunde-Museum in Cleveland, und seine Kollegen vom Woranso-Mille-Projekt stellen die Funde in der aktuellen "Nature" vor und schreiben sie einer neuen, bislang unbekannten Art zu, die zeitgleich mit Lucy lebte.

Ein Unterkiefer des Australopithecus deyiremeda. (Foto: Cleveland Museum of Natural History/Yohannes Haile-Selassie)Australopithecus deyiremeda hat kleinere Zähne und stärker hervortretende Wangenknochen als Lucy, die zur Schwesterart Australopithecus afarensis gehört. Außerdem haben die neu entdeckten Verwandten stärkere Kiefer und dickeren Zahnschmelz auf den Zähnen. "Wenn diese beiden Merkmale ein Zeichen für ökologische Spezialisierung ist", so Haile-Selassie in einer Mitteilung des Museums, "dann war die neue Art wohl auf härtere Nahrung spezialisiert als Lucy." Der gebürtige Äthiopier ist bereits wieder vor Ort, um weiter nach Fossilien zu suchen.

Abgüsse der Fossilien von Australopithecus deyiremeda. (Foto: Cleveland Museum of Natural History/Yohannes Haile-Selassie)Das Panorama der menschlichen Vorgeschichte im mittleren Pliozän belebt sich in einem Tempo, dass manchem Paläontologen schon ganz schwindlig wird. 2012 fanden Haile-Selassie und Kollegen in Äthiopien den Fußknochen eines neuen 3,4 Millionen Jahre alten Vormenschen. Im April diesen Jahres datierten südafrikanische Forscher einen älteren Australopithecus-Fund aus der Höhle von Sterkfontein, nordöstlich von Johannesburg, auf ein Alter von 3,67 Millionen Jahre. Vergangene Woche wurde über Steinwerkzeuge aus Kenia berichtet, die 3,3 Millionen Jahre alt sind und deshalb dem Kenyanthropus platyops, einem rätselhaften Zeitgenossen der berühmten Lucy zugeordnet werden. Und jetzt kommt Australopithecus deyiremeda, dessen Beiname in der lokalen Sprache "naher Verwandter" heißt. Nach Haile-Selassies Ausführungen in "Nature" soll das eine Linie zu späteren Homininen ziehen, nicht zur zeitgenössischen Lucy. "Der Fund ist ein weiterer Beleg dafür, dass Lucys Art nicht der einzige mögliche Vorfahr des Menschen in der Afar-Region des mittleren Pliozäns war", betont der Kurator für physische Anthropologie in der Pressemitteilung des Museums in Cleveland.

Yohannes Haile-Selassi vergleicht Vormenschenfossilien. (Foto: Laura Dempsey)Der Anspruch ist hoch, denn im mittleren Pliozän vor 3,5 bis 2,5 Millionen Jahren lebten die direkten Vorfahren der Gattung Mensch: mittelgroß, mit relativ kleinem Gehirn und bereits fähig auf zwei Beinen zu laufen, auch wenn sie das möglicherweise nur selten taten. 1974 wurde die berühmte Lucy entdeckt, und lange Zeit galt ihre Art Australopithecus afarensis als einziger Urahn-Kandidat. In späteren Epochen mochte sich der Stammbaum des Menschen immer mehr zum Busch entwickeln, der untere Teil des Stammes blieb eigentümlich einheitlich. Die Funde der jüngeren Zeit zeigen, dass das ein durch die Fundsituation entstandenes Zerrbild sein könnte. Wenn sich die zahlreichen neuen Funde jeweils eigenen Arten zuordnen lassen, wird der Wildwuchs des menschlichen Stammbaums auch in älteren, tieferen Zonen Einzug halten. "Die Wissenschaftler müssen jetzt die Ursprünge der Gattung homo zu einer der verschiedenen Vormenschen-Arten zurückverfolgen und herausfinden, warum die anderen ausstarben", sagte Carol Ward, Paläoanthropologin an der Universität von Missouri, in der "New York Times".

Mitarbeiter von Yohannes Haile-Selassie sieben Sand, um Fossilien zu entdecken. (Foto: Yohannes Haile-Selassie)Doch noch ist nicht entschieden, ob die vielen neuen oder neu datierten Funde tatsächlich zu unterschiedlichen Arten gehören. "Die Artenvielfalt provoziert die Frage, wie sich derart viele Spezies über lange Zeit in einem stabilen Ökosystem haben halten können", fragt etwa Fred Spoor, Paläoanthropologe am University College in London und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Lucys Art, von der es recht viele verschiedene Fossilien aus einem Zeitraum von rund 1 Million Jahre gibt, und die jetzt vorgestellte Schwesterart könnten sich unterschiedliche ökologische Nischen erschlossen haben und so nebeneinander hergelebt haben. Möglich ist aber auch, dass die neuen Fossilien allen morphologischen Unterschieden zum Trotz keine eigenständige Spezies begründen. "Lucys Art hat einfach nur ein paar neue Fossilien erhalten", sagte etwa Tim White, Paläoanthropologe an der Universität von Kalifornien in Berkeley gegenüber der "New York Times" und fasst damit den Standpunkt der Skeptiker bündig zusammen. Auf Yohannes Haile-Selassie und seine Mitarbeiter wartet daher eine intensive Diskussion, wenn sie ihre Grabungssaison in Äthiopien beendet haben.

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