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Provokative Thesen um bedeutenden Vormenschenfund

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.09.2011 08:50

Der streitlustigen Zunft der Paläoanthropologen geht der Stoff für Auseinandersetzungen nicht aus. Die Erkenntnisse über den Vormenschen Australopithecus sediba, die eine große Arbeitsgruppe um Lee Berger, Professor an der Universität Witwatersrand, jetzt in "Science" veröffentlichte, dürfte die Wellen im ohnehin schon turbulenten Becken der Wissenschaft hochschlagen lassen.

Australopithecus sedibaEs geht um den jüngsten Spross am immer dichter wuchernden Stammbaum des Menschen, Australopithecus sediba, den Berger im vergangenen Jahr vorstellte. Die 1,98 Millionen Jahre alten Überreste stammen aus den Höhlen von Malapa, die in der von den Südafrikanern so genannten Wiege der Menschheit liegen, dem Gebiet um Sterkfontein im Nordwesten des Ballungsraums Johannesburg.

Hirnabformung von A. sedibaWie der Name schon sagt, gehört A. sediba zur Gattung der Vormenschen, deren bekannteste Vertreterin Australopithecus afarensis aus Äthiopien, die berühmte Lucy, ist. Nach Lee Berger wird es bei der Zuordnung des südafrikanischen Vertreters auch bleiben, aber die Fossilien zeigen einige bedeutende Anklänge an unsere eigene Gattung Homo. So zeigt der Abguss der Hirnschale, dass das Sediba-Gehirn schon zu der Differenzierung in linke und rechte Gehirnhälfte ansetzte, wie sie für menschliche Gehirne typisch ist. Dabei blieb es aber mit 420 Kubikzentimeter Volumen in dem bescheidenen Rahmen, der wiederum für die Australopithecinen typisch ist. 

Beckenknochen von A. sedibaAuch anatomisch ist A. sediba ein Mischling. Statur und Größe sind eindeutig australophithecin, das Becken des älteren, weiblichen Fossils dagegen viel eher menschlich, weil mit breiterer Öffnung. Bislang hatte man die breite Beckenöffnung der Homo-Weibchen hauptsächlich damit erklärt, dass ja anderenfalls der große Kopf des Kindes bei der Geburt steckenbleibe. Doch die sediba-Kinder hatten gar keine großen Köpfe.  Berger meint daher, dass das weibliche Becken beim Menschen eher durch den aufrechten Gang als durch die Notwendigkeiten der Geburt geformt worden sei. 

Handvergleich zwischen H. sapiens und A. sedibaDas erstaunlichste ist aber die Hand von A. sediba, die älteste und vollständigste eines Homininen überhaupt. “Verglichen mit der Hand von Homo habilis verfügt sie über die besseren Voraussetzungen zur Werkzeugherstellung", erklärt die kanadische Paläoanthropologin Tracy Kivell, die am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeitet. Der südafrikanische Vormensch böte damit den wahrscheinlicheren Ausgangspunkt für die Evolution der Hand als der gleichzeitige Frühmensch aus Ostafrika. "Alles in allem schlussfolgern wir", so Kivell, "dass A. sediba seine Hände noch zur Fortbewegung in den Bäumen verwendete, gleichzeitig aber schon zu menschenähnlichen Präzisionsgriffen fähig war."

Lee Berger und A. sedibaDie Paläoanthropologen stehen vor einer ziemlichen Herausforderung, denn A. sediba trägt alle Anzeichen dafür, in der Ahnenreihe des Menschen direkt vor den Homo-Vertretern zu stehen, vielleicht sogar die ersten Homo-Arten aus dem Rennen zu werfen, wenn da nicht sein Fundort und die Datierung wären. Das älteste weitgehend unumstrittene Homo-Fossil ist mit 2,3 Millionen Jahre schlappe 300.000 Jahre älter als die A.-sediba-Fossilien aus Südafrika und stammt aus dem rund 4000 Kilometer entfernten äthiopischen Hadar, also nahe der Gegend, in der schon Lucy lebte. Bergers Versuch, A. sediba in die menschliche Ahnenreihe zu pressen und damit gleichsam die "Wiege der Menschheit" wieder von Ostafrika nach Südafrika zu verlegen, stößt daher auf große Vorbehalte. 

Auch seine kühnen Thesen über die Entwicklung von Becken und Gehirn werden interessiert, aber kritisch zur Kenntnis genommen. "Um das überzeugend zu gestalten, müsste man erst einmal A. Sediba mit allen südafrikanischen Australopithecinen vergleichen", warnt die Paläoanthropologin Dean Falk von der Florida State University in Tallahassee, eine Kapazität auf dem Gebiet der menschlichen Hirnevolution. Dass der Malapa-Fund bedeutend ist, wird dagegen von seinen Kollegen unumwunden eingestanden. "Sediba ist als Bild für den evolutionären Wandel in dieser Frühzeit ungeheuer wichtig", erklärt etwa Ian Tattersall, Paläontologe am Amerikanischen Naturkundemuseum in New York. 

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