25. Apr. 2017

Am 22. Dezember 2014, leuchteten über dem dämmrigen Oslo urplötzlich Perlmuttwolken auf.

Der expressionistische Maler Edvard Munch ist vor allem durch sein Gemälde "Der Schrei" weltbekannt geworden. Die zahllosen Nachahmer wurden von der Person angeregt, die sich im Vordergrund angstvoll die Ohren zuhält. Geowissenschaftler dagegen achteten auf den Hintergrund und versuchten zu ergründen, welches Naturphänomen den norwegischen Maler zu der ausdrucksstarken Himmelsdarstellung veranlasst haben könnte. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien warteten Meteorologen aus Oslo jetzt mit einer überraschenden Hypothese auf.

Am 22. Dezember 2014, eine gute halbe Stunde nach Sonnenuntergang, flammte der Himmel über Oslo urplötzlich wieder auf und schillerte in den buntesten Farben. Nach wenigen Minuten war das Spektakel vorbei und die frühe Winternacht brach ein. "Der Himmel zeigt in diesen Fällen das komplette Spektrum des Regenbogens", beschreibt die Meteorologin Helene Muri von der Universität Oslo das seltene Ereignis, wenn die untergehende Sonne sogenannte Perlmuttwolken illuminiert.

Perlmuttwolken bestehen aus Eiskristallen, die sich im mittleren Atmosphärenstockwerk, in der Stratosphäre, bilden. Sie kommen vor allem in den Hohen Breiten der Polarkreise vor, weil die Stratosphäre besonders kalt sein muss. Solche Bedingungen gibt es nur sehr selten in gemäßigteren Breiten wie Südnorwegen. Deshalb schafften es die Perlmuttwolken am 22. Dezember 2014 bis in die Hauptnachrichten und sorgten auf dem Autobahnring der norwegischen Hauptstadt für stockenden Verkehr, weil sich die Autofahrer den Hals verrenkten.

Noch stärker haben Perlmuttwolken offenbar Edvard Munch, den berühmtesten norwegischen Maler, beeindruckt. "Die Sonne sank, ich fühlte es wie einen Hauch Traurigkeit, der Himmel wurde plötzlich blutrot. Ich blieb stehen, gegen einen Zaun gelehnt und zum Sterben müde - und sah die flammenden Wolken über der Stadt, wie Blut und Schwerter", dichtete er in sein Tagebuch. Wann genau der Künstler diesen Sonnenuntergang sah, hat er nicht festgehalten, das Gedicht findet sich allerdings in den Tagebüchern der Jahre 1890 bis 1892. Das Ereignis veranlasste Munch nach Auskunft seines Freundes Christian Skredsvig zu "Der Schrei", dem wohl bekanntesten expressionistischen Bild der Kunstgeschichte. Der Maler selbst schuf gleich vier Versionen in Öl und eine Lithographie, die Zahl der Nachahmer ist ungezählt.

Perlmuttwolke am Himmel über Oslo, aufgenommen am 22. Dezember 2014 um 16:05 Uhr, kurz bevor das Schauspiel endet.
Bold: Svein M. Fikke
Edvard Munch: Der Schrei von 1893.
Bild: Nasjonalmuseet/ Børre Hørstland/CC BY-NC 4.0
Den Blick vom Ekeberg auf Oslo und den Fjord wählte Edvard Munch für sein berühmtes Gemälde |dq|Der Schrei|dq|.
Bild: Gunn Kristin Tjoflot

Was Munch genau in Gedicht und Gemälde verarbeitete, beschäftigt Wissenschaftler bereits seit Jahren. Psychologen sehen darin eine Spiegelung von Munchs Seelenzustand ohne speziellen äußeren Anlass. Geowissenschaftler sind sich da nicht so sicher und suchen daher nach meteorologischen Erklärungen. Derzeitiger Favorit ist ein Zusammenhang mit dem explosiven Ausbruch der indonesischen Vulkaninsel Krakatau am 27. August 1883. Dass Vulkanaerosole um die Welt wandern und auch den Einfall des Sonnenlichtes verändern, ist weithin bekannt. Nach dem Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen 1991 gab es zum Beispiel in Europa eine Serie von außerordentlich farbigen Sonnenuntergängen. "Aber eine Aerosol-Schicht, die die ganze Welt einhüllt, würde eben kein derart abruptes Einzelerlebnis erzeugen, sondern ein allgemeine Änderung in der Färbung", betont Muri.

"Unsere Hypothese ist daher, dass der gewellte rote Himmel im Hintergrund Perlmuttwolken sind", sagt die junge Meteorologin. Die Perlmuttwolken sind notorisch für ihre abrupt beginnenden Lichtspiele, die nach relativ kurzer Zeit wieder verlöschen. Das liegt an ihrer Position in der Erdatmosphäre. Lange nachdem das Sonnenlicht in der Troposphäre, unserer unmittelbaren Lufthülle, verloschen ist, kann es die darüberliegende Stratosphäre noch erreichen. "Es beleuchtet die Wolken von der Unterseite, die winzigen Eispartikel brechen das Licht und sorgen für die farbigen und gewellten Erscheinungen, die man dann am Erdboden sehen kann", so Muri.

Allerdings gibt es in der Stratosphäre in der Regel nicht genügend Partikel, die das Licht reflektieren können. Damit sich Perlmuttwolken bilden können, muss also noch eine weitere Bedingung erfüllt werden: Durch meteorologische Besonderheiten muss Wasserdampf in die Stratosphäre eindringen, dort zu winzigen Eiskristallen gefrieren und Wolken bilden. "Man braucht dazu ein Gebirge, das feuchte Troposphären-Luft nach oben lenkt, so dass man auf der windabgewandten Seite die Wolken sehen kann", erklärt Helene Muri.

Solche Gebirgszüge gibt es im bergigen Norwegen natürlich auch am Oslofjord, wo sie dem vornehmlich aus Westen kommenden Winden im Weg stehen. Munch soll sein Erlebnis auf dem Ekeberg gehabt haben, einem relativ flachen Hügel im Osten des Oslofjordes, von dem man in Westrichtung über Stadt und Fjord blickt.