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Neuer Schlagabtausch im „Hobbitkrieg“

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:59

Seit dem Mai 2003 hat die Anthropologenszene Anlass zu ausgiebigem Streit und nützt die Gelegenheit mit Inbrunst. Der „homo floresiensis“, auch Hobbit genannt, erregt die Gelehrtengemüter wie vermutlich kein Fund seit der Entdeckung des Neandertalers vor gut 150 Jahren. Haben die Entdecker Recht, hüpfte bis vor 17.000 Jahren eine winzige zweite Menschenart neben uns modernen Menschen über die indonesische Insel Flores. Kritiker jedoch vermuten, dass es sich nur um normale Menschen mit merkwürdigen Krankheiten handelt. In eine neue Runde ging der Streit in diesem Monat.

Für den südafrikanischen Paläoanthropologen Lee Berger von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg sollte es eigentlich ein Erholungsurlaub in der Südsee werden –Kajakfahren mit der Familie, fernab von der Großstadt und fernab von irgendwelchen Höhlen mit vor- und frühmenschlichen Überresten. Seine Frau soll den mikronesischen Archipel Palau gerade deswegen ausgesucht haben. „Doch auf einer Kajakfahrt zeigte mir unser Führer eine Höhle mit ‚alten Knochen’ darin“, erzählt der Paläoanthropologe. Um den Urlaub war es dann wohl mehr oder weniger geschehen, „denn“, fährt Berger fort, „als er mich in die Höhle führte, war da dieses wundervolle kleine Gesicht“.

Palau-FossilDieses Gesicht hat den Südafrikaner mitten in den heftigsten Anthropologenstreit der vergangenen Jahre geführt. Denn Lee Berger hat dieses Gesicht und die Überreste von 25 weiteren Individuen, die er in der Höhle auf dem palauanischen Eiland Orrak entdeckte, in einem vorläufigen Bericht in der Zeitschrift „PLoS One“ winzig kleinen Menschen zugeschrieben. „Es handelt sich um Inselverzwergung, weil die Menschen auf einer Insel mit begrenzten Ressourcen lebten“, erklärt der Wissenschaftler. Diese Winzlinge sollen zwischen 1000 vor und 1000 nach Christus auf dem Inselchen gelebt haben und sind kleiner als selbst die kleinsten Pygmäen, ähneln dem Hobbit von Flores aber in punkto Größe und einigen anderen Merkmalen.

Doch nach Bergers Erkenntnissen sind die Skelette von Palau eben nicht von einer separaten Menschenart, sondern stammen winzig kleinen Artgenossen von uns modernen Menschen. In seinem Beitrag wertet Berger daher seine Funde als Hinweis darauf, dass der Hobbit möglicherweise auch nur ein merkwürdig veränderter moderner Mensch ist. „Wenn man bei unseren Funden alle Merkmale, die wir bisher kennen, zusammenwirft, sieht man kleine Menschen“, betont Berger, „die aber viele Merkmale aufweisen, die als einzigartig für den Hobbit angesehen werden.“ Was jedoch das winzige Gehirn angeht, das als eines der wichtigsten Merkmale des Hobbits gilt, können Berger und seine Kollegen nichts sagen. Denn die Hirnschalen der Schädel von Orrak sind noch nicht freigelegt.

Hobbit mit Peter BrownDie australischen Entdecker haben Bergers Aussagen denn auch umgehend zurückgewiesen. „Er hat nette, kleine, kürzlich umgekommene, moderne Pygmäen gefunden“, erklärt Bert Roberts von der Universität Wollongong, „aber ich sehe nicht, wie das den Status von Homo floresiensis ändert, der nicht wie wir aussieht.“ Der Archäologe Scott Fitzpatrick von der North Carolina State University, der seit Jahren auf den palauanischen Inseln gräbt, ist erstaunt, denn er hat bislang keine Spur von den kleinen Menschen gefunden: „Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn es eine eigenständige Gruppe von sehr kleinen Menschen gäbe, die in direkter Nachbarschaft neben anderen Populationen in Palau leben.“ Er hält Inselverzwergung für unwahrscheinlich, „denn Palau gehört zu den ökologisch vielfältigsten Gegenden im Pazifik“. Möglicherweise seien die Skelette von Jugendlichen gewesen, oder die Höhle die Begräbnisstätte eines Clan, dessen Mitglieder kleiner als der Durchschnitt gewesen seien. Auch der Schweizer Anthropologe Christoph Zollikofer von der Universität Zürich ist skeptisch: „Die Analysen sind noch sehr oberflächlich und solange man die Hirnschale nicht hat, wäre ich sehr vorsichtig.“

