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Risikofaktor Natur im Wandel

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.04.2016 16:21

Allem technischen Fortschritt zum Trotz bleibt die Menschheit den Naturgewalten weiterhin ausgesetzt. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien zeigten Wissenschaftler, dass Opferzahlen und materielle Schäden zwar leicht abnehmen. Gleichzeitig, so ihre Warnung, ändere sich jedoch die Risikostruktur: Stürme und ihre Begleiterscheinungen haben in den vergangen 50 Jahren Hochwasser und Überflutungen als größtes Naturrisiko abgelöst. In Europa werden sich zudem die bislang recht idyllischen Zustände aufgrund des Klimawandels langfristig verschlechtern.

Dürren wie hier in Griechenland machen vor allem der Landwirtschaft zu schaffen. (Foto: Marcel van Oijen) "Wenn man alle Naturgefahren zusammennimmt, sehen wir für viele Teile Europas ein steigendes Risiko, auch weil viele Gefahren zusammenkommen", sagt Giovanni Forzieri, Klimaforscher am Forschungszentrum der EU-Kommission (JRC) im italienischen Ispra auf der EGU-Jahrestagung. Am JRC hat man Modellrechnungen durchgeführt, um die einzelnen Risiken besser abzuschätzen. "Hitzewellen werden in ganz Europa zunehmen", erklärt Forzieri. Das gilt auch für Sturmfluten an Europas Küsten. Klirrende Kälteperioden werden dagegen bis zum Jahrhundertende nahezu verschwinden, bei Überschwemmungen, Waldbränden und Stürmen wird es große lokale Unterschiede geben.

Die Sturmflut von 1962 in Hamburg-Wilhelmsburg. (Bild: Gerhard Pietsch/flickr)Am stärksten betroffen sind der Süden und Südwesten des Kontinents, weil sich hier Hitze und Trockenheit besonders bemerkbar machen. Die Atlantikküsten werden dagegen stärkere Stürme und Sturmfluten erleben, der Norden und die Mitte vor allem Starkregenfälle und Überschwemmungen. Die JRC-Forscher haben ihren Modellrechnungen ein Klimaszenario zugrundegelegt, bei dem die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahrhundertende um nicht mehr als zwei Grad ansteigt. Derzeit gehen nur wenige davon aus, dass die Menschheit dieses Ziel wird einhalten können, die Simulationsergebnisse dürften damit eher so etwas wie eine Untergrenze darstellen.

Bei einem Blick zurück sieht man, dass Europa bislang relativ glimpflich davon gekommen ist. Forscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bauen seit 2003 die Datenbank CatDat auf, die Naturkatastrophen und ihre Schäden seit 1900 verzeichnet. Der australische Erdbebeningenieur James Daniell hat daraus am KIT ein Schadenmodell entwickelt und auf der Jahrestagung der EGU eine Bilanz vorgestellt: Mehr als acht Millionen Tote und Schäden von umgerechnet über sieben Billionen heutigen US-Dollar, also rund 6,2 Billionen Euro."Wir haben rund 35.000 Schadenereignisse seit 1900 ausgewertet", sagt James Daniell, "und wir sehen bei den wirtschaftlichen Schäden einen rückläufigen Trend, wenn man die Werte in heutige US-Dollar umrechnet." Auch der Anteil der Katastrophenopfer an der Bevölkerung ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts gesunken. "Das ist eine gute Nachricht", sagt James Daniell.

Erdbebenschäden in Christchurch machten Häuser unbewohnbar. (Bild: GNS Science)Die CatDat-Datenbank ist weniger als Register der Naturkatastrophen gedacht, sondern sie soll Regierungen und Hilfsorganisationen Hilfestellung bei der Risikoabschätzung und der Notfallplanung bieten. So schält sich aus der Statistik ein Trend zu häufigeren und stärkeren Sturmkatastrophen heraus. Auf den gesamten Zeitraum seit 1900 bezogen, sind Fluten und Erdbeben für mehr als die Hälfte der verzeichneten Schäden und Todesopfer verantwortlich, Stürme jeglicher Art tauchen mit rund 19 Prozent als drittgrößter Verursacher auf. Sieht man sich aber nur die jüngsten 50 Jahre an, lösen Stürme und damit zusammenhängende Sturmfluten die Hochwasser als größte Schadensursache ab.

