Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Naturschutz in wandelbarer Zeit

Naturschutz in wandelbarer Zeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:50

Der Klimawandel macht auch nicht vor den Nationalparks halt. Während man vielerorts dabei ist, Schutzzonen für die Natur erst noch einzurichten, muss man sich grundsätzlich Gedanken darüber machen, wie der Zweck der Parks auch in Zukunft erreicht werden kann. Für das Umweltschutzprogramm der Vereinten Nationen UNEP wird diese Aufgabe zunehmend wichtig. Planeterde sprach mit dem neuen UNEP-Exekutivdirektor Achim Steiner darüber.

Frage: Herr Steiner, wie wirkt sich der Klimawandel denn auf die Nationalparks aus?

Steiner: Nehmen Sie einen Nationalpark, der vor 50 Jahren ausgewiesen wurde. Da ist ja mit wissenschaftlichen Kriterien geplant worden, dass dieser Nationalpark in bestimmten Ökosystemen bestimmte Arten enthält. Wenn sich nun die Klimaveränderungen und Veränderungen bei Regenfall und Temperatur weiter fortsetzen, wie wir es im Augenblick mit den Klimawandel-Szenarien erwarten, dann wird natürlich auch die ökologische Grundlage für das Überleben dieser Arten oder dieser Ökosysteme wegbrechen. Wir müssen uns bei den weltweit über 100.000 Nationalparks, die heute offiziell anerkannt sind, das sind fast zwölf Prozent der Erdoberfläche, wir müssen uns da mit ganz neuen Herausforderungen auseinander setzen. Können diese Parks noch da bleiben wo sie sind? Und wenn nicht mehr, wo könnten wir denn Alternativen schaffen, denn mit 6,5 Milliarden Menschen auf unserem Planeten wird es immer schwieriger, Naturschutzgebiete noch auszuweiten.

Frage: Afrikanische Länder sollen schon daran arbeiten!

Steiner: In Ländern wie zum Beispiel Kenia, aber auch in Malawi, Botswana oder Südafrika führen die Nationalparkbehörden bereits Studien durch, inwieweit der zukünftige Klimawandel Konsequenzen für ihre Nationalparks haben. Die sind zum Teil noch im Gange, zum Teil bereits in der ersten Phase abgeschlossen. Auf dieser Grundlage prüft man jetzt, wie weit das Mosaik von Nationalparks, Naturschutzgebieten weiterhin bestehen kann. Das spielt natürlich nicht nur die ökologische Funktion im Sinne des Naturschutzgebietes eine Rolle, sondern auch die Abhängigkeit der Menschen. Kenia ist ein Land, das vom Tourismus abhängt. Sollten auch die Küstenzonen nicht mehr in der Form zur Verfügung stehen wie heute, würde das potentiell weit reichende Konsequenzen für den Tourismus haben, der wiederum über 750 Millionen Dollar jedes Jahr für dieses Land erwirtschaftet. Das ist die Hauptdevisenquelle.

Frage: Welches sind die gefährdetsten Gebiete?

Steiner: Das können wir heute nur schwer prognostizieren, weil es da zu Dominoeffekten kommen kann, die man nur schlecht voraussehen kann. Aber ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Die Gletscher auf dem Mount Kenya und dem Kilimandscharo werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren verschwinden. Das heißt, die ganze Mikroökologie um diese Bergregion herum wird sich grundlegend ändern. Denn das in den Gletschern gespeicherte Wasser wird in der Trockenzeit nicht mehr dem Wasserhaushalt zur Verfügung stehen. Das heißt, Pflanzen werden wahrscheinlich nicht mehr überleben, die sonst überlebt hätten, Tiere werden abwandern, andere werden vielleicht in die Gegend kommen. Es ist ein dynamischer Prozess, der muss nicht immer in einem Katastrophenszenario enden, aber Veränderung ist das Wort, mit dem wir uns am meisten befassen müssen.

Frage: Wird denn die Anpassung der Menschen schwierig?

Steiner: Vermutlich. Die Erde wird eng. Mit dem Klimawandel wird sie nochmals enger für uns, und das Nebeneinander von Zivilisation und Gebieten, in denen eben auch Ökosysteme in ihrer ursprünglichen Form erhalten werden, wird immer schwieriger werden. Auch der Naturschutz wird sich in den nächsten 20 oder 30 Jahren mit grundlegend neuen Modellen der Koexistenz befassen müssen, es wird wahrscheinlich nicht immer darauf hinauslaufen können, dass man Naturschutz mit dem Zaun sozusagen in Verbindung bringt. Menschen raus und Natur rein, das wird oft so nicht mehr funktionieren. Afrika ist da im Grunde ein Kontinent, der mit sehr vielen kreativen und innovativen Ideen versucht, diese Verbindung von menschlichen ökonomischen Interessen und den Prinzipien des Naturschutzes neue Wege zu gehen.

Frage: Wie sieht das mit den Baudenkmälern aus?

Steiner: Die Gefährdung wird immer konkreter. Ich habe schon öfter das Beispiel der Dresdner Semperoper genannt. In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hat es schon zwei Jahrhundertfluten gegeben. Wir erkennen heute in vielen Orten, dass wir das Management von Flusssystemen und auch die Vorbereitung auf Überschwemmungen wieder viel ernster nehmen müssen, weil wir uns mit extremen Vorfällen auseinandersetzen müssen. Der Schutz des Kulturerbes wird durch solche Phänomene, die ja letztlich auch mit den Klimawandel zu tun haben, viel akuter. Bei Überschwemmungen können wir natürlich die Flusssysteme wieder anlegen, die Auen und die Feuchtgebiete, die Überschwemmungsgebiete, die die Natur traditionell genutzt hat. Aber wir haben auch religiöse Stätten, Ruinen, archäologische Stätten, in Thailand, in Ägypten, die zum Beispiel vom Ansteigen des Meeresspiegels betroffen sind. Dort können wir in Zukunft wahrscheinlich nur noch ausgraben und wegtragen. Das ist leider die Konsequenz, die sich im Moment abzeichnet. Wir haben zu verdeutlichen versucht, dass auch an vielen dieser Weltkulturerbestätten ein Überdenken notwendig ist. Und die Unesco mit der Welterbekonvention hat ja inzwischen auch einen Bericht in Auftrag gegeben, der genau diese Frage stellt.

Vielleicht können wir das Beispiel Südafrika noch einmal nehmen. Dort ist das so genannte Cape Floral Kingdom - eines der Zentren für Biodiversität auf unserem Planeten mit einer Vielzahl von Arten, die nur dort vorkommt - auch durch den Klimawandel bedroht. Sollten sich die Regenfälle, oder auch die Verteilung der Regenfälle über das Jahr verändern, werden viele dieser Arten nicht überleben und von unserem Planeten verschwinden. Die Weltnaturschutzunion IUCN veröffentlicht ja jedes Jahr die Rote Liste der bedrohten Arten, und wir haben dieses Jahr bereits 15.000 Arten, Tier und Pflanzenarten dort auf der Liste stehen, Klimawandel wird diese Zahl noch um ein beträchtliches Maß erhöhen.