Denselben Ratschlag hat Zollikofer für Wissenschaftler um Peter Oberndorf von der RMIT-Universität in Melbourne, den Hauptautor der zweiten Veröffentlichung zum Hobbit innerhalb dieses Monats. Die Forscher erklären in den Abhandlungen der britischen Royal Society, die Überreste des Homo floresiensis wiesen Anzeichen für Kretinismus auf, eine Entwicklungsstörung während der Schwangerschaft, die unter anderem auf Jodmangel zurückzuführen ist. Dafür spräche, so die Autoren, die geringe Größe der Fossilien und eine vergrößerte Hypophyse. Die Diagnose gründet das Team allerdings ausschließlich auf die Auswertung von Fotografien und anderen öffentlich zugänglichen Informationen. Den Originalschädel aus Flores konnten die Wissenschaftler nicht untersuchen, der ist seit Jahren in Indonesien unter Verschluss. Insbesondere der Hinweis auf die vergrößerte Hypophyse stößt deshalb auf die Skepsis des Schweizers: „Die Region, um die es geht, ist mit Sediment gefüllt, das im Rechner virtuell entfernt worden ist. Und dabei hat man wohl etwas zuviel weggenommen, so dass es pathologisch aussieht.“ Ebenso wie die bisher von Skeptikern bevorzugte Vermutung, der Homo floresiensis sei in Wahrheit ein an Mikrozephalie leidender moderner Mensch gewesen, hat deshalb auch die Kretinismus-Hypothese viel Kritik hervorgerufen.

HobbitschädelJüngster Beitrag in der Diskussion um den Hobbit ist dagegen wieder ein Argument für die separate Art Homo floresiensis. In den Abhandlungen der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften berichten Wissenschaftler der George-Washington-Universität in Washington, D.C., über statistische Vergleiche der Schädel von modernen Menschen, ausgestorbenen Hominiden und dem Hobbit. Dabei ähnelte der Hobbitschädel am ehesten den 1,7 Millionen Jahre alten Schädeln der Frühmenschenart Homo erectus. Die letzten uns bekannten Vertreter dieser Art starben vor rund 200.000 Jahren aus. Bei einer zweiten Auswertung suchten die Wissenschaftler nach dem Schädel, der dem Hobbitschädel am ähnlichsten sah, wenn man ihn auf dessen winzige Dimensionen reduzierte. Dabei kam der Homo habilis heraus, das früheste Mitglied der Gattung Mensch. „Das legt nahe, dass wir tatsächlich eine Menschenlinie haben, die sich vor rund 1,7 Millionen Jahren von der unseren abspaltete und trotzdem bis vor 17.000 Jahren fortbestand“, erklärt Hauptautor Adam Gordon gegenüber der Wissenschaftszeitschrift „Science“.

Wirklich zufrieden ist Zollikofer allerdings auch mit Gordons Arbeit nicht, denn in dem Vergleich wurden zwar über 2500 Schädel von modernen Menschen berücksichtigt, aber keiner von ihnen litt an Mikrozephalie. Der Kritisierte entgegnet, dass es von Mikrozephalen die für die Studie nötigen Daten nicht gäbe. Ein wirklicher Entscheidungsschlag im, wie es bisweilen heißt, Hobbitkrieg, ist daher auch diese Studie nicht. „Die Geschichte ist schwierig“, meint Christoph Zollikofer, „weil niemand die echten Fossilien ansehen kann.“ Und schwierig wird die Frage nach der dritten Menschenart aus Indonesien wohl auch weiterhin bleiben.

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