Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Neandertaler-Genom zu 60 Prozent fertig

Neandertaler-Genom zu 60 Prozent fertig

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:07

Die Erbgutkarte einer zweiten Menschenart ist zu großen Teilen erstellt. Das Neandertal-Genom-Team am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig stellte gestern einen Erbgut-Entwurf vor, der das Genom des vor rund 30.000 Jahren ausgestorbenen Eiszeitmenschen zu immerhin 60 Prozent dokumentiert.

Vindija-HöhleRund ein halbes Gramm Knochen- und Erbgutpulver  von drei Proben aus der kroatischen Fundstätte Vindija lieferten das Material. Verglichen mit dem in mehrfachen Varianten vorliegenden Genom des modernen Menschen ist das des Neandertaler dürftig. Allerdings war selbst dieser Stand vor wenigen Jahren noch utopisch erschienen. Einen Neandertaler-Klon schloss Projektleiter Svante Pääbo mit derzeitigen Methoden gleichwohl aus.

Ein Vergleich mit anderen Neandertalerfunden aus Mitteleuropa und Spanien ist geplant, aber noch sind die DNA-Funde aus diesen Skeletten nicht umfangreich genug. Inhaltliche Aussagen zu dem vorgestellten Genom machten die beteiligten Forscher auf der Pressekonferenz kaum, um Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften nicht zu gefährden. Allerdings besaß der Neandertaler das „Sprachgen“ FoxP2 in derselben Version, in der wir es besitzen. „Es gibt demnach in dieser Hinsicht keinen Grund zu glauben, dass sie nicht fähig zu sprechen gewesen sind“, erklärte Pääbo, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut. Ob sie tatsächlich sprachen, kann der Blick auf die Gene allerdings nicht klären - insofern bleibt diese Frage wohl ewig ungeklärt.

Reinraum-ArbeitDie Frage, die offenbar nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Forscher am meisten interessiert, ist die nach dem Austausch zwischen unterschiedlichen Menschenarten. Pääbo wiederholte seine bisherigen Äußerungen über den Beitrag der Neandertaler zum Genpool des modernen Menschen: „Er ist gering, wenn überhaupt vorhanden, wir werden in den kommenden Monaten eine Zahl angeben können.“ Immerhin ergab ein Blick auf das Microcephalin-Gen und das Chromosom 17 keinerlei engere Beziehung zum modernen Menschen. Eine bestimmte Variante des Microcephalin-Gens und eine Vertauschung der Basenpaarsequenz auf Chromosom 17 wurden bislang als Neandertaler-Erbe im europäischen Genpool angesehen. Zumindest die kroatischen Neandertaler wiesen aber genau diese Zeichen nicht auf.

Für Svante Pääbo scheint daher diese Frage weitgehend erledigt zu sein. Sein Interesse richtet der Paläogenetiker daher auf zwei andere Fragen. „Genaustausch ist immer eine Zweibahnstraße“, betonte er auf der Pressekonferenz, „und die Frage, wie viel moderne Menschen zum Neandertaler-Genom beitrugen, ist noch völlig offen.“ In Leipzig werden beide Genome bereits unter diesem Aspekt durchgesehen, auch wenn Pääbo darauf hinweist, dass das vorliegende Neandertalergenom nicht repräsentativ für die gesamte Population des Eiszeitmenschen ist.

Neandertalergenom-TeamParallel suchen der Max-Planck-Direktor und sein Team nach Hinweisen auf eine Vermischung des Neandertalers mit den Urmenschen, die vor ihm Europa besiedelten. „Wir suchen nach ungewöhnlich alten Unterschieden im Genom, die uns eine Vermischung zwischen einwandernden Neandertalern und ansässigen Urmenschen anzeigen“, so Pääbo. Aussagen dazu werden allerdings auf sich warten lassen, denn die genetischen Befunde müssen dazu erst mit Bevölkerungsmodellen gekoppelt werden, mit denen man die Neandertaler-Kolonisierung Europas und die Verdrängung der ansässigen Bevölkerung nachvollziehen kann.

Pääbo und NeandertalerAuf jeden Fall wissen die Forscher inzwischen, dass der Neandertaler eine vergleichbare Populationsgeschichte wie der moderne Mensch hinter sich hat. Genauso wie wir erlitt die Neandertalerbevölkerung im Zuge ihrer Einwanderung offenbar mehrere Katastrophen, die sie an den Rand der Existenz brachten. „Wir haben inzwischen die Mitochondrien-DNA von sechs verschiedenen Neandertalern“, so Pääbo, „und die zeigt uns eine vergleichbar geringe Variationsbreite.“ Wenige Varianten in diesem nur von der Mutter auf die Kinder vererbten Erbgut sind Hinweise darauf, dass sich die Population drastisch verringerte und nach diesem Einschnitt wieder ausdehnte. Üblicherweise werden Naturkatastrophen als Ursache angenommen, die einen Großteil der Bevölkerung töteten und nur wenige überleben ließen. Genetische Informationen wie diese werden in den kommenden Jahren unser Bild vom Neandertaler vervollständigen. Einen Ersatz für die traditionellen Methoden von Paläontologie und Archäologie stellen sie allerdings nicht dar.

Verweise
Bild(er)