"Der Anstieg der Stürme ist beispielsweise in Bangladesch ein Problem, obwohl wir die letzte wirklich schwere Katastrophe 1991 hatten", sagt James Daniell. Am 29. April 1991 traf ein starker Zyklon das tiefliegende Ganges-Brahmaputra-Delta und sorgte für eine bis zu sechs Meter hohe Flutwelle. Mindestens 138.000 Menschen starben - vor allem in der schwer getroffenen Hafenstadt Chittagong. Die Sturmintensität im Golf von Bengalen scheint zuzunehmen, gleichzeitig wird das dichtbesiedelte Delta vom weltweiten Anstieg des Meeresspiegels bedroht. Als eine erste Maßnahme nach der Katastrophe von 1991 begann daher die Regierung, Dörfer, die unmittelbar an der Küste liegen, weiter ins Landesinnere zu verlagern. Da es in den 35 Jahren seit Chittagong keinen so schweren Sturm mehr gegeben hat, kehren die Leute allerdings wieder in ihre alten Dörfer zurück. Wenn der nächste schwere Zyklon die Küstenregion trifft, mag sich das rächen.

Schäden im Küstenbereich: Japan nach dem Tsunami von 2011. (Bild: U.S. Navy)Bessere Schutzmaßnahmen haben einen gewichtigen Anteil daran, dass die Folgen der Naturkatastrophen sich nicht drastisch verschlimmern, obwohl die Siedlungsdichte in den gefährdeten Gebieten dramatisch gewachsen ist und soviel ökonomische Werte wie nie zuvor auf dem Spiel stehen. So sind die Bauvorschriften in allen erdbebengefährdeten Staaten der Erde drastisch verbessert worden. „Neue Gebäude schlagen sich in der Regel ziemlich gut“, sagt James Daniell. Das hat man wieder am 16. April beim 7,8-Beben im Westen Ecuadors gesehen. „Ecuador ist ein Entwicklungsland, aber sie tun viel, um die Bauvorschriften auf aktuellem Stand zu halten“, betont der Erdbebeningenieur. Die Gebäude, die nach aktuellen Bauvorschriften errichtet wurden, verkrafteten die Erdstöße ziemlich gut, ein Problem waren die vielen alten Gebäude. Sie werden natürlich weiterhin bewohnt, boten aber auch bei dem Beben vom Wochenende keinen guten Schutz. Man rechnet mit Schäden von weit über einer Milliarde US-Dollar.

Schluderei und offene Missachtung der Bauvorschriften ist in vielen gefährdeten Staaten ein weiteres großes Problem. Dass davon auch solche betroffen sind, die als vorbildlich gelten, zeigt das Beispiel der taiwanesischen Stadt Tainan. Bei einem für die Insel nicht ungewöhnlich starken Beben mit der Magnitude 6,5 war Anfang Februar ein Wohnhaus mit 17 Stockwerken in sich zusammengebrochen - gegen den Eigentümer wird seither wegen drastischer Missachtung der örtlichen Bauvorschriften ermittelt.

Auch in Sachen Hochwasser haben die technischen Verbesserungen spürbare Erleichterung gebracht. 1931 durchbrachen in China sowohl der Yangtse als auch der Gelbe Fluss zahlreiche Deiche - je nach Schätzung kostete die Überschwemmung bis zu drei Millionen Menschenleben. Seither haben die chinesischen Regierungen die Schutzdeiche entlang der Flüsse verstärkt und überdies mit Stauseen wie dem Drei-Schluchten-Damm versucht, die Gewalten der Flüsse zu bändigen.

Auch Überschwemmungen werden zunehmen. (Bild: NOAA)Doch es sind nicht nur die besseren Schutzmaßnahmen, die für einen positiven Trend in der Statistik sorgen - es ist auch reines Glück. Eine so schwere Flutkatastrophe wie 1931 in China hat sich seither nicht mehr ereignet. Und allen Bebenmeldungen der jüngsten Vergangenheit zum Trotz, sind die wirklich katastrophalen Ereignisse, mit denen man in den Ballungsräumen von Tokio, Los Angeles oder Istanbul rechnet, bislang nicht eingetreten. Beispiel Tokio: "Das Kanto-Beben von 1923 in der Region Tokio hat rund 100.000 Menschenleben gekostet und in damaliger US-Währung rund 3,8 Milliarden Dollar Schäden verursacht", sagt Daniell, "das gleiche Beben heutzutage würde Schäden von ungefähr zwei Billionen US-Dollar verursachen." Auf dieses Beben wartet die japanische Hauptstadt mit Sorge. Tritt es ein, dürfte es die positive Entwicklung in der Statistik namhaft verändern.