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Ohne Frack auf Tauchgang

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 07.10.2010 08:30

Im rötlichbraun-grauen Arbeitskittel und nicht im edlen Frack wie ihre heutigen Kollegen haben sich die bislang größten Pinguine der Erdgeschichte in die Fluten des Pazifik gestürzt. Paläontologen aus den USA, Peru und Frankreich haben im Nationalpark Paracas im Süden des Landes die fossilen Überreste eines 1,50 großen Pinguins aus dem späten Eozän gefunden. Aus den ebenfalls erhaltenen Federn leiteten die Forscher ab, dass Inkayacu paracasensis, der Wasserkönig von Paracas, eben noch nicht das charakteristische Schwarz-Weiß-Federkleid der heutigen Pinguine hatte.

Flinker TaucherInkayacu war keineswegs der einzige Riesenpinguin. Auf der Südhalbkugel haben im Eozän eine ganze Reihe von vergleichbaren Arten gelebt, von denen aber keine eine Entwicklungslinie bis in die Gegenwart etablieren konnte. Der rund 60 Kilo schwere Inkayacu hatte bereits die für das "Unterwasserfliegen" optimierten Federn, Flügel und Hinterbeine, die die heutigen Pinguine zu pfeilschnellen Jägern im Ozean macht. Die Umgestaltung speziell von Flügeln und Federn ist ein langer Prozess, daher vermuten die Forscher um Julia Clarke von der Universität Texas in Austin, dass dieser schon sehr früh im Tertiär begonnen hat. "Das ist vor mehr als 60 Millionen Jahren passiert", erklärt die Paläontologin, "also nicht als Anpassung an die beginnenden Eiszeiten, wie wir gedacht haben, sondern es passierte in einer sehr warmen Welt ohne Eis."

Riesenpinguin SchädelAuch der peruanische Wasserkönig war kein Vogel, der in kalten Gewässern jagte. Das Eozän war eine Periode relativ hoher Temperaturen, in der sich auch das Temperaturmaximum der vergangenen 300 Millionen Jahre ereignete, das gegenwärtige System der weltumspannenden Meeresströmungen war auch noch nicht aktiv, weil sich der Zirkumpolarstrom um die Antarktis noch nicht gebildet hatte. Folglich waren die Ozeane gerade in den Tropen und Subtropen warm. Allerdings sanken auch in dieser Treibhauswelt die Temperaturen, nachdem vor rund 50 Millionen Jahren der Kulminationspunkt erreicht worden war, langsam und stetig. An der Wende zum Oligozän fiel das Thermometer dann noch einmal rasant und die Erde trat in ihre erste Eiszeit seit mehr als 300 Millionen Jahren ein. All dies hat Inkayacu nicht mehr mitbekommen, und deshalb stellt er die derzeitige Auffassung der Pinguin-Entwicklung in Frage. Denn seine Spezialisierung kann nicht die Reaktion auf ein Eiszeitklima sein, das erst rund fünf Millionen Jahre später einsetzte.

Inkayacu paracasensisDer größte Unterschied zwischen dem Riesenpinguin und seinen heutigen Vettern liegt in deren Federfarbe. Die Pigmente in den Inkayacu-Federn sind völlig anders als die heutiger Pinguine, sie gleichen viel eher denen anderer Vögel. Bei den Pinguinen sind die Melanosome, die Einheiten, die diese Pigmentkörner beinhalten, viel größer. Diese großen Melanome verändern die Mikrostruktur der Federn und machen sie widerstandsfähiger gegenüber Beanspruchungen.

Julia Clarke bei der ArbeitNach Clarkes Ansicht könnte die ungewöhnliche Farbe der Federn einen Hinweis auf den Grund für das Aussterben der Riesenpinguine liefern: "Vielleicht hängt es auch ganz einfach damit zusammen, dass am Ende des Eozäns die größten Feinde der modernen Pinguine auftauchten, die Robben." Gegenüber diesen ebenfalls extrem guten Schwimmern könnten die widerstandsfähigeren Federn der modernen Pinguine den entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil gebracht haben. Der heute klassische Frack könnte überdies eine bessere Tarnung geboten haben als das einheitliche Grau-Rotbraun. Ein schwimmender Pinguin hebt sich weder von oben noch von unten groß gegen den Hintergrund ab. Die weiße "Hemdbrust" läßt ihn mit der hellen Meeresoberfläche verschmelzen, der dunkle Frack verschmilzt mit dem Dunkel der Tiefsee.

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