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Produktive Stadt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 11:54

Atlantis gibt es doch. 3700 Kilometer vor Florida ragen im Atlantik Wolkenkratzer bis zu 60 Meter über den Meeresboden empor. Es gibt schlanke Türme und gedrungene Kuppeln, alles gebaut aus feinstem Kalk und über und über mit Filialen und Spitzen bedeckt – fast so wie die Kathedralen der französischen Hochgotik. Doch die, wie ihre Entdecker sie tauften, „Verlorene Stadt“ am Abhang des Atlantis-Massiv wird nur von Mikroben bewohnt. Sie ist das Produkt einer einzigartigen Konstellation am Meeresgrund, die allerdings in der Frühzeit der Erde wesentlich häufiger gewesen sein dürfte und möglicherweise die Grundbausteine des Lebens produzierte.

„Das Atlantis-Massiv ist ein 4000 Meter hoher Berg am Meeresgrund,  1,5 Millionen Jahre alt und ohne magmatische Hitzequelle“, erzählt Giora Proskurowski, der an der Universität von Washington in Seattle seine Doktorarbeit über die verlorene Stadt „Lost City“ geschrieben hat und seine Forschungen jetzt an der US-Ostküste an der Woods Hole Institution for Oceanography in Massachusetts fortsetzt. Doch auch ohne Energienachschub aus dem Erdinneren tritt in der Verlorenen Stadt heißes, mit Gas beladenes Wasser aus. Allerdings erreicht es nicht Temperaturen von 400 Grad und mehr, wie bei den Schwarzen Rauchern, sondern moderate 90 Grad. „Dabei schlagen sich diese weißen Karbonate nieder“, erklärt Deborah Kelley, Professorin für Ozeanographie in Seattle und Entdeckerin der verlorenen Stadt, „und die haben in den vergangenen 40.000 Jahren Strukturen aufgebaut, die bis zu 60 Meter hoch sind.“

Lost City mit Fisch








Ein Wrackbarsch inspiziert die verlorene Stadt. Foto: UW, IFE, URI-IAO, NOAA

Bewohnt sind die gewaltigen Türme nicht und auch verglichen mit den anderen Lebensgemeinschaften, die sich um andere heiße Quellen am Meeresboden gebildet haben, ist Lost City unspektakulär. Hier gibt es keine Felder von Bartwürmern, wie sie dicht an dicht in gehörigem Abstand zu Schwarzen Rauchern leben, es gibt auch keine Felder von großen weißen Muscheln, oder zahllose große rote Krabben, die übereinander krabbeln. „Es gibt nur Einzeller und durchscheinende Krebschen“, erzählt Deborah Kelley. Ein Wunder ist das nicht, denn anders als die Schwarzen Raucher geben die warmen Quellen von Lost City keinen Schwefelwasserstoff von sich, sondern nur Kohlendioxid, das dann allerdings durch verschiedene Reaktionen in die unterschiedlichsten Stoffe verwandelt wird.

„Wir sehen, dass große Mengen Methan und andere niedermolekulare Kohlenwasserstoffe wie Ethylen, Propan oder Butan entstehen“, erklärt Giora Proskurowski. Normalerweise sind es Organismen, die die Kohlenwasserstoffe produzieren, doch in Lost City ist es das Fischer-Tropsch-Verfahren, das auch großtechnisch zur künstlichen Herstellung von Kohlenwasserstoffen genutzt wird, „eine komplexe Abfolge von chemischen Reaktionen, bei denen bestimmte Metalle als Katalysatoren wirken“, so Proskurowski. Aus den Ausgangsstoffen Kohlendi- oder monoxid werden so die Kohlenwasserstoffe aufgebaut.

Diese Reaktion fasziniert die Geologen, denn sie hilft vielleicht bei der Beantwortung einer alten Frage helfen, nämlich der, wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Kohlenwasserstoffe gehören zu den wichtigsten Bausteinen in der Biologie – und wenn der Sprung von der organischen Chemie zum Leben irgendwie gelingen soll, müssen sie in ausreichender Konzentration vorhanden sein. Genau das ist in Lost City der Fall. Proskurowski: „Eine Menge Leute glauben, dass das Leben an den Black Smokern entstanden sein könnte. Aber eine Umwelt wie Lost City wäre wohl noch besser geeignet, denn dort entstehen nicht nur die Kohlenwasserstoffe in hoher Konzentration, sondern auch andere wichtige Verbindungen wie Ameisensäure, Essigsäure oder Acetate.“ Dann müssten allerdings die Verlorenen Städte damals wesentlich häufiger als heute gewesen sein. Dass dem tatsächlich so war, das verraten uns die Steine aus dieser Zeit. Gut möglich also, dass es in einer „Vergessenen Stadt“ war, als das Leben auf der Erde begann.

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