Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Rätsel des Gottesberges gelüftet

Rätsel des Gottesberges gelüftet

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 11:07

Unter all den Vulkanen auf dieser Erde ragt einer hervor. Nicht unbedingt wegen seiner Größe oder Explosivität, sondern wegen seiner merkwürdigen Lava ist der Oldoinyo Lengai im tansanischen Rift Valley ein Unikum. Eine Arbeitsgruppe aus französischen, US-amerikanischen und tansanischen Forschern hat jetzt das Rätsel des Gottesberges gelüftet.

Maasai vor dem Berg GottesEinsam und steil ragt der Oldoinyo Lengai über dem Ufer des Natronsees im Norden Tansanias auf. Er ist nicht nur der letzte aktive Vulkan am tansanischen Rift Valley, er ist obendrein der einzige aktive Karbonatit-Vulkan der Erde. Rund 2300 Meter erhebt sich der fast perfekte Vulkankegel über das flache Ufer des Sees und die braunen Hügel, die nur von etwas schütterem Grün überzogen sind. Der Berg selbst und das Land um ihn herum sind mit aschgrauem Staub überzogen, denn der Vulkan ist seit einigen Jahren wieder aktiv. Bis August 2007 ließ er seine dünnflüssige Lava die Flanken hinab laufen und spuckt seither große Mengen Asche in die Luft. Oldoinyo Lengai heißt in der Sprache der Maasai Berg Gottes, und wenn er ausbricht, soll Engai, der höchste Maasai-Gott, zornig sein.

Spuckender LengaiEngai muss im September 2007 recht wütend sein, denn der Vulkan setzt so gewaltige Mengen Asche frei, dass die Behörden die höchste Gefahrenstufe ausrufen und die Ältesten des nächstgelegenen Maasai-Dorfes Naiyobi alle Angehörigen ihres Stammes ins Hauptdorf zurückbeordern. Die kleinen Gehöfte und Weiler zwischen dem Hauptdorf, dem Natronsee und dem Vulkan liegen menschenleer da und werden von einer Ascheschicht bedeckt. Der Lengai ist der letzte einer Kette von Vulkanen, die sich von Südwesten am Rand des ostafrikanischen Rift Valleys entlang ziehen. Die anderen Vulkane sind schon seit langer Zeit erloschen oder zumindest ruhig. Ihre Krater, allen voran der Ngorongoro-Krater, ziehen inzwischen Tiere wie Menschen gleichermaßen an.


Lengai aus der LuftObwohl im Lauf der Erdgeschichte aus zahllosen Vulkanen immer wieder Karbonatit-Lava geflossen ist, spuckt in unserer Zeit nur ein einziger Feuerberg diese besondere Lava aus: der Oldoinyo Lengai. Während die meisten Laven reich an Silikatmineralen sind, ist die des Lengais anders zusammengesetzt: Sie enthält große Mengen an Natriumkarbonatmineralen wie Nyerereit und Gregoryit. Dank dieser ungewöhnlichen Zusammensetzung bricht die Lava bei ungewöhnlich niedrigen Temperaturen von rund 500 Grad Celsius aus. Sie ist damit nur halb so heiß wie die anderer Vulkane - und sie ist extrem dünnflüssig. Es sieht aus, als ob Motoröl die Bergflanken herabrinnen würde. Erkaltet die Lava und kommt mit Regen in Kontakt, wird sie grau-weiß und verleiht dem Berg seine charakteristische helle Färbung. Seit Jahrzehnten reizt dieser Vulkan die Geowissenschaftler, doch eine befriedigende Erklärung für den Exoten hat bislang noch niemand gefunden.

Lava auf dem VulkangipfelEin Team von französischen, tansanischen und US-amerikanischen Geologen meint, während eines Ausbruchs im Jahr 2005 den Schlüssel zum Geheimnis des Lengai gefunden zu haben. Die Forscher haben die Gase untersucht, die aus Schloten und Rissen am Gipfel des Lengai entweichen. Sie fanden keinen Hinweis darauf, dass der obere Erdmantel unterhalb des Lengai, aus dem Magma und Lava stammen, besonders kohlenstoffreich ist. Ein solches Mantelgestein war von vielen Forschern als Ursache für die seltene Karbonatitlava angenommen worden. Dagegen stellten die Forscher um Tobias Fischer von der Universität von New Mexico fest, dass der Mantel unterhalb des Lengai genauso beschaffen ist wie unter den mittelozeanischen Rücken, die sich wie ein Netz von vielen Tausend Kilometern Länge durch die Ozeane ziehen. Sie ziehen daraus den Schluss, dass der Erdmantel, der sowohl diese Rücken als auch den Lengai und andere kontinentale Bruchzonen mit flüssigem Magma versorgt, ziemlich homogen ist.

Gipfel des LengaiDennoch bleibt die Frage, warum der Lengai beizeiten die ungewöhnliche Karbonatitlava ausspuckt. Offenbar schmolz nur ein winziger Teil der Minerale unter dem Lengai. „Um Karbonatitlava zu erhalten, braucht man nur eine ganz geringen Schmelzenanteil von 0,3 Prozent und weniger“, so Bernard Marty vom Zentrum für petrographische und geochemische Studien im französischen Nancy. Diese vergleichsweise geringe Schmelzenmenge enthielt wiederum einen hohen Natriumanteil und blieb deshalb stabil. Während Karbonate mit Calcium oder Magnesium, wie sie bei anderen Vulkanen vorherrschen, zerfallen und Kohlendioxid freisetzen, sobald sie aus den Hochdruckverhältnissen des Erdinneren in normale Druckverhältnisse gelangen, bleiben Natriumkarbonate stabil.


Fischer und seine Kollegen gehen davon aus, dass sich im oberen Mantel offenbar das leichte Karbonatmagma von den schwereren Silikaten trennt und ein kleines Reservoir auf der Oberseite bildet. Der Lengai aber liegt in einem Gebiet mit besonders dünner Erdkruste, weil der ostafrikanische Graben sich hier langsam verbreitert und so die afrikanische Kontinentkruste immer weiter dehnt. Durch diese dünne Kruste kann die dünnflüssige und kühle Karbonatitlava leicht hindurchstoßen. Und genau das hat sich bis zum August 2007 ereignet. Dann war das Reservoir offenbar erschöpft, so dass der Lengai seitdem silikatreiche Aschen ausstößt. Diese Zweiteilung in der Lengai-Lava kann nach Auskunft des Teams auch die Höhe des Gottesberges erklären. Der besteht nämlich zum größten Teil aus normaler silikatreicher Lava, die Karbonate sind viel zu weich und erosionsanfällig, um einen Kegel von 2300 Metern Höhe aufzubauen.

Verweise
Bild(er)