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Sägen am eigenen Ast

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 12:08

Es wird einsamer um uns Menschen herum. Während unsere Spezies von Bevölkerungsrekord zu Bevölkerungsrekord eilt, werfen immer mehr Tierarten das Handtuch oder schwinden dahin. Von den Insekten und den Amphibien weiß man schon lange, dass sie zum Teil dramatische Verluste erleiden. Jetzt haben mehr als 1700 Biologen eine Bestandsaufnahme der Säugetiere gemacht - und da sieht es ähnlich ernst aus. Auf der Weltnaturschutzkonferenz in Barcelona stellten sie die Bestandsaufnahme in dieser Woche vor, veröffentlicht wurde sie in der aktuellen „Science“.

ElefantRund die Hälfte aller Säugetierarten ist auf dem absteigenden Ast und die Zahl der bedrohten besorgniserregend hoch. „Wenn man die die Kriterien der IUCN anlegt, sind 25 Prozent der Säugetiere vom Aussterben bedroht“, warnt Jan Schipper, Direktor der Säugetierinventur, die die Weltnaturschutzorganisation IUCN in Auftrag gegeben hat. Jede vierte Säugetierart wird von der IUCN inzwischen als bedroht, gefährdet oder sogar stark gefährdet eingestuft. „Und was noch viel schlimmer ist“, so Schipper, „ist die Tatsache, dass das möglicherweise sogar auf über ein Drittel der Arten zutrifft, denn über 15 Prozent haben wir nicht genug Daten, um überhaupt etwas sagen zu können.“ Nach fünf Jahren Fleißarbeit war dies wohl die größte Überraschung für die Biologen. „Während wir die großen Säugetieren wie Elefanten recht gut im Blick haben, sind viele kleine Tiere kaum erforscht.“ Insbesondere die oft unbeliebten Nagetiere und Fledermäuse fristen ein unbeachtetes Dasein, dabei machen sie 70 Prozent aller Säugetiere aus und spielen in vielen Ökosystemen eine zentrale Rolle.

Der wichtigste Grund für das Verschwinden der Säugetiere ist die Lebensraumzerstörung. Das ist anders als etwa bei den Amphibien, wo derzeit ein Pilz ganze Populationen ausrottet. Die Lebensraumzerstörung geht ganz auf das Konto des Menschen, auch wenn der die Tiere nicht direkt verfolgt. „Wir legen Plantagen an, Monokulturen, Straßen, Gewerbe- oder Wohngebiete“, verdeutlicht Schipper, „in Südostasien, Zentralafrika oder Zentral- und Südamerika bringen wir Arten durch die Tropenholzproduktion oder den Anbau von Energiepflanzen zum Aussterben.  Das geschieht für den globalen Markt und so tragen wir alle zum Artensterben bei.“ Aussterbegrund Nummer zwei hat direkt etwas mit dem Menschen zu tun: Überjagung zu Wasser und zu Lande.

Beim Drittplatzierten der Bedrohungsrangliste ist der Mensch zumindest ein starker indirekter Mitspieler: AggresAfrikanisches Paradies, großsive einwandernde Arten oder neue Krankheiten breiten sich vor allem mit dem Menschen über dessen weltweite Transportnetze aus. So verdrängt das amerikanische graue Eichhörnchen schrittweise das europäische rote, seitdem es in Italien freigesetzt und nicht rechtzeitig bekämpft wurde. Allerdings hier gibt es auch prominente Beispiele dafür, dass der Mensch - zumindest nach allem, was wir bisher wissen - nicht beteiligt ist. Schipper: „Das Ebola-Virus hat zum Beispiel schlimme Folgen für die Gorilla-Populationen, auch die Tasmanischen Teufel könnten durch eine neue Viruserkrankung aussterben.“ Das Aussterben betrifft inzwischen auch Arten, die häufig vorkommen, deren Population also stabil schien. Beispiel: die Fischkatze aus Südostasien. Früher war sie in den Fluss- und Sumpfgebieten der Region häufig anzutreffen, „aber jetzt“, so Schipper, „wo 45 Prozent der Feuchtgebiete trockengelegt wurden, ist sie als gefährdete Art eingestuft worden“.

Der Artenrückgang, gleichgültig ob Säugetiere, Lurche, Vögel oder Insekten sollte uns Menschen nicht egal sein, meint IUCN-Mitarbeiter Jan  Schipper. Denn auch wenn wir inzwischen der beherrschende Faktor auf unserem Planeten geworden sind, bleiben wir Teil des Ökosystems und können überraschende Folgen des Artensterbens zu spüren bekommen. „Es gibt etliche Fledermausarten, die wichtige Bestäuber für Zuckerrohr sind. Sterben sie aus, bekommen die Zuckerrohrbauern große Probleme. Fledermäuse bestäuben auch die Agaven, die für die Tequila-Produktion gebraucht werden“, so Schipper.

Regenwald in AfrikaDas Wissen über die Verknüpfungen der Arten miteinander ist noch zu gering, als dass wir genau beurteilen könnten, welche Lücke eine bestimmte Art reißen wird. Doch Bespiele wie die Fledermäuse oder bei den Insekten die Bienen zeigen, wie groß die Gefahr ist, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Klassischer Tierschutz, der sich auf den Erhalt bestimmter Arten konzentriert, kann allerdings nicht weiterhelfen. Das Nachzüchten von Tieren in Zoos mit anschließendem Auswildern hat zwar einige Bestände wieder wachsen lassen. Der Schwarzfuß-Iltis in Nordamerika oder das Breitmaulnashorn in Südafrika sind auf diese Art dem Aussterben entronnen. Aber ein solches Vorgehen ist derart teuer, dass es nur bei einigen, so Schipper, „Leuchtturmarten“ möglich ist. Den anderen, speziell denjenigen, die unauffällig oder sogar unerkannt die Erde bevölkern, werden wir nur durch mehr Rücksicht auf die Natur helfen können.

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