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Panzerfisch mit "Biss"

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.10.2013 08:54

Aus China wird erneut ein Fund berichtet, der unser Bild von der Entwicklung des Lebens modifiziert. In "Nature" berichten Paläontologen um Min Zhu, Professor am Institut für Wirbeltierpaläontologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, von einem silurischen Panzerfisch, der Kieferknochen hat, wie sie für Knochenfisch und alle Landwirbeltiere typisch sind.

Künstlerische Darstellung eines Entelognathus in silurischen Gewässern vor rund 419 Mio. Jahren. (Bild: Nature/Brian Choo)Ein mittelgroßer unscheinbarer Fisch wirbelt unsere Vorstellung von der Entwicklung der frühen Wirbeltiere gehörig durcheinander. "Bislang schien klar, dass Knochenfische moderner als Knorpelfische waren", sagt Per Ahlberg, Fischpaläontologe an der schwedischen Universität Uppsala, "aber mit dem Fund dieses neuen Fossils scheint es genau umgekehrt zu sein." Dieser Entelognathus primordialis ist 419 Millionen Jahre alt, stammt also aus dem oberen Silur und ist weder Knochen- noch Knorpelfisch, sondern steht verwandtschaftlich wohl in der Nähe der Panzerfische, einer weit urtümlicheren Gruppe, die am Ende des Devon ausstarb. "Er ist keine atemberaubende Erscheinung, vielleicht 20 bis 30 Zentimeter groß, mit knubbeligem Kopf und ein wohl eher langsamer Jäger von bodenlebenden Würmern", beschreibt Ahlberg den in der südwestlichen chinesischen Provinz Yünnan gefundenen Fisch.

Komplettansicht eines Entelognathus primordialis, eines silurischen Fischs mit Kieferknochen. (Bild: Nature/Brian Choo)Entelognathus erscheint wenig spektakulär, aber nur auf den ersten Blick. Bei näherer Analyse entdeckten die Paläontologen, dass dieser Fisch einen Kiefer besaß, der aus einem ganzen Sortiment von Knochen bestand und nicht solche aus Knorpeln wie Rochen oder Haie. "Dieses bemerkenswerte Fossil zeigt Strukturen, die wir bislang als Alleinstellungsmerkmale von Knochenfischen und allen höheren Wirbeltieren ansahen", meint Matt Friedman, Paläobiologe an der Universität Oxford, "und das legt nahe, dass Knorpelfische viele der Knochen, die Knochenfische noch haben, tatsächlich im Laufe der Entwicklung wieder verloren haben, also alles andere als primitiv sind."

Kieferknochen von Entelognathus primordialis. (Bild: Nature/Min Zhu)Entelognathus ist nicht der Stammvater von Knochen- und Knorpelfischen. Aber er sitzt auf dem Baum des Lebens eindeutig auf einem niedrigeren Ast als der letzte gemeinsame Vorfahr dieser beiden noch heute lebenden Fischgruppen. Und er zeigt, dass Kiefer- und andere Knochen keineswegs eine Neuentwicklung der Knochenfische und aller Landwirbeltiere sind, sondern früher, nämlich bereits im Umfeld der Panzerfische angelegt waren. "Die Kieferknochen stimmen so hervorragend überein, dass man einen direkten Vergleich zwischen Entelognathus und den Knochenfischen ziehen kann", so Per Ahlberg. Genau dieser Vergleich und damit die Verbindungslinie zwischen einem Panzer- und einem Knochenfisch war bislang nicht möglich, weil die bekannten Panzerfischfossilien vollkommen anders aufgebaute Kiefer besaßen. "All diese Fossilien haben auch Kiefer, aber es sind nur die inneren, nicht die obenliegenden Strukturen, auf denen später Zähne zum Beißen und Kauen sitzen werden", so Per Ahlberg, "und sie sind knorpelig nicht knochig."

Entelognathus ist also nicht der Erfinder der Kieferknochen, aber der erste Vertreter mit der Knochenanordnung, die später zum Beißen und Kauen befähigte. Und dass nicht allein die Kieferknochen "Biss" verleihen, beweisen die rund 400 modernen Haiarten, von denen viele die Spitze der Nahrungskette einnehmen. Der Weiße Hai hat nach einer Untersuchung der australischen Universität von New South Wales sogar die größte Beißkraft im Tierreich. Knorpelig heißt demnach noch lange nicht weich.