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Nachahmende Neandertaler

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.10.2012 14:45

Woher stammen die Ideen der späten Neandertaler-Kultur, kurz bevor dieser Ureuropäer endgültig vom modernen Menschen verdrängt wurde? Das ist eine der großen Streitfragen unter Paläoanthropologen, seit man grundsätzlich akzeptieren musste, dass vor rund 35.000 Jahren Körperbemalung und Schmuck nicht nur bei den Einwanderern in Mode waren. Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben jetzt sehr genaue Radiokarbondatierungen aus einem wichtigen Fundort im Burgund vorgelegt, die dafür sprechen, dass die späten Neandertaler ihre Inspiration von den einwandernden modernen Menschen erhalten haben könnten.

Körperschmuck der Chatelperronien-Industrie, der den Neandertalern zugeschrieben wird. (Bild: MPG EVA/Marian Vanhaeren, Michéle Julien)Die Grotte du Renne im burgundischen Cure-Tal ist einer der Hauptfundorte des Chatelperronien, der letzten Phase der Neandertaler, als sie bereits auf dem endgültigen Rückzug in den Südwesten des europäischen Kontinents waren. Ausgrabungen von 1949 bis 1963 brachten eine Vielzahl mittel- und jungsteinzeitlicher Funde, die eindeutig Neandertalern oder modernen Menschen zugeordnet werden können. Dazwischen aber gab es Lagen mit Chatelperronien-Artefakten, die Merkmale von beiden Urhebern trugen.  Folglich entbrannte ein heftiger Streit um ihre Zuordnung, ausgetragen vor allem auf den Feldern Datierung und Stratigraphie, also Zuordnung zu einer bestimmten Schicht im Boden der Höhle. Eine große Zahl neuer Datierungen nach dem jüngsten Stand der Messtechnologie haben jetzt Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig vorgestellt. In den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften stellen sie die Werte von insgesamt 40 Knochenfragmenten vor, 31 aus Schichten, die dem Chatelperronien zugerechnet werden, vier aus dem älteren und eindeutig neandertalerischen Moustérien und fünf aus dem jüngeren und eindeutig modern menschlichen Protoaurignacien. "Aufgrund der Datierungsergebnisse gehen wir davon aus, dass Neandertaler komplexe Knochenwerkzeuge und Schmuck erst produzierten, nachdem moderne Menschen diese neuen Verhaltensweisen in Westeuropa eingeführt hatten", erklärte Jean-Jacques Hublin, Leiter der Institutsabteilung für Humanevolution.

Die Radiokarbondaten der Knochenartefakte aus der Grotte du Renne sowie eines Neandertalerskeletts aus dem westfranzösischen St. Césaire zeigen eine eindeutige und ungestörte Abfolge der drei verschiedenen "Kulturen": Umgerechnet in Kalenderjahre waren die Moustérien-Funde zwischen 47.100 und 44.700 Jahre alt, die Chatelperronien-Stücke zwischen 44.500 und 40.500 Jahre, und die jüngste Phase, das Protoaurignacien kam auf ein kalendarisches Alter zwischen 35.800 und 39.900 Jahren. Der Neandertaler aus dem rund 380 Kilometer entfernten St. Césaire wurde auf ein Alter von 41.300 Kalenderjahre datiert. 


Knochenartefakte der Chatelperonnien-Industrie, die den Neandertalern zugeschrieben wird. (Bild: MPG EVA/Marian Vanhaeren, Francesco d'Errico, Michéle Julien)Mit ihren Datierungen glauben die Eva-Forscher ein Problem mit den Funden aus der Grotte du Renne gelöst zu haben. Die ungestörte zeitliche Folge bietet keinen Hinweis dafür, dass die Schichtenabfolge in der Höhle selbst irgendwann einmal gestört worden sein könnte. Gerade bei relativ dünnen Schichten wie denjenigen, in denen die Chatelperronien-Stücke gefunden wurden, kann es schnell zu Vermischung mit den darüber und darunter liegenden Schichten kommen. Laut Grabungsprotokoll aus der Mitte des 20. Jahrhunderts waren keine Störungen der Abfolge erkennbar gewesen, dennoch hatten Datierungen des Oxforder Radiokarbonlabors vor einiger Zeit Ergebnisse gebracht, die genau diese Störungen nahelegten. Messfehler scheinen auszuscheiden, daher, schreiben die Leipziger in ihrem Aufsatz, rühre dieses Bild wohl weniger von Störungen der Schichtenabfolge als von den Auswahlkriterien der Oxforder her. Diese hatten vor allem Stücke mit Bearbeitungsspuren datiert, die natürlich für Ausgräber und Wissenschaftler die interessantesten Funde sind. Möglicherweise hat die intensivere Untersuchung durch Forscher zu Verunreinigungen geführt.

Mit ihrer klaren Chronologie glauben die Leipziger Wissenschaftler aber auch wichtige Indizien für den Ursprung der Neandertaler-Ornamentik geliefert zu haben. "Moderne Menschen hatten Südfrankreich und Deutschland bereits besiedelt, als die Neandertaler die Chatelperronien-Stücke herstellten", so Hublin, "sehr wahrscheinlich standen die beiden Menschengruppen vor mehr als 40.000 Jahren in kulturellem Austausch."