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Reaktionsschnelle Riesen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:33

Die schrumpfenden Gletscher in Europa gelten als Menetekel des menschgemachten Klimawandels. Die Eisriesen reagieren sehr empfindlich auf Klimaänderungen und quittieren den Temperaturanstieg der jüngsten 150 Jahre mit drastischen Verlusten. Allerdings waren die Eismassen der Alpen auch in der Vergangenheit keineswegs statisch. Mehrfach im Holozän waren die Gletscher sogar kleiner als sie heute sind. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien berichteten österreichische Wissenschaftler über ihre Erkenntnisse.

Unteraargletscher„In den letzten 150 Jahren haben die Alpengletscher etwa größenordnungsmäßig 50 Prozent ihrer Fläche verloren, das ist auf geologischer Skala ein relativ kleiner Zeitraum und doch eine ganz immense Flächenveränderung“, betont Kurt Nicolussi, Professor am Institut für Geographie der Universität Innsbruck. Allerdings, so ergaben Nicolussis Forschungen an einigen der gefährdeten Eisriesen, stand es seit der jüngsten Eiszeit schon mehrfach wesentlich schlechter um die Alpengletscher. „In der Nacheiszeit waren die Gletscher teilweise vergleichsweise lange deutlich kleiner als heute“, so Nicolussi. Diese Phasen konnten bis zu 1000 Jahre andauern.

Die Forscher ziehen ihre Erkenntnisse aus Pflanzenresten, die die Gletscherbäche von den noch unzugänglichen Arealen unter den Gletschern herunterspülen. Das sind Torfreste von ehemaligen Mooren, das sind aber auch Baumreste, darunter bis zu zehn Meter lange Stämme. „Wir haben Durchmesser bis zu 0,7 Meter“, so Nicolussi, „und Jahrring-Zahlen von bis zu 700 oder 800, also sehr alte Bäume, sehr große Bäume, die hier auf diesen Gletschervorfeldern wuchsen.“ Die Forscher haben ihr Material an Österreichs größtem Gletscher, der Pasterze am Großglockner, sowie am Unteraargletscher im Berner Oberland gewonnen. Es sind vor allem Zirben und Lärchen, die Nicolussi und seine Mitarbeiter aus den Gletscherbächen bergen – also die Bäume, die auch derzeit die Hochgebirgswälder der Alpen prägen. Und dank der Stämme können die Geowissenschaftler bestimmen, wann genau die Wälder dort wuchsen, wo heute die Eismassen liegen.

Zirbe im Gebirge„Wir haben zwei Datierungsansätze, die wir verfolgen und durchführen. Das eine ist der klassische Datierungsansatz mit der Radiokarbon-Methode, aber wir verwenden vor allen Dingen die Dendrochronologie, für die wir im Alpenraum jetzt eine durchgehende Serie für die letzten 9000 Jahre haben“, so Nicolussi. Mit beiden Methoden haben die Forscher ihre Uraltbäume datiert und beide Methoden haben übereinstimmend ein überraschendes Bild geliefert: Danach zogen sich die Gletscher vor ungefähr 10.300 Jahren kurz nach dem Ende der Eiszeit sehr stark zurück, um Wäldern und Mooren Platz zu machen. Dieses Gletscherminimum dauerte über 1000 Jahre und endete erst vor 9000 Jahren. Nach kurzem Vorstoß der Gletscher kippten die Alpen erneut in eine Warmperiode, die vor 8150 Jahren abrupt beendet wurde. „Das fällt sehr gut mit einer bekannten Klimaschwankung zusammen, dem so genannten 8.2-Event, der aus den grönländischen Eisbohrkernen bekannt ist.“ Damals sollen große Mengen Süßwasser aus der Hudson-Bay in Nordamerika in den Nordatlantik geströmt sein und die Ozeanströmungen kurzzeitig zum Erliegen gebracht haben. Europas Zentralheizung, der Nordatlantikstrom verschwand und es wurde kalt.

Vor 7000 Jahren war diese Kaltphase überwunden und die Gletscher zogen sich erneut stärker zurück als heute. Danach allerdings klangen die Temperaturschwankungen langsam ab. „Ab rund 6000 vor heute setzen die Belege für kleinere Gletscherausdehnungen als heute langsam aus“, fährt Nicolussi fort. Zu ihrer in der Mitte des 19. Jahrhunderts gemessenen Größe wuchsen die Alpengletscher vor rund 4000 Jahren heran. Seitdem hat es in Europa keine Warmphase mehr gegeben, in der sich die Gletscher stärker zurückzogen – und auch die seit rund 150 Jahren festzustellende Gletscherschmelze hat noch lange nicht das Ausmaß von früheren Perioden des Holozäns erreicht. Auch wenn man noch nicht genau bestimmen kann, wo im Gebiet der beiden Gletscher die Wälder nun standen, eine gewisse Vorstellung haben die Innsbrucker Forscher durchaus: „Wir haben einmal geschätzt, dass zumindest die Bäume vielleicht noch in einem Bereich standen, der heute noch etwa einen bis 1,5 Kilometer hinter der Zunge zu liegen kommen würde“, so Nicolussi. Beim gegenwärtigen Gletscherschwund wäre dieses Gebiet in zehn bis 20 Jahren freigelegt.

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