10. Nov. 2017

Markierungen und Vertiefungen auf dem Beinknochen eines 2,5 Millionen Jahre alten Unpaarhufers aus dem äthiopischen Bouri.

Vor gut sieben Jahren meldeten Paläoanthropologen eine Sensation aus dem äthiopischen Dikika. An 3,4 Millionen Jahre alten Huftierknochen hatten sie Werkzeugspuren festgestellt. Diese könnten nur von Australopithecus afarensis stammen, dem schimpansengroßen Vormenschen, dessen berühmtester Vertreter auf den Namen Lucy getauft wurde. Der Werkzeugeinsatz wäre damit im Cluster der Menschenähnlichen nicht mehr das Privileg der Mitglieder der Gattung homo geblieben. In den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften ziehen jetzt drei Fachleute diese Hypothese in Zweifel.

Die frühesten Werkzeugspuren der Menschheitsgeschichte an mehr als drei Millionen Jahre alten Knochen aus Ostafrika stammen möglicherweise gar nicht von den Vormenschen, denen man die Kratzer zugeschrieben hat. Krokodile hinterlassen vergleichbare Spuren, wenn sie zubeißen. So berichten es Yonatan Sahle und Sireen El-Zaatari von der Universität Tübingen und der renommierte Paläoanthropologe Tim White von der Universität Berkeley in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften. Auch auf den Knochen herumtrampelnde Echsen, so die Autoren, können Spuren hinterlassen, die man mit Spuren vormenschlicher Fleischzerlegung verwechseln könnte.

Die drei Wissenschaftler fassen in ihrem Bericht eigene Experimente mit modernen und auch fossilen Knochen sowie eine wachsende Zahl von Berichten aus der Zoologie zusammen und kommen zu dem Schluss, dass die Beweisführung in einer Reihe prominenter Entdeckungen den neuen Erkenntnissen nicht standhält. "Die Ähnlichkeit ist so frappierend, man kann absolut nicht sagen, welche Spuren von einem Krokodilzahn und welche von einem Steinwerkzeug stammen", so Sahle gegenüber "Science".

Dikika: eine der bedeutendsten paläoanthropologischen Fundstellen.
Bild: MPG/Dikika-Projekt
Detailaufnahme der Bearbeitungsspuren auf dem Beinknochen eines 2,5 Millionen Jahre alten Unpaarhufers aus dem äthiopischen Bouri.
Bild: PNAS

Unter Rechtfertigungsdruck geraten sind vor allem Forscher des Dikika-Projektes an der Kalifornischen Akademie der Wissenschaften. Sie hatten in einer aufsehenerregenden Titelgeschichte in "Nature" 2010 an 3,4 Millionen Jahre alten Huftierknochen Spuren von vormenschlichen „Schlachtern“ identifiziert. Damit wäre der Werkzeuggebrauch um rund 800.000 Jahre älter als bis dato gedacht, und schon die Australopithecinen hätten sich mit scharfen Werkzeugen Fleischmahlzeiten organisiert. Die Forscher stützten sich dabei ausschließlich auf die markanten Kerben in den Knochen. Das habe zwar durchaus mit der herrschenden Lehrmeinung übereingestimmt, so das Urteil im aktuellen PNAS-Artikel, stünde aber auf einem zu schwachen Fundament. Unumstritten war die Argumentation der Forscher um Hauptautor Shannon McPherron vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie ohnehin nie. In ihr Verdikt miteinbezogen haben die drei Forscher auch noch 3,3 Millionen Jahre alte Werkzeugspuren aus dem kenianischen Turkana-Becken, die "Nature" 2015 eine Titelgeschichte wert waren, und zwei Berichte über Werkzeuggebrauch vor 2,6 Millionen Jahren in Indien und vor 130.000 Jahren in Amerika.

Eine Unterscheidung zwischen Menschen und Krokodilen als "Bearbeiter" sei aufgrund der Markierungen an den Knochen nicht mehr möglich, Hilfe böte ausschließlich ein ganzheitlich orientierter Interpretationsansatz, so die Autoren. In einem aufwendigen Stufenprozess müssten Funde künftig mehrfach auf ihre mögliche Zuordnung zu menschlicher Tätigkeit überprüft werden, dabei müssten alle Fundumstände und Beifunde berücksichtigt werden. "Je vielfältiger, angemessen überprüft und von einander unabhängig die Indizien sind, desto belastbarer sind die Schlüsse, die man aus ihnen ziehen kann", schreiben die Autoren in ihrem Aufsatz.

Die Kritik der drei Wissenschaftler stößt in der Fachwelt auf geteiltes Echo. "Ich denke, dass grundsätzlich jeder in der Disziplin weiß, dass wir ein Problem mit den Schnittspuren haben", sagt etwa David Brown von der George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt gegenüber "Science". Die attackierten Forschergruppen sind dagegen zurückhaltend. "Nur aufgrund einer erneuten Prüfung durch Experten die Zuschreibung der Schnittspuren zu ändern, ist nicht angemessen", schreiben dagegen Curtis Marean und Jacob Harris von der Arizona State University an "Science", die zum Dikika-Projekt gehören. Die Hauptautoren der kritisierten Studien wurden zwar kontaktiert, meldeten sich bis zur Veröffentlichung jedoch nicht.