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Reis und Mungobohnen im Gepäck

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.05.2016 09:23

Ein internationales Archäologenteam hat die ersten archäologischen Beweise für die Kolonisierung Madagaskars durch Menschen aus Südostasien gefunden. Danach hat es seit dem 8. Jahrhundert nach Christus Siedlungsbewegungen über den Indischen Ozean hinweg bis vor die afrikanische Küste gegeben. Ihre Befunde veröffentlichen die Wissenschaftler in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS).

Reisfelder auf der ostafrikanischen Insel Madagaskar. (Bild: PNAS/Alison Crowther)Die Forschenden haben Samen von Kulturpflanzen aus 18 verschiedenen Siedlungen aus dem Raum von Kenia über Tansania und die Komoren bis nach Mosambik und Madagaskar untersucht, und dabei einen eindeutigen Unterschied zwischen den afrikanischen Plätzen und denen auf den Komoren und Madagaskar gefunden. „Uns überraschte der deutliche Unterschied“, erklärt Hauptautorin Alison Crowther von der Universität Oxford. Auf dem afrikanischen Kontinent dominierten die typisch afrikanischen Nutzpflanzen wie Sorghum, Hirse und Affenbrot. Auf den Komoren und Madagaskar prägten dagegen Reis und Mungobohnen den Ackerbau und verliehen damit dem Speisezettel der Bevölkerung ein eindeutig südostasiatisches Gepräge.

Archäologischer Nachweis für Kontakte nach Südostasien

Damit liegt erstmals eine archäologische Bestätigung für genetische und linguistische Hinweise einer Kolonisierung Madagaskars aus Südostasien vor. „Wir können endlich einen Blick auf die äußerst rätselhafte südostasiatische Besiedlung der Insel werfen und sie eindeutig trennen von der Besiedlung, die vom afrikanischen Kontinent aus stattgefunden hat“, sagt Mitautorin Nicole Boivin von der Universität Oxford, die in Kürze als Direktorin der Abteilung für Archäologie ans Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena wechseln wird. Boivin und Crowther gehören zum Leitungsteam des Projektes Sealinks, eines vom Europäischen Forschungsrat geförderten Großvorhabens, das die Schifffahrtsrouten und Bevölkerungsbewegungen im Indischen Ozean vor Ankunft der Europäer erforscht. Der Bericht in PNAS entstand im Rahmen von Sealinks.

Alison Crowther bearbeitet archäologische Sedimente auf der tansanischen Insel Pemba. (Bild: PNAS/University Bristol, Mark Horton)Während die archäobotanischen Funde für Madagaskar nur die Bestätigung einer schon lange akzeptierten Vorstellung von der Erstbesiedlung liefern, bedeuten sie für den nördlich angrenzenden Archipel der Komoren eine handfeste Überraschung. In Fundstätten auf den beiden größten Inseln Grande Comore und Anjouan sowie auf dem angrenzenden französischen Überseeterritorium Mayotte fanden die Archäologen ebenfalls vornehmlich Reiskörner und Mungobohnen. Das spricht auch hier für eine Kolonisierung aus dem weit entfernten Südostasien. „Damit haben wir nicht gerechnet“, so Alison Crowther, „denn die Menschen auf den Komoren sprechen afrikanische Sprachen, und sie sehen - anders als die Bevölkerung Madagaskars - überhaupt nicht aus, als könnten sie südostasiatische Urahnen haben.“  Allerdings gibt es offenbar auch linguistische Hinweise auf eine solche Beziehung. Nicole Boivin: „Als wir die Ergebnisse der Sprachforscher zu den Komoren genauer analysierten, stellten wir fest, dass zahlreiche angesehene Linguisten dieselbe Argumentation verwenden.“ Tatsache allerdings bleibt, dass die heutige Bevölkerung der Komoren Sprachen spricht, die der afrikanischen Bantu-Familie angehören und auch genetisch nur wenig Verbindungen nach Südostasien aufweisen.

Komoren als Handelsdrehscheibe

Die Archäologen versuchen die unterschiedlichen Befunde mit folgendem Modell zu harmonisieren: Aus Südostasien sind die Menschen zunächst bis zu den Komoren gelangt und haben von dort aus Madagaskar besiedelt. In dieser Periode hätten die Inseln so etwas wie eine Drehscheibe des Handels der südostasiatischen Völker mit Afrika dargestellt. In einer späteren Phase gelangten dann Bantu sprechende Siedler von Afrika auf den Archipel, die sich dort im Lauf der Zeit durchsetzten.  Linguistische und genetische Untersuchungen sowie unabhängige archäologische Studien müssen dieses Modell jetzt allerdings noch stützen.