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Naturschutzikone im Wandel

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 12:03

Die Serengeti ist in aller Welt das Urbild eines Nationalparks. Seit den Tagen von Bernhard Grzimek ist die Serengeti Mythos, steht für einen Traum von Wildnis, von Afrika. Sie ist die Bühne für die letzte große Tierwanderung der Erde, eine Landschaft von atemberaubender Schönheit. In der Sprache der Massai bedeutet der Name „grenzenlose Ebene“. Doch obwohl das Reservat so groß wie Thüringen ist, bekommt es in jüngster Zeit seine Grenzen immer stärker zu spüren. Der Bevölkerungsdruck aus den umliegenden Gebieten steigt ständig, die interne Belastung durch zuletzt 120.000 Touristen pro Jahr ebenfalls. Hinzu kommt noch, dass Klimawandel und die Übernutzung des einzigen Wasser rund ums Jahr führenden Flusses den Bestand des Ökosystems bedrohen.

Der Nationalpark Serengeti ist eigentlich ein Erfolg. Vor 50 Jahren überzeugte Bernhard Grzimek den ersten Präsidenten Tansanias Julius Nyrere vom Wert der Savanne im Norden des jungen Staates. Grzimeks Film „Serengeti darf nicht sterben“ sorgte dafür, dass die Savanne in den Köpfen von Europäern und Amerikanern zum sprichwörtlichen Nationalpark wurde. „Diese Nationalparks werden eine Quelle großer Einnahmen werden durch Tourismus“, erklärte der Naturschützer damals und er behielt recht.


Die Serengeti und die an sie angrenzenden Schutzgebiete wie der Ngorongoro-Krater sind die Hauptattraktion Tansanias, der Tourismus die Hauptdevisenquelle des Landes. Die Besucher sind fasziniert von einem der letzten scheinbar unberührten Ökosysteme der Welt. Hier zieht eine der der letzten großen Tierwanderungen der Erde durch. Seit Jahrmillionen durchstreifen riesige Gnuherden auf der Suche nach frischem Gras die Savanne und werden dabei begleitet von zahlreichen Zebras, verfolgt von Löwen, Hyänen und Leoparden.

 Seronera, klein






Blick in die Serengeti. Foto: Holger Kroker

„Die Gnus beeinflussen alles, von Vegetation, zu den anderen Tieren, zu den Räubern natürlich und die Gnu-Migration, die beeinflusst auch, wie die Leute hier leben. Gnus ändern alles, wenn die Gnus nicht mehr da sind, ist das hier ein anderer Platz“, berichtet der Biologe Markus Borner. Er lebt seit 23 Jahren im Herzen der Serengeti und ist Grzimeks Nachfolger als Repräsentant der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Die Gnus sind nicht nur die Beutetiere für 3000 Löwen und 7000 Hyänen, sie halten auch das Savannengras kurz, so dass die Buschbrandgefahr gering ist. Sie sorgen zudem mit ihrem Dung dafür, dass auf dem unfruchtbaren Boden aus Vulkanasche überhaupt etwas wächst.

Als der Nationalpark in seiner heutigen Form eingerichtet wurde, gab es nicht einmal mehr 100.000 Gnus, heute sind es wieder 1,2 Millionen. Im November, wenn die Regenzeit beginnt, grasen die Gnu-Herden in den Ebenen, wo innerhalb von drei Wochen eine halbe Million Jungtiere zur Welt kommen – zu viele, als dass Löwen und Hyänen sie alle fressen könnten. „Wenn die Jungtiere etwa drei Monate alt sind, hört der Regen auf in der Ebene, das Wasser wird salzig. Und dann ziehen die Gnus gegen Westen, dem Regen nach. Wenn auch dann die Regen aufhören, dann drehen sie um und gehen ganz in den Norden über die Grenze nach Kenia rein und halten sich dann in der Trockenzeit um den Mara-Fluss im Grenzgebiet zwischen Kenia und Tansania auf“, beschreibt Markus Borner den Kreis, in dem die Tiere seit Urzeiten herumziehen.

Touristen, klein

Oft treffen sich zahlreiche Touristenfahrzeuge an einem interessanten Punkt. Foto: Holger Kroker

Das Konzept des Nationalparks ist demnach aufgegangen, doch Markus Borner und seine Mitarbeitern von der ZGF glauben, dass es sich ändern muss, um das Ökosystem auch in den kommenden 50 Jahren zu bewahren. „Wenn wir uns mit unseren Bemühungen um den Naturschutz nur auf die Tiere konzentrieren, die im Nationalpark leben, werden wir die Wanderwege für die Gnu-Migration verlieren und damit die ganze Wanderung. Um am Ende nicht mit leeren Händen dazustehen, müssen wir die umliegenden Gemeinden in den Naturschutz einbeziehen“, erklärt Yannick Ndoinyo, Community Conservation Officer bei der ZGF. Er und seine Kollegen sollen die Menschen, die rings um den Nationalpark wohnen, für den Naturschutz gewinnen. Vor 50 Jahren ließ sich der noch sozusagen ohne Menschen betreiben. Denn damals wohnten nur wenige Tausend Menschen um den Nationalpark herum, inzwischen sind es gut zwei Millionen geworden. Sie kann man nicht mehr ignorieren. Borner: „Wir müssen heute wirklich daran denken: Wie können wir die Leute auch als Teil des Ökosystems behandeln und nicht nur als unerwünschte Fremdkörper.“

Denn ohne Beteiligung der Bevölkerung wird eines der letzten Paradiese der Erde keine lange Überlebensspanne mehr haben. Der Klimawandel wird die Knappheit des ohnehin nicht üppig fließenden Wassers verschärfen und damit den Konkurrenzkampf um das kostbare Gut. In diesem Wettbewerb könnten die Wildtiere unter die Räder kommen, deshalb brauchen die Zoologen der ZGF und der Nationalparkverwaltung die Unterstützung der Nachbarn. Allerdings hat der Nationalpark ihnen auch einiges zu bieten, so dass Borner im Grunde optimistisch in die Zukunft blickt: „Heute hat die Serengeti einen so irrsinnigen materiellen Wert, dass das auch eine gewisse Garantie ist, dass man die Serengeti erhält in der Zukunft.“